Barbara Bosch fordert den Bürgersinn – in Fußballmetaphern
Was haben Jean Paul Sartre, Lothar Matthäus und Barbara Bosch gemeinsam? Sie allehaben sich Gedanken über Fußball gemacht. Das Ergebnis der Bemühungen war gestern im Hof des List-Gymnasiums zu hören, als die Chefin der städtischen Viererkette mit Amtskette um den Hals ganzsportlich auf den reichsstädtischen Amtschwur zudribbelte.
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Matthias Stelzer
Reise ins Mittelalter beim Schwörtag in Reutlingen
Reutlingen. „Die Stadt, das sind wir alle“ – dieser Satz stand im Mittelpunkt des gestrigen Schwörtags. Traditionsgemäß möchte man sagen, auch wenn dieser Brauch der Reichsstadt Reutlingen viel Jahre nicht mehr gefeiert wurde. In seiner sechsten neuzeitlichen Auflage machte sich der Tag der bürgerschaftlichen Selbstverwaltung an diesem Wochenende jedenfalls einmal mehr auf den besten Weg, wieder ein großer Reutlinger Festtag zu werden. Bis zum kleinen Stadtfest mit Ochs am Spieß und Wurst vom Grill im ehemaligen Schwörhof vor dem Friedrich-List-Gymnasium (Kanzleiplatz) hat es der Tag schon gebracht.
Und nimmt man den „Mittelalter-Zunftmarkt“ dazu, dann ist das Schwörwochenende in Reutlingen auch schon ein kleiner Besuchermagnet. Selbst dem regnerischen Wetter am Samstag gelang es nicht, den Schwörhof-Gästen, die am Abend unter anderem den Magier „Doctor Marrax“ und den Schwaben-Sound von Grachmusikoff serviert bekamen, den Spaß zu vermiesen. Und auch die Fans vergangener (Un-)Zeiten rückten unter den Zeltplanen zusammen und trotzen dem Wetter. Mit Freude sogar, denn die Rittersippen und Zunfthandwerker, die die vergangenen Jahre aufs asphaltierte Bruderhausgelände verbannt waren, haben im Volkspark eine neue „alte Heymat“ gefunden, die sie nicht mehr missen wollen.
Eine Heimat im Schwörtagsritual hat ganz offensichtlich auch Oberbürgermeisterin Barbara Bosch gefunden. Das 51-Jährige Stadtoberhaupt fühlt sich sichtlich wohl inmitten der Bürgerschaft, zwischen Stadtgardisten, Fahnenflaigern und reichsstädtischer Folklore. Die Ratsdamen und -herren trugen ihre Verbundenheit zur Stadt sogar mit schwarz-rot-weißen Kokarden nach außen. Ganz so, wie es einst die Bürger der revolutionären französischen Republik taten.
Kopf hochkrempeln für den Bürgersinn
Barbara Bosch hatte trotzdem nichts Aufrührerisches zu fürchten. Zumal sie ihre Bürger/innen und deren Ratsvertreter/innen schon bei der Begrüßung gut unterhielt. Die OB ließ den rhetorischen Ball sportlich mit Fußballmetaphern laufen, begrüßte ihr Kolleg(inn)en aus der Rathaus-Viererkette, gestaltete das Zusammenspiel mit den Bezirksgemeinden mal über das Mittelfeld mal über die Flanken, begrüßte Landrat Thomas Reumann, der aus Reutlingen einst ablösefrei in die Kreisliga gewechselt sei. Und stellte fest, dass im Gemeinderat manchmal mehrere Gegner gleichzeitig auf dem Platz stünden. Was aber weniger schlimm sei, als manche denken. Da hält sie es mit Lothar Matthäus, der über die Nationalelf einst sagte: „Wir sind eine gut intrigierte Truppe.“
Die Fanmeile im Schwörhof nahm die Späße dankbar entgegen und erfreute sich auch an den anderen Zitaten, aus denen heraus die OB zu ihrem Spiel fand. Jean-Paul Sartre zum Beispiel: „Im Fußball verkompliziert sich alles durch das Vorhandensein der gegnerischen Mannschaft.“ Oder Lukas Podolski: „Jetzt müssen wir den Kopf hochkrempeln und die Ärmel natürlich auch.“
Letzteres tat dann die OB, die in ihrer Schwörtagsrede mehr Bürgersinn, gemeinschaftliches Engagement und – analog zu Ex-Bundespräsident Horst Köhler – mehr „Wahrhaftigkeit und Respekt“ forderte. Gerade in den finanziell angespannten Zeiten müsse die Erkenntnis wachsen, dass die Stadt „kein anonymes Gebilde“ ist, und dass ein Ausgleich der Interessen nur möglich sei, wenn man zusammenhält. „Die soziale Balance in der Stadt muss gehalten werden“, sagte Bosch – und: „Nicht jede Gebührenerhöhung ist ein Skandal.“
Damit aber nicht zu viel gleichmacherisches Wir-Gefühl aufkommt, hatte die OB auch noch ein Zitat von Peter Ustinov eingepackt – für „die Minderheit der Kritiker der jahrzehntelang diskutierten Themen Stadthalle und Scheibengipfeltunnel“. Voilà: „Die Menschen, die etwas von heute auf morgen verschieben, sind dieselben, die es bereits von gestern auf heute verschoben haben.“