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Zur Not einen langen Atem

Alltag zwischen Zahlen und Noten

Mit Freude blickt die Württembergische Philharmonie auf die kommende Spielzeit: Der Umzug in die Stadthalle steht an, der Stiftungsrat hat im Juli den Vertrag mit Intendant Cornelius Grube verlängert, und der Landesrechnungshof hat vorbildliches Wirtschaften bescheinigt. Grube verrät, was Reutlingen besser macht, als andere Orchester, und welchen Preis man für den vorbildlichen Orchesterbetrieb bezahlt.

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TAGBLATT: Herr Grube, die Philharmonie hatte ganz besondere Kritiker zu Gast, die es nicht auf falsche Töne, sondern auf falsche Zahlen abgesehen hatten …

Dass die Akustik gut wird, kann er schon sehen: Cornelius Grube auf dem Balkon der Stadthalle. ... Dass die Akustik gut wird, kann er schon sehen: Cornelius Grube auf dem Balkon der Stadthalle. Bild: Haas

CORNELIUS GRUBE: Ja (lacht), Anfang 2011 hatten wir vom Landesrechnungshof einen Brief bekommen, dass die Landesorchester geprüft werden sollen, konkret betraf das uns und die Stuttgarter Philharmonie. Wir sind dann von Februar bis März geprüft worden.

Aus dem Bericht des Landesrechnungshofs ist hervorgegangen, dass Reutlingen als Vorbild für die Stuttgarter Philharmonie dienen soll. Waren Sie vom gutem Zeugnis überrascht?

Der Landesrechnungshof hat ja die Aufgabe, wirtschaftliche Schwächen aufzudecken. Deswegen ist es schon ein bisschen überraschend, dass bei uns so rein gar nichts gefunden wurde. Überrascht waren aber vor allem die Prüfer, die mit dem Bewusstsein nach Reutlingen gekommen waren, die Stuttgarter Philharmoniker als Beispiel vorführen zu müssen, wie ein vernünftiger Orchesterbetrieb funktioniert. Jetzt war es umgekehrt.

Was machen Sie besser als die Stuttgarter Philharmonie?

Wir sind ein mittelgroßes Orchester, deshalb ist bei uns auch mehr Zusammenarbeit möglich. Vor allem aber ist unser Management extrem klein besetzt, weshalb die Kommunikation zu den Musikern einfacher ist. Außerdem glaube ich, dass wir sehr viel effektiver arbeiten.

Wie drückt sich das in Zahlen aus?

Wir haben vom Land die Vorgabe, 25 Prozent des Budgets von insgesamt 5,7 Millionen Euro selbst einzuspielen. Die übrigen 75 Prozent sollen kommunale Träger und das Land zu gleichen Teilen tragen, wobei letzteres derzeit nur bei 36,8 Prozent liegt. Wir erreichen etwas mehr als 23 Prozent Eigenfinanzierung. Stuttgart, für das diese Regelung merkwürdigerweise nicht gilt, erreicht nicht einmal zehn Prozent.

Sie arbeiten also nicht bloß effektiver, sondern einfach auch mehr?

Ja. Im Management haben wir derzeit 300 Überstunden und jeder Musiker hat eine Dienstauslastung von 80 Prozent, was auch deutschlandweit ungewöhnlich hoch ist. Die Auslastung der Stuttgarter Philharmoniker liegt bei 63 Prozent. Es bleibt unseren Musikern deshalb nur wenig Zeit für das eigene Üben und die Weiterentwicklung.

Und dann droht Qualitätsverlust ...

Allerdings, da haben sie vollkommen recht. Wenn die Qualität des Orchesters erhalten und ausgebaut werden soll, müssen die Musiker dringend entlastet werden, und das geht nur mit einer besseren Finanzierung durch das Land. Wir sind mit den 23 Prozent Eigenfinanzierung vollkommen am Limit. Die Schlussfolgerung des Landesrechnungshofs, dass es so richtig ist, wie wir es machen, ist ein absoluter Trugschluss, weil die Finanzierungsformel nicht realistisch ist. Gemeinsam mit der Stadt habe ich dem Ministerium eine neue Formel vorgeschlagen, die nur 20 Prozent Eigeneinnahmen voraussetzt. Außerdem muss dringend über neue Orchesterstellen nachgedacht werden. Wer mich kennt, weiß, dass ich zur Not einen langen Atem habe.

Sie befinden sich mit den Umzug in die Stadthalle und dem Bestreben, die überregionale Ausstrahlung des Orchesters zu festigen, mitten in einem Projekt. Ihre im Juli beschlossene Vertragsverlängerung ist daher auch eher konsequent als überraschend, oder?

