100 Kilometer wie ein Uhrwerk
Der 60-jährige Deutsche Meister Alfred Gross macht‘s in 9:17:48 Stunden
Der 60-jährige Reutlinger Alfred Gross läuft Zehn- bis Hundert-Kilometer-Distanzen mit der Präzision eines Uhrwerks – und hat das auch für die nächsten 20 Jahre vor.
Tina Pokern
Was als Ausgleichssport begann, ist für Alfred Gross zum festen Bestandteil des Tagesablaufs geworden. Bild: Haas
Reutlingen. 100 Kilometer. Eine Distanz so groß wie die Strecke von Reutlingen nach Karlsruhe. Eine Distanz, die Alfred Gross im Oktober zum ersten Mal gelaufen ist. Nach 9:17:48 Stunden hatte er sie bezwungen, die 20 Runden der Fünf-Kilometer-Schleife in Ahrweiler und wurde damit Deutscher Meister bei der Klasse M 60.
Als Alfred Gross mit dem Laufen begann, faszinierte ihn vor allem die Landschaft, die Ruhe zum Nachdenken und Abschalten. Heute läuft der Reutlinger zweimal täglich. Einmal morgens und einmal am Abend zwei bis drei Stunden, 15 Kilometer Minimum.
Was als Ausgleichssport begann, ist zum festen Bestandteil des Tagesablaufs geworden. Nicht nur sein eigenes Laufpensum hat sich ritualisiert, sondern auch das seiner Frau. Auch sie ist mittlerweile begeisterte (Mit-)Läuferin und dadurch Trainingspartnerin geworden. Gemeinsam erlaufen sie sich die Waldgebiete rund um Reutlingen, am liebsten mit Blick auf das Albpanorama und fahren zusammen zu den Sportereignissen. Gross schwärmt: „Es ist ganz wunderschön, wenn wir zusammen auf die großen Wettkämpfe fahren.“
Wenig Spaß im
Fitnessstudio
Eigentlich ist Alfred Gross klassischer Pianist, die Disziplin hat er von klein auf beim Musizieren erlernt und verinnerlicht. Die Regelmäßigkeit, mit welcher er das Laufen praktiziert, langweilt ihn nicht. Und wenn doch, dann meist, wenn er auf Grund der schlechten Witterungsbedingungen sein Training ins Fitnessstudio verlegen muss.
Da fehlt der Spaß, den der Blick auf die Natur mit sich bringt, dann behilft er sich mit einer ganz besonderen Strategie: „Ich stell mir schöne Läufe vor, die ich gemacht habe, zum Beispiel den Zieleinlauf in Berlin Unter den Linden.“ 2002 bestritt Gross seinen ersten Marathon, knapp acht Jahre später läuft der 60-Jährige von der Zehn-bis 100-Kilometer-Distanz alles.
Die 100-Kilometer in Ahrweiler waren bisher seine größte Herausforderung. Dafür hatte er von Mai bis Oktober konstant seine Form halten müssen und einem Ernährungsplan, die Kohlenhydrat- und Eiweiß-Balance genau ausgeklügelt und sogar im Vorfeld an zwei sechsstündigen Läufen teilgenommen, um seine Form zu testen.
Vor dem Wettkampf
ein Bauernfrühstück
Den Wettkampfmorgen hatte er dann wie immer, mit einem Bauernfrühstück begonnen, die letzte feste Mahlzeit während der bevorstehenden Stunden, denn Energie bekommt man während des Laufens nur noch flüssig, durch Isogetränke. Der in seinem Verein, der LAV, als „Uhrwerk“ betitelte Läufer spulte die ersten 75 Kilometer ohne Probleme in gewohnter Gleichmäßigkeit ab, dann so sagt er: „Ab Kilometer 75 konnte ich kein Iso mehr sehen. Dann bin ich leichtsinnig geworden. Wenn man unterzuckert, geht man am Krückstock.“ Gewonnen hat er dann doch. Trotzdem, dass nächste Mal will er konstanter laufen, seine Bestzeit noch einmal knacken. Nun wisse er ja, was ihn erwarte.
Mit 60 steht Gross mitten im Sportlerleben, und das soll auch noch eine Weile so bleiben. Im März will Gross mit seinem Laufkollegen Walter Koch – der ist noch einmal fast zehn Jahre älter als er und zählt in seiner Altersklasse ebenfalls zur Spitzenklasse – den Marathon auf dem Kandel laufen, „sein Hase sein“, ihn in seinem Unternehmen, die Bestzeit noch einmal zu verbessern, unterstützen. Koch ist für Gross Vorbild und Ansporn. Er wünscht sich für die eigene Zukunft: „In 20 Jahren auch noch so gut zu laufen.“