Carmen Haselberger filmt seit 25 Jahren beim VfB Stuttgart und hat nur ein Spiel versäumt
Carmen Haselberger, 49, hat einen Nebenjob, um den sie mancher Fußball-Fan beneidet. Die Betzingerin ist Kamerafrau in der Stuttgarter Arena. Einst bekam sie vom VfB-Trainer den Sternenhimmel erklärt.
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Vincent Meissner
Seit mehr als 25 Jahren hat sie ihren Stammplatz in der Stuttgarter Arena vor der Cannstatter Kurve: Die Reutlingerin Carmen Haselberger filmt bei den Heimspielen von Fußball-Bundesligist VfB Stuttgart für die Stadionshow auf den Video-Leinwänden.Bild: Ulmer
Stuttgart / Reutlingen. Carmen Haselberger zieht erst mal ihre Jacke aus. Dann einen Pullover und dann nochmal einen – die Kälte kann ihr nichts anhaben. In den Schuhen liegen selbstheizende Sohlen. Gleich beginnt die Pressekonferenz in den Katakomben der Stuttgarter Arena. Draußen ist es eisig, doch Haselberger hat schon kältere Spiele mitgemacht. „Minus 17 Grad im Dezember vor zwei Jahren gegen Hoffenheim. Das war nicht mehr normal.“
Carmen Haselberger filmt im Nebenjob in der Arena in Stuttgart-Bad Cannstatt für die Video-Leinwand. Im Neckarstadion hatten sie einst bei der Leichtathletik-EM 1986 die erste Leinwand in Deutschland. „Deshalb waren wir auch die ersten, die eine Stadionshow hatten“, sagt Haselberger, die unter der Woche als Rundfunk-Produzentin bei einem Reutlinger Radiosender arbeitet.
Zum Filmen kam Haselberger eher zufällig: Während ihres Studiums der Theaterwissenschaft in München hielt sie zum ersten Mal eine Profi-Kamera in der Hand. Damals filmte die Studentin Theaterstücke für Studien-Seminare.
Als dann Reinhard Kühner, ein Freund von ihr aus Reutlingen, die Vermarktungsrechte für die Stadion-Leinwand bekam, fragte er bei Carmen Haselberger an. Für sie gab es nur ein Problem: „Ich hatte von Fußball keinen blassen Dunst.“
Hilfe bekam sie jedoch von ihrem Vater. Der war in den 1970er Jahren Bundesliga-Schiedsrichter. Ihn bat sie um ein Regelheft, das sie eifrig studierte. Dazu schaute sie die Sportschau und das Aktuelle Sportstudio. Im August 1986 gegen den 1. FC Homburg war es dann soweit – sie stand erstmals mit der Kamera am Spielfeldrand. Als sie Anweisung bekam, mal Karl Allgöwer zu filmen, musste sie dennoch fragen, welche Nummer der hat.
Mittlerweile filmt Haselberger vor allem vor dem Spiel: Sie ist mitverantwortlich für die Bilder für die Stadionshow auf den Leinwänden. Zwei Stunden vor Spielbeginn trifft sie sich mit ihrem Team zur Regie-Besprechung. Dann richtet sie ihr Equipment her – und eine Stunde vor Anpfiff beginnt sie dann, Interviews des Stadionsprechers mit prominenten Gästen oder die Fans in der Cannstatter Kurve zu filmen.
Das Spiel verfolgt sie ohne Kamera am Spielfeldrand. Mittlerweile hat sie am Fußball Gefallen gefunden: „Sonst kannst du das auch nicht 25 Jahre lang machen.“ Und VfB-Mitglied ist sie auch. In der Pause und nach Abpfiff steht sie dann wieder hinter der Kamera vor der Cannstatter Kurve – bevor es dann zur Pressekonferenz geht, von wo aus sie die Bilder auf die Fernseher in die VIP-Logen liefert.
Ein Höhepunkt ihres Engagements beim VfB war das Trainingslager 1988 auf Costa Rica. Fürs Tor des Monats drehte sie damals ein Filmchen mit Jürgen Klinsmann in einer Kaffee-Plantage. „Da war ich ziemlich nervös“, sagt Haselberger. Der kürzlich verstorbene Willi Entenmann war damals Stuttgarter Trainer. „Er hat mir eines Abends den Sternenhimmel erklärt“, erzählt Haselberger. „Astronomie war sein Hobby.“
Eine andere unvergessene Begegnung erlebte sie auch vor dem Finale des Uefa-Cups 1989: Ein gewisser Diego Maradona, damals wohl der beste Fußballer der Welt, spielte mit dem SSC Neapel beim VfB. Als er sah, dass eine Frau hinter der Kamera steht, war er so beeindruckt, dass er beim Warmmachen ein paar Extratricks mit dem Ball vorzauberte.
„Sag’ mal, heut’ dauert ’s ewig“, sagt Haselberger, als die Trainer nach einer halben Stunde noch immer nicht zur Pressekonferenz erschienen sind. Augenblicke später öffnet sich die Tür. „Sie kommen“, sagt sie, springt auf das Podest für die Kameras und setzt ihre Kopfhörer auf. Mit konzentriertem Blick folgt sie den Worten von VfB-Trainer Bruno Labbadia auf dem kleinen Kamera-Monitor.
Nach ein paar Minuten ist die Pressekonferenz vorbei – und damit auch Carmen Haselbergers Arbeitstag. Doch das nächste Spiel steht schon an – und Carmen Haselberger wird wieder dabei sein. Denn verpasst hat sie erst ein einziges VfB-Heimspiel in den vergangenen 25 Jahren: Damals reiste sie zur Premiere des Musicals „Pico“ ihres Bekannten Daddes Gaiser.