Arbeiterbildung kann Erwerbslose wieder mehr unterstützen
Mit der SozialarbeiterinJessica Zeh hat das Team der Arbeiterbildung Verstärkung gefunden. Seit Juni berät sie Erwerbslose und Empfänger/innen von Sozialleistungen.
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Julia Müller
Die neue Mitarbeiterin Jessica Zeh im Büro der Arbeiterbildung in der Oberamteistraße 28.Bild: Haas
Reutlingen. „Der Teufel steckt im Detail“, weiß Jessica Zeh nach rund zwei Monaten Arbeit im Verein der Arbeiterbildung, der kostenlose Beratung für Erwerbslose anbietet. Weil die Komplexität von Gesetzen und Anträgen seit der Einführung von Hartz IV gestiegen sei, müsse noch genauer hingeschaut werden. Gemeinsam mit Peter Langos berät die 29-Jährige vor allem Hartz IV-Empfänger/innen beim Ausfüllen von Anträgen. „Oft muss auch Widerspruch gegen Bescheide eingelegt werden“, da Berechnungen von Sozialleistungen vom Jobcenter häufig nicht stimmten. „Es lohnt sich, nachzurechnen.“ Außerdem seien Bescheide oft nicht verständlich, „selbst wir Eingeweihten haben manchmal Probleme“.
Arbeitsmarkt: Kein Platz mehr für jeden
Zeh, die eine 50-Prozent-Stelle als Jugendarbeiterin bei der Stadt Reutlingen hat, hilft dem Verein als geringfügig Beschäftigte. Im April stand die Arbeiterbildung wegen finanzieller Not kurz vor dem Aus (wir berichteten). Dank der Gelder, die in den letzten Monaten vor allem von Privatpersonen gespendet wurden, ist die Beratungstätigkeit bis März oder Mai 2011 laut Vorsitzendem Daniel Dohmel gesichert. Was dann kommt, hängt von Spenden und dem Erfolg von Anträgen bei Stadt und Kreis ab. Im November organisiert der Verein gemeinsam mit dem franz. K ein Benefizkonzert, dessen Erlös der Beratung zu Gute kommt.
Die junge Frau, die im Februar ihr Studium der Sozialen Arbeit in Ludwigsburg beendete, beschäftigte sich bereits in ihrer Abschlussarbeit mit dem Wandel des Arbeitsmarktes. „Er hat sich strukturell verändert, es gibt nicht mehr für jeden einen Platz.“ Durch die globale Wettbewerbssituation und das Ziel von Unternehmen, Kosten zu sparen, steige die Arbeitslosigkeit. Immer geringere Verdienste sorgten dafür, dass auch Menschen mit Vollzeitjobs Hartz IV beziehen müssen. Unter den Betroffenen, die sich Hilfe bei der Arbeiterbildung holen, sind Menschen aus allen Bildungsschichten. „Auch immer mehr Akademiker sind betroffen.“ Am eigenen Beispiel rechnet Zeh vor, dass sie nach dem Studium im Fall der Arbeitslosigkeit sofort Hartz IV-Bezieherin wäre. 40 bis 50 Leute hat sie in ihren ersten Arbeitswochen schon beraten.
Die Sozialarbeiterin sieht in der aktuellen Situation des Arbeitsmarktes „hohe politische Relevanz“. Da die Zahl von Geringverdiener(inne)n und Erwerbslosen stetig steige, stelle sich auch die Frage nach demokratischer Teilhabe. „Eine große Lobby für Arbeitslose gibt es offensichtlich nicht.“ Viele der Betroffenen, die sich an den Verein wenden, hätten Angst, dem Jobcenter gegenüber Widerspruch einzulegen. „Alleine würden sie es wahrscheinlich gar nicht machen.“ In einem eigens für die Betroffenen entworfenen Fragebogen bestätigt sich dieser Eindruck. Auch deshalb engagiert sich die Sozialarbeiterin bei der Arbeiterbildung. „Wir sind eine gute und notwendige Ergänzung zum Jobcenter.“
Zwar ist die beratende Arbeit Hauptbeschäftigung des Vereins, inzwischen gibt es aber auch einen Arbeitskreis, der sich Freizeitbeschäftigungen widmet. Erwerbslose entwickeln selbst Angebote, um „der Vereinzelung entgegenzuwirken“, sagt Thomas Bangemann vom Verein. „Die Leute sollen nicht hier rausgehen und isoliert sein“, sagt Zeh.
Mit Sorge blickt der Verein auf das Sparpaket der Bundesregierung. „Es wird gespart, wo nichts mehr gespart werden kann“, meint Dohmel. Es gebe inzwischen genügend Arbeit für eine bis zwei Vollzeitstellen – etwa das Begleiten zu Ämtern und Gerichten – „nur das Geld fehlt“.
Info: Spenden an den Verein sind willkommen unter: KSK Reutlingen Konto: 159 360, Bankleitzahl: 640 500 00