Es wäre wohl für alle Seiten merkwürdig gewesen, wenn der Stiftungsrat nicht für meine Verlängerung gestimmt oder ich eine neue Stelle angenommen hätte.

Einstimmig?

Einstimmig. Die Zusammenarbeit mit dem Stiftungsrat ist hervorragend und von Vertrauen geprägt.

Lagen Ihnen auch Angebote von anderen Orchestern vor?

Es gab immer wieder Angebote, zuletzt 2010 als Geschäftsführer des Tonkünstlerorchesters und des Festivals in Grafenegg in Niederösterreich. Ich habe hier aber einfach eine unglaubliche Freiheit. Ich bin als Intendant für alles verantwortlich, habe deswegen zwar viel zu tun, kann aber auch viel bewegen. Ich bin in allen Bereichen tätig, Konzert-Akquise, Marketing, Personalwesen und in der Verwaltung.

Nur nicht im Orchester, obwohl Sie ein begnadeter Cellist sind ...

(Lacht) Ich war wohl eigentlich prädestiniert für eine Orchesterkarriere. Irgendwann habe ich aber die Sorge gehabt, dass ich im Orchester sitze und danach nichts mehr kommt. Ich habe Mitte der neunziger Jahre parallel zur praktischen Tätigkeit Kulturmanagement studiert und mir damit am Ende wohl mehr als ein zweites Standbein aufgebaut.

Wie viel Prozent haben Sie im Alltag mit Noten und wie viel mit Zahlen zu tun?

Schwer zu sagen. An künstlerischen Dingen bin ich natürlich auch beteiligt und treffe mit dem Chefdirigenten (Ola Rudner, Anmerkung der Redaktion) zusammen Entscheidungen. Ich habe mehr als er die Übersicht, was das Orchester kann und was im Repertoire noch fehlt, weil er viel unterwegs ist. Ich habe die künstlerische Seite voll im Blick, im Hinterkopf ist die finanzielle Seite aber immer dabei.

Für die kommende Saison, in der der Umzug in die Stadthalle ansteht, wurde viel Marketing betrieben. Macht sich das bereits bemerkbar?

Der Verkauf von Abonnements steigt enorm an. Seit Juli haben wir ungefähr 100 bis 150 neue Abos verkauft, darunter sind auch viele Interessenten aus Tübingen, Bad Urach, Metzingen und Rottenburg.

Marketing wird bei der WPR großgeschrieben. Als das Kulturamt angefragt hat, ob Sie 2014 mit dem Stargeiger David Garrett zusammen spielen wollen, haben Sie aber abgelehnt…

Ich habe das mit dem Orchestervorstand und Herrn Rudner besprochen, und wir waren alle einer Meinung, dass für uns ein Konzert mit Garrett nicht lohnend ist.

Fragen nach der Stadthalle nerven Sie mittlerweile, oder?

Die Freude ist groß, dass wir da bald spielen können. Wir haben immerhin zehn Jahre lang darauf hingearbeitet. Es ist ein unglaublich gelungener Konzertsaal, und dass die Akustik gut sein wird, das kann man schon sehen.

Die Fragen stellte Moritz Siebert

Cornelius Grube: Aus dem Rheinland an die Achalm
Cornelius Grube, 1967 in Köln geboren, studierte zunächst Cello in Detmold und Basel (Abschluss 1994) sowie Kammermusik beim Amadeus-Quartett in Köln. Er war Stipendiat an der Mozart-Akademie in Krakau. Mitte der neunziger Jahre nahm Grube das Kulturmanagement-Studium in Hamburg auf (Abschluss 1997), war parallel aber weiterhin als Musiker tätig. An der Baden-Badener Philharmonie war Grube erstmals hinter der Bühne tätig. Von 2000 an war er Orchesterdirektor des Staatstheaters Kassel. 2003 bewarb sich Grube erfolgreich auf die vakante Intendanten-Stelle bei der Philharmonie in Reutlingen. Seitdem setzte sich Grube für den Bau einer Stadthalle mit hochmodernem Konzertraum ein. Sein Vertrag wurde im Juli vom Stiftungsrat (der aus einem Vertreter des Landes, des Landkreises, des Freundeskreises und des Orchesters sowie vier Stiftern und vier Stadträten besteht, und dem OB Barbara Bosch vorsitzt) bis 2018 verlängert. Er ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der süddeutschen Orchester sowie Mitglied des Orchesterausschusses des Deutschen Bühnenvereins. Seit 2012 ist er auch Stiftungsrat der Christel-Guthörle-Stiftung.


11.08.2012 - 08:30 Uhr

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