Auch seine Erneuerung hat der Marienkirchen-Engel überstanden: Gestern feierten Hunderte Zuschauer/innen die Rückkehr des robusten Himmelsboten auf die Spitze des Kirchturms.
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Julia Müller
Reutlingen. Ihr Engel fehlte der Turmspitze der Marienkirche mehr als drei Monate lang. Jetzt hat sie ihn, frisch und rundum vergoldet, wieder. Fest verpackt brachten Handwerker gemeinsam mit Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und Dekan Jürgen Mohr den Himmelsboten am gestrigen Sonntag zurück auf die Spitze des Westturms. Den Großteil der 71 Meter legte er per Fahrstuhl zurück, den Rest per Flaschenzug, bevor er an höchster Stelle befestigt wurde. OB Bosch wünschte aus der Höhe, durch Lautsprecher verstärkt, dass der Engel, der schon seit 666 Jahren auf der Kirchturmspitze steht, Reutlingen „auch in die nächsten Jahrhunderte geleitet.“
Im Zuge der Turmhelmsanierung der Marienkirche wurde der Engel im Sommer abmontiert, um in einer Werkstatt restauriert zu werden, erklärte Pfarrerin Sabine Großhennig am Samstag in der Kirche. Die Witterung der letzten Jahre hatte ihm stark zugesetzt. Vor allem Blitzeinschläge beschädigten die Oberfläche der Metallfigur, die seit 1343 Teil des Kirchenbaus ist. Immer wieder nahm man ihn von der Kirchturmspitze, um ihn zu reinigen, ölen, kitten oder neu zu vergolden.
Nachdem Reutlinger 1247 das feindliche Stauffer-Heer im Versprechen an die Jungfrau Maria abgewehrt hatten, errichteten sie als Einlösung ihres Gelöbnisses das Kirchengebäude. Sie schmückten es mit dem Engel, dessen erhobene Hand deshalb als Schwurhand betrachtet wird. Weil das typische Pendant der Maria fehlt, ist es unwahrscheinlich, dass es sich, wie lange angenommen, um Erzengel Gabriel handelt.
Er überstand Erdbeben, Krieg und Stadtbrand
Der Engel hat eine turbulente Geschichte. Den Stadtbrand 1726 überstand er, weil er kurz vor der Katastrophe vom Turm genommen wurde. 1943 ließ ein Erdbeben ihn vom Turm herabfallen. „Zu seinem Glück“, sagte Helen Wanke vom Heimatmuseum, denn so umging er die Bombardierung im darauffolgenden Jahr.
Seit letztem Sonntag konnten Interessierte dem Engel in der Ausstellung „Figuren des Heils – Gotische Kunst aus Reutlingen“ im Heimatmuseum gegenübertreten, am Samstag war es im Chorraum der Kirche möglich. Die 1,30 Meter große Figur weist einige spezielle Eigenschaften auf, beispielsweise den Flügel, der als Wetterfahne funktioniert und den Engel im Wind drehen lässt. „Er ist etwas ganz Besonderes“, kommentierte Großhennig am Samstag im Chorraum.
Einzelheiten machen den Engel besonders
Das bestätigte auch Wanke. Der Engel sei in seiner Art der einzige im südwestdeutschen Raum. Ähneln würden ihm Windengel aus Frankreich, die dem Reutlinger Himmelsboten wahrscheinlich als Vorbild dienten. Eine weitere Besonderheit der Figur aus Kupfer sind die Kassetten unter seinem Rock. In ihnen befinden sich Dokumente wie Zeitungsartikel, die Menschen bei seinen letzten Aufenthalten auf dem Boden dort deponiert hatten.
Die Sanierung des Turmhelms, zu der auch die Restaurierung des Engels gehört, kostet über eine Million Euro. Für ein Drittel kommt die Stadt auf, ein weiteres Drittel zahlen Land, Landeskirche und Kirchenbezirk. Die letzten 300 000 Euro muss die Gesamtkirchengemeinde selbst aufbringen. Durch zahlreiche Spender/innen konnte sie bereits 240 000 Euro für die Sanierung sammeln. „Das zeigt die Verbundenheit der Menschen mit dem Engel und der Marienkirche“, sagte Großhennig. Mit dem Verkauf von Miniaturengeln als Schmuckanhänger oder einer Schoko-Spendenaktion, bei der ein Teil des Kauferlöses gestiftet wird, tragen auch Unternehmen Geld für die Kirche zusammen.
Die um die Kirche versammelten Zuschauer/innen verfolgten die Rückkehr des Windengels, der in der Höhe nur schwer zu erkennen war. „Der Engel hat vieles schon gesehen, sein Lächeln ist unverändert geblieben“, rief OB Bosch von oben. Noch vor zwölf Uhr war der Engel dann installiert, um wieder über den Dächern Reutlingens zu glänzen.