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Es war Zeit für etwas Neues

Mit Kerzenwerkstatt: Nach 23 Jahren zogen die Ritters von Umbrien nach Wannweil

Der Psychologe Amadé Ritter und seine Frau haben in Wannweil eine neue Heimat gefunden. Zuvor haben sie 23 Jahre in Umbrien ein Jugendhilfeprojekt geführt. Jetzt wollen sie in ihrer Kerzenwerkstatt zwei bis drei Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung schaffen.

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Matthias Reichert

Wannweil. Leon, Robin, Rene und Julian tunken die Dochte in flüssiges Bienenwachs. Mit jedem Mal Eintauchen wachsen die Kerzen. „Die Nasen schneiden wir ab“, erklärt Amadé Ritter am Ende – die länglichen Wurmfortsätze, die unten an den Lichtern hängen. „Jede Kerze wird anders“, das liegt an der Bewegung, mit der man sie eintunkt. Knapp ein halbes Dutzend behinderter Schüler der Peter-Rosegger-Schule sind mit Feuereifer dabei. Seitlich hängen eine Reihe fertiger Kerzen von der letzten gemeinsamen Aktion.

Amadé Ritter mit Schülern der Peter-Rosegger-Schule beim Kerzenziehen in seiner Wannweiler ... Amadé Ritter mit Schülern der Peter-Rosegger-Schule beim Kerzenziehen in seiner Wannweiler Werkstatt. Vorne von links: Leon, Robin, Rene und Julian, dahinter die Lehrerinnen Marlies Reußner und Gabi Schindler.Bild: Haas

Die Schüler hospitieren zum zweiten Mal in der Wannweiler Kerzenwerkstatt. Die Berufsstufe der Schule macht dort auch Praktika. Die Lehrerinnen Gabi Schindler und Marlies Reußner sind froh über die zusätzliche Lernmöglichkeit. „Das ist etwas Besonderes. Wenn so etwas möglich ist, machen wir das“, sagt Reußner.

Der 61-jährige Amadé Ritter ist vor gut einem Jahr mit seiner Frau Angelika Fohmann-Ritter nach 23 Jahren wieder in den Reutlinger Raum zurückgekehrt. Seine Frau studierte einst in Tübingen, und der Diplom-Psychologe hatte in Reutlingen und Stuttgart gearbeitet, hier bei der Bruderhaus-Diakonie und dort bei der Jugendhilfe. „Es gab hier die meisten Anknüpfungspunkte“, sagt Ritter. Die Wahl fiel auf Wannweil, „weil das so schön zwischen Reutlingen und Tübingen liegt und eine nette Gemeinde ist.“

Jugendhilfeprojekt: Für viele die letzte Chance

Zuvor hat das Ehepaar 23 Jahre lang in Umbrien das Jugendhilfeprojekt Casa Sole betrieben. „Tag und Nacht, rund um die Uhr“ – nun war es Zeit für etwas Neues, sagt Amadé Ritter. Die gemeinnützige GmbH wird von Reutlingen aus geführt. Bei Perugia, in einem Gehöft auf dem Land, leben schwierige Jugendliche aus Jugendheimen und der Psychiatrie in Pflegefamilien, die sie jeweils für zwei Jahre aufnehmen.

„Für die Jugendlichen ist es oft die letzte Chance“, sagt Ritter – die Alternative wäre die stationäre Unterbringung. Sie sollen sich in ländlicher Umgebung selbst finden. Die Einrichtung hilft bei der Berufsvorbereitung, es gibt Einzelunterricht und die Möglichkeit, einen Schulabschluss zu machen.

Kerzenziehen war in Umbrien seit elf Jahren einer der Arbeitsbereiche für die Jugendlichen – neben Schreinern, Hauswirtschaft und Landwirtschaft. Damit wollte er speziell die Mädchen ansprechen. Heute leben noch drei Jugendliche in der Casa Sole bei Perugia; zu Ritters Zeiten waren es acht bis zwölf.

Weil er selbst gerne Kerzen herstellt, hat Ritter mit seiner Frau nun in Wannweil eine eigene Kerzenwerkstatt eingerichtet. Das ehemalige Tagelöhnerhaus in der Degerschlachter Straße 7, eins der ältesten in Wannweil, hat das Ehepaar gekauft. Der vorige Besitzer war ein Goldschmied, der das verfallene Gebäude hergerichtet hatte. Jetzt kann man dort Engel, Advents- und Fotokerzen kaufen, alle selbst gezogen, zudem handgeknetete Kerzen aus einer Behindertenwerkstatt in Münster, mit der Ritter kooperiert. Auf dem Tübinger Weihnachtsmarkt wird die Kerzenwerkstatt mit einem Stand bei der Stiftskirche vertreten sein.

Die Casa Sole leitet Ritter weiterhin von Deutschland aus. Auch die Wannweiler Kerzenwerkstatt firmiert unter dem Dach der Jugendhilfeeinrichtung. Ritter beschäftigt derzeit eine Mitarbeiterin in Wannweil. An der Volkshochschule und an der Uhlandschule gibt er Kurse im Kerzenziehen. Zudem möchte er zwei bis drei Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung einrichten. „Das ist eine Nische, in der behinderte Menschen Arbeitstraining und -vorbereitung finden können“, sagt der Psychologe, ebenso auch Angebote zur Tagesstrukturierung.

Doch die Verhandlungen mit den Trägern der Behindertenhilfe gestalten sich bisher nicht einfach. „Das ist strukturell schwierig in einer Landschaft mit großen Einrichtungen“, sagt Ritter. Und ergänzt: „Wir sind für Ideen offen. Ich mache keine Konkurrenz zu den großen Trägern, sondern biete eine kreative Nische an für Menschen, die sonst keinen Platz finden in der Arbeitswelt.“

07.12.2012 - 08:30 Uhr

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