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Eine Stadt geht steil

Alle Jahre wieder feiert Reutlingen Heiligen Morgen

„Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?“ Froh und munter trafen sich am Morgen des Heiligen Abend wieder Tausende zum feuchten Beisammensein in Reutlingens Innenstadt.

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Fred Keicher

Schon vor zehn Uhr ist in der Oberen Gerberstraße kein Durchkommen mehr. Als ob es nötig sei, ist die Straße sogar vorschriftsmäßig abgesperrt, ein „Durchfahrt verboten“-Schild inklusive. Vor dem Gasthaus Rappen hat sich eine Menschentraube versammelt, die sich entschlossen hat, den Heiligen Morgen zu feiern. Hier vorm Rappen hat der Brauch angefangen. Der Wirt hatte die Kneipe geschlossen und das Bier durchs Fenster verkauft. Wann das war, weiß an diesem Morgen niemand genau: „Zu jener Zeit“ halt.

Ein besonderer Morgen vor einem besonderen Abend: Stau nicht nur am Freilufttresen. RBlick in die ... Ein besonderer Morgen vor einem besonderen Abend: Stau nicht nur am Freilufttresen. RBlick in die Oberamteistraße in Richtung Heimatmuseum. Bild: Haas

Der junge Mann aus Münsingen kommt seit drei Jahren her („um Gottes Willen nicht meinen Namen schreiben!“). Zu zehnt ist die ganze Clique schon früh von der Alb heruntergekommen. Unterwegs sind sie mit zwei Autos, die Fahrer sind zu strikter Abstinenz verdammt. Für die anderen gilt: „Wir bleiben, bis genug getrunken ist.“ In diesem Fall Wulle-Bier.

„So stell ich mir Weihnachten in Kalifornien vor“, sagt eine junge Frau zu ihrer Freundin vor der Kali-Bar in der Katharinenstraße. Die Freiluft-Gastronomie ist aufgebaut, während drinnen bei lauten Beats der virtuelle Kamin auf dem Bildschirm brennt. Im Angebot ist hier neben Wulle auch Becks-Bier. Drei Drei-Liter-Flaschen Jägermeister sind in einer Art Batterie hintereinandergeschaltet. Auffällig ist, dass die Gruppen, die zusammenstehen, alle das gleiche Bier trinken. Entweder Wulle oder Becks. Die jungen Leute kennen sich, haben sich aber länger nicht gesehen: „Ja, ist denn schon wieder Weihnachten?“

„Becks Bier ist ein Frauenbier.“ Die junge Frau aus Pfullingen trinkt Wulle und lacht: „Schreiben Sie meinen Namen nicht. Ich kann mir das viele Zeitungsbier nicht leisten.“ Kult ist aber nur das Wulle in der 0,3-Liter-Bügelflasche. Es gibt noch eine Halbliterflasche, „Bauarbeiterkolben“ nennt den David Bäuerle, der vor dem Albkontor Rote Würste grillt. Nebenher schwätzt er mit seinem Freund Ashoha Lenz. Die beiden Mittzwanziger schätzen die lockere Atmosphäre. „Es ist toll, wenn eine ganze Stadt steil geht“, sagt Lenz. Wer steil geht, stürzt auch häufig ab? „Eben“, sagt Lenz lachend. Der Behindertenhelfer bricht auf zur Arbeit. Auf der Demenzstation der Gustav-Werner-Stiftung wird gleich noch Weihnachten gefeiert, mit Lichtern und Liedern.

Edelspritz wird vom Albkontor ausgeschenkt, ein Cocktail aus Edelschwarzbier und Asti Spumante. „Asti ist das einzige nicht regionale Produkt, das wir verkaufen“, erläutert Alkontor-Chef Bodo Dornis, aber es passt am besten für seinen Aperitif. Das Edelschwarz kommt aus der Bodenseegegend, ist in Portweinflaschen abgefüllt, mit echten Korken verschlossen und mit rotem Siegellack verschlossen. „Edelspritz ist für Leute, die schon beim Anblick von Prosecco Säureprobleme im Magen haben, aber den Prollcharakter von Bier vermeiden wollen.“

Damit hat ein paar Schritte weiter vor der Hausbar Philipp Haffner kein Problem. Er hat sich mit seinen Freunden Steffen Mayer und Tobias Greher getroffen. Sie trinken Becks aus der Flasche. Die Endzwanziger kennen sich seit dem Jugendtreff. Beruflich sind alle drei nach Stationen in ganz Deutschland jetzt in München gelandet und treffen sich dort regelmäßig bei einem Augustiner-Bier.

Um 12 ist es an der Kaiserhalle (Planie/Ecke Kaiserstraße) noch ruhig. Zwei Getränkeanhänger werden eingeparkt. Laut und voll wird es hier erst am Nachmittag, wenn sich die Innenstadt leert. Beim Rappen löst sich die Szene um 14 Uhr langsam auf. Im Café Winkler hat man die Kaffeemaschinen abgestellt. Das gesetztere Publikum trinkt Champagner, Prosecco und Cava Rosato. Männer im besten Alter fallen sich um den Hals: „Oliver, es ist gut, dass es dich gibt.“

26.12.2012 - 21:30 Uhr

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