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Mit Gespür für Geschichte

Wannweiler Sammler Botho Walldorf bestückt seit Jahren Museen

100 000 Fotos mit Schwerpunkt Zollernbahn in den 1960er-Jahren hat der Wannweiler Botho Walldorf gemacht und zusammengetragen. Seine umfangreiche Sammlung ziert heute Museen und Archive.

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Matthias Reichert

Wannweil. „Ich gehöre zu den ganz wenigen Personen, die zu ihren Lebzeiten angefangen haben, ihre Sachen abzugeben“, sagt Botho Walldorf. Dazu rät er allen Hobbysammlern dringend – denn keiner weiß, was mit so einem umfangreichen Nachlass sonst eines Tages passiert.

Botho Walldorf im Wannweiler Gemeindearchiv, das er ehrenamtlich betreut. Rechts eine über hundert ... Botho Walldorf im Wannweiler Gemeindearchiv, das er ehrenamtlich betreut. Rechts eine über hundert Jahre alte Handstrickmaschine, die Immanuel Lude der Gemeinde überließ. Walldorf hält das Buch „Einsteigen bitte“, das 1999 zum damaligen Melchinger Sommertheater auf der Zollernbahn im TAGBLATT-Verlag herauskam.Bild: Haas

Die Sammelleidenschaft war ihm nicht in die Wiege gelegt. Seine Eltern kamen als Vertriebene aus der Danziger Gegend, sie lebten an der Weichsel. Botho Walldorf wurde 1945 auf der Flucht auf der Insel Rügen geboren. Die Familie zog nach Gammertingen. 1955 wurde er durch einen Nachbarn auf die Zollernbahn aufmerksam. Der arbeitete im Dampflokschuppen und nahm ihn mit. „Das war mein Schlüsselerlebnis. Dieses Thema begleitet mich ein ganzes Leben“, sagt der 67-Jährige.

Das Plakat zur Ausstellung über die Hohenzollerische Landesbahn mit Walldorfs Bildern, die auch in ... Das Plakat zur Ausstellung über die Hohenzollerische Landesbahn mit Walldorfs Bildern, die auch in Dettenhausen zu sehen war.Archivbild

„Jetzt gehöre ich zu den Wissensträgern. Die jetzigen Bahnmanager wissen nichts darüber.“ 1960 fing er an, den Dampflokbetrieb im Laucherttal zu fotografieren. Später fand er alte Bilder der Dampflokzeit, bis zurück ins Jahr 1890. Über Jahre ist Walldorf legal und illegal auf dem Führerstand der Loks mitgefahren und hat den Betrieb fotografiert.

100 000 Bilder kamen im Lauf der Zeit zusammen. Walldorf realisierte zahlreiche Fotoausstellungen und 19 Bücher, illustrierte Zeitungsartikel. Er bildete sich kulturwissenschaftlich fort, hielt vielfache Einblicke in die Alltags-, Wirtschafts-, Technik- und Sozialgeschichte fest: Geschichten von Häusern und ihren Bewohnern, von Nutzfahrzeugen, Betriebshierarchien in Firmen. Familienfotos dokumentieren Mode, Wohnungseinrichtungen und mehr. Zuletzt war, wie berichtet, seine Fotoschau „Alltag an der Strecke“ über die Zollernbahn in den 60er-Jahren zum Jubiläum der Schönbuchbahn in Dettenhausen zu sehen.

Der langjährige Reutlinger Stadtarchivar Heinz Alfred Gemeinhardt attestiert ihm in einem Band ein „Gespür für Situationen, Gegenstände und Örtlichkeiten“. Im Hauptberuf war Walldorf EDV-Mann am Stuttgarter Flughafen. „Wenn ich beruflich bei der Zollernbahn gewesen wäre, wäre manches nicht entstanden“, sagt er heute zur hilfreichen Distanz des Außenstehenden. Seit 1979 lebt er in Wannweil, „da hab’ ich hingeheiratet“.

Sigmaringer Archiv digitalisiert die Bilder

Die Sammlung war im Haus seiner Mutter in Gammertingen untergebracht. Als diese 1984 starb, gab er die Bilder und Exponate nach und nach an Archive und Museen weiter. 900 Objekte aus dem Fundus wanderten in Museen – Gegenstände aus dem Betrieb der Hohenzollerischen Landesbahn wie Petroleumlampen und Schilder von den Dampfloks: ins Waldenbucher Volkskundemuseum, ins Stuttgarter Haus der Geschichte, ins Mannheimer Technoseum, ins Hohenzollerische Landesmuseum in Hechingen.

40 laufende Archivmeter hat er ans Staatsarchiv Sigmaringen abgegeben. Das hat sich mittlerweile an die digitale Aufbereitung des Walldorf-Archivs gemacht, auf der Homepage des Museums kann man schon viel Material aus den 60er-Jahren sichten – aus der Geschichte des Dampflokbetriebs und von alten Bauernhäusern.

Insgesamt hat das Sigmaringer Staatsarchiv 19 Kilometer Archivgut. Bisher wurden aus vielen Sammlungen 50 000 Digitalisate ins Netz gestellt, und es werden immer mehr (www.www.landesarchiv-bw.de/web/46182).

Vor Ort können Nutzer die Quellen anschauen. Im Lesesaal kann man Belege auf einen mitgebrachten USB-Stick überspielen – davon machen Volkskunde-Studierende gerne Gebrauch. Seit 2007 hat das Archiv mehr als tausend Bilder aus der Walldorf-Sammlung online gestellt. Der Wannweiler hat Relikte vergangener Zeiten wie Plumpsklos fotografiert. Er hat auch Ton-Aufnahmen verschwundener Ortsdialekte gemacht, die ebenfalls digitialisiert werden. „Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass die einmal nicht mehr gesprochen werden“, sagt der Rentner heute.

Ab und an holt er einzelne Schachteln aus dem Archiv und bearbeitet den Inhalt zuhause. „Immer so viel, wie ich tragen kann.“ Sechs Jahre hat er als Rentner seine Sigmaringer Sammlung erschlossen. Der Vorteil des Sammlerhobbys: „Man kann es weglegen. Ich war nie in einem Verein oder in einem Gremium, ich bin immer Einzelkämpfer gewesen.“ Fiel es ihm schwer, sich von der Sammlung zu trennen? „Am Anfang ja. Heute muss ich sagen, das war wichtiger als manche andere Lebensentscheidung. Den Schritt wagen andere nicht.“

19.09.2012 - 08:30 Uhr

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