Ist das Volk noch relevant fürs aktuelle Gebilde aus Politik und Wirtschaft? Dieser Frage gingen am gestrigen Sonntag die 23 sozial, politisch, ökologisch und kulturell aktiven Initiativen nach, die zum 5. Alternativen Neujahrsempfang geladen hatten. Um es gleich zu verraten: Das Ergebnis stand schon vor der Veranstaltung im Mehrgenerationenhaus Voller Brunnen fest.
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Für Musik vor dem systemrelevanten Wir des Alternativen Neujahrsempfangs sorgten unter anderem Ira Wallet (links) und Peter Stary. Bild: Haas
„Systemrelevant – das sind wir“, lautet das Motto des Empfangs. Ein Slogan, mit dem die Reutlinger (Bürger-)Initiativen – von den Montagsdemonstranten und Gegnern der Dietwegtrasse bis hin zu den Leuten, die jetzt für Steg und Rampe an der Konrad-Adenauer-Straße streiten – sich ihrer selbst versichern. Im aufklärerischen Kantschen Sinne: Sapere aude!
„Wage es, vernünftig zu sein“ – diesem Ziel sieht sich die Reutlinger Alternativszene verpflichtet. Und hält sich als Mahner innerhalb des Systems für relevant. Zurecht. Denn die soziale Realität – auch in Reutlingen! – zeigt, dass das sinn- und zweckgebundene Gebilde, das wir Staat nennen, kritische Begleitung braucht.
Bedürfte es noch eines Beispiels, die lautstark erklärte Systemrelevanz für (Investment-)Banken wäre bestens geeignet. Und dabei geht es gar nicht darum, den großen Geldinstituten ihre Bedeutung für den Kapitalismus abzusprechen. Nein, es geht darum, dass es nicht gerecht sein kann, wenn der Staat zur Rettung von Banken mit vielen Milliarden Euro interveniert, den Sozialstaat aufgrund der Deckungslücken in seinen Sicherungssystemen aber gleichzeitig für gescheitert erklärt.
Zu wenig Geld für die Kindertagesstätten, für Schulen, Krankenhäuser, Langzeitarbeitslose, Rentner – diese soziale Realität hinterlässt Spuren: Es verfestigt sich der Eindruck, dass in der bestehenden Geldordnung systemisch verankert ist, dass breite Bevölkerungsschichten sukzessive verarmen, während sich in den Händen einiger Weniger immer mehr ansammelt.
Die Gruppe der Verlierer – das bestätigen letztlich alle Gutachten – wächst beständig. Die Aktiven der kritischen Initiativen und Institutionen sind nur die sichtbare Spitze eines gesellschaftlichen Problems. Die Politiker, die sich jetzt schon einer stetig wachsenden Nichtwählerschicht gegenüber sehen, sollten sich langsam Gedanken darüber machen, ob die Menge der Sozialunzufriedenen – im volkswirtschaftlichen Sinne – nicht schon „too big to fail“ (übersetzt: zu groß, um zu scheitern) ist.
Unabhängig davon, hätte der alternative Empfang mehr Anerkennung von (Kommunal-)Politikern und Rathaus-Verantwortlichen verdient: Im Mehrgenerationenhaus waren nur Stadträte von Grünen und RSÖ sowie die Freie Wählerin Friedel Kehrer-Schreiber zu sehen. Der einzige Abgeordnete war Thomas Poreski (Grüne). Und die Reutlinger Rathausspitze glänzte durch Abwesenheit. Ein Affront, wenn man bedenkt, dass die Ehrenamtsarbeit auch von politisch unbequemen Bürgern für die Stadt in vielen Bereichen alternativlos ist. Matthias Stelzer