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Im Tempel der Humanität

Die Freimaurerloge „Glocke am Fuße der Alb“ gibt es seit 1886

Ihre Brüder suchen die Offenheit, glauben aber weiter an die Wirkkraft mittelalterlicher Symbole: Die Reutlinger Freimaurerloge „Glocke am Fuße der Alb“ feiert mit Vorträgen und einer Ausstellung ihr 125-jähriges Bestehen.

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Matthias Reichert
Symbolischer rauer Stein mit Spitzhammer: der Meister vom Stuhl Wilhelm Mändle in der Kapelle der ... Symbolischer rauer Stein mit Spitzhammer: der Meister vom Stuhl Wilhelm Mändle in der Kapelle der Freimaurer.Bild: Haas

Reutlingen. Das Herzstück des Logenhauses in der Oberamteistraße ist die Kapelle: ein rechteckiger Raum mit rotem Samtteppich. An der Seite stehen Bänke mit Sitzkissen, am Kopfende ein Podest für den Meister vom Stuhl. Wilhelm Mändle leitet hier die Treffen seiner rund 60 Reutlinger Brüder. Immer donnerstags sind Vorträge zu aktuellen Themen mit anschließender Diskussion. „Die Freimaurerei bringt Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnen würden“, sagt Mändle. „Freimaurer sind ganz normale Menschen, die sich treffen und austauschen.“

Einmal im Monat ist eine Feierstunde mit Kerzen, Riten und Kleiderordnung – schwarzer Anzug mit weißer Krawatte und weißen Handschuhen ist die Vorgabe. „Wir nennen diese Feiern Tempelarbeit“, berichtet Logenmitglied Werner Zey. Er hat zum 125-jährigen Bestehen der Loge eine Ausstellung über das Logenleben organisiert, die am Sonntag im Heimatmuseum eröffnet wird. Im Oktober sind zwei Vorträge geplant, auch über den prominenten Freimaurer Friedrich List.

Symbolik spielt bei den Treffen eine große Rolle. Etwa Zirkel, rechter Winkel und Wasserwaage – Werkzeuge der mittelalterlichen Domhüttenbaumeister, die die internationalen Logenmitglieder früh verbanden. Der „raue Stein“, den Mändle zum Fototermin auspackt, steht für den Menschen in seiner Ursprünglichkeit, der sich vervollkommnen solle, um sich in den Bau der Gesellschaft einzufügen. Zum Stein gehört der Spitzhammer: „Es geht darum, die Ecken und Kanten der Unvollkommenheit abzuschlagen“, sagt Mändle. „Wir bauen den Tempel der Humanität“, erklärt Zey etwas pathetisch.

Die Mitglieder der Reutlinger Loge kommen teils bis aus Mannheim und vom Ammersee angereist. Es gibt mehr als 30 Freimaurerlogen in Baden-Württemberg, sie folgen unterschiedlichen Lehren. Die Reutlinger Loge gehört zur Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland, der mitgliederstärksten Großloge; sie hat nach eigenen Angaben 9300 Brüder.

„Wir sind keine Glaubensgemeinschaft“, erklärt der Meister vom Stuhl. Die Freimaurer gehören unterschiedlichen Religionen oder Parteien an, auch Atheisten sind darunter. Die Loge selbst halte sich aus parteipolitischen Programmen und aus Glaubensfragen heraus. Es gibt Handwerker und Professoren, Lehrer und Kaufleute, Banker und Ärzte unter den Logenbrüdern; Mändle selbst ist Beamter in Altersteilzeit. Sprechen Freimaurer im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz über ihre Logenzugehörigkeit? Da gebe es eine Faustregel. Jeder darf sich selbst outen – nicht aber die Brüder.

Die jüngsten Logenbrüder sind Ende 20, der älteste ist über 80. Die meisten kommen im mittleren Alter dazu, wenn sich das Leben beruflich und privat eingependelt hat und sich die Sinnfrage stellt oder Freundschaften fehlen. Vorstellungen vom Geheimbund sind passé. „Heute ist der Hauptzugang das Internet“, erklärt Mändle. „Wir wollen kein Geheimnis machen um das, was wir tun.“ Wobei natürlich Vertraulichkeit die Voraussetzung für tiefe Kontakte und Freundschaften sei. „Wir wirken nicht im Verborgenen, das sind tradierte Klischees.“ Wie Frey erläutert, stammen diese aus der Zeit, als es gefährlich war, die eigene Meinung offen zu äußern. Damals suchten die Logenbrüder geschützte Räume, das Besprochene blieb unter ihnen.

Deshalb ranken sich viele Verschwörungstheorien um die Freimaurer. Die lassen die Brüder um Mändle indes kalt. „Man kann nicht jeder Strömung nachgehen.“ Bestsellerautor Dan Brown habe ihnen jedenfalls nicht geschadet, im Gegenteil: „Seither interessieren sich so viele Leute für die Freimaurer wie nie zuvor.“ Allerdings hätten die Interessenten oft abenteuerliche Vorstellungen, seien dann von der eher philosophischen Herangehensweise der Brüder enttäuscht.

1933 verboten die Nazis die Freimaurer, 1946 wurde die Reutlinger Loge wieder eröffnet. „In der Demokratie können wir nach außen gehen und uns präsentieren“, sagt Zey. „Unsere Ideale werden in der Demokratie geteilt.“ Zu diesen Idealen gehören Toleranz, Meinungsfreiheit, die Werte der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. „Unser Ziel ist Selbsterkenntnis als erster Schritt zur Weisheit“, erklärt Wilhelm Mändle. Das übten die Brüder auf unterschiedlichen Ebenen mit Symbolen ein. Die mittelalterlichen Werkzeuge sind dabei auch heute noch aktuell, glauben die Reutlinger Brüder. „Da kann man immer darüber nachdenken, wie sich das im täglichen Leben darstellt – mit welchen Werkzeugen kann ich an mir selbst arbeiten?“

21.09.2011 - 08:00 Uhr | geändert: 21.09.2011 - 08:06 Uhr

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