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Draisine und Bonanzarad

Kulturgüterverein zeigte historische Räder

Draisine, Hochrad, Niederrad: Die Jahresausstellung des Walddorfhäslacher Kulturgütervereins war eine Hommage an 200 Jahre Fahrradgeschichte und an den einstigen „Radfahrerverein Schönbuch Häslach“, von dem heute nichts als eine Standarte übrig ist.

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Moritz Siebert

Walddorfhäslach. Bedenkt man den technischen Fortschritt, hätte das Fahrrad eigentlich aus der Mode kommen müssen. Schließlich handelt es sich um eine überholte Technik: Der Radfahrer muss noch selbst treten – das Rad ist nichts anderes als optimierte Körperkraft.

Fahrrad ohne Gangschaltung? Heute kaum mehr vorstellbar. In Häslach war am Wochenende eine ... Fahrrad ohne Gangschaltung? Heute kaum mehr vorstellbar. In Häslach war am Wochenende eine Ausstellung zu 200 Jahre Fahrradgeschichte zu sehen. Bild:Haas

Und das ist der Grund dafür, warum es nicht aus der Mode gekommen ist: weil es gleichermaßen einfach wie genial ist, und sich selbst immer wieder neu erfinden kann. Seine Ursprünge liegen im frühen 19. Jahrhundert, als die Draisine, ein „Schnelllaufrad“, auf den Markt kam. Sie ermöglichte eine raschere Fortbewegung, war aber mit 30 Kilo Gewicht am Berg unbrauchbar.

Das Hochrad, erfunden am Ende des selbigen Jahrhunderts: Elegant aber gefährlich. Erst mit der Einführung des Hinterradantriebs nahm das Fahrrad eine beständige Form an, bis schließlich in den letzen Jahren das Elektro-Rad zum Siegeszug ansetzte? Das Fahrrad kommt nie aus der Mode. Der Kulturgüterverein hat sich der knapp 200-jährigen Geschichte angenommen und am Wochenende das Dorfgemeinschaftshaus in Häslach mit rund 40 historischen Fahrrädern gefüllt.

„Bremsen baute man erst später ein“, erklärt Experte und Sammler Ewald Dupp, „als man merkte, dass man auch stürzen kann.“ Der Wendlinger baut historische Räder nach, seine Werke sind mittlerweile „fernsehbekannt“ und waren Grundstock der Ausstellung. Das Paradestück: Eine Draisine von 1817. Mit gefedertem Ledersitz und Hupe. Originalteile? „Alles vom Flohmarkt.“

Daneben steht ein Tretkurbelrad von 1905, eines mit Vorderradantrieb, und auch das Hochrad darf nicht fehlen: Das Exemplar stammt aus der Sammlung von Peter Löffler, der rund 20 Räder aus den letzten 100 Jahren, vom Hochrad bis zum Bonanzarad, zur Ausstellung beigesteuert hat. Vor einem Jahrhundert war Hochradfahren das „Bungee-Jumping der Oberklasse“, sagt Erika Armbruster, Vorsitzende des Kulturgütervereins. Die Beherrschung des Hochrads erfordert Geschick.

Als am Sonntag die Gäste Exponate in der Praxis testen durften, war das Hochrad eines der wenigen Räder, das an seinem Platz stehen blieb. In der Geschichte habe dem Hochrad das Niederrad bald den Rang abgelaufen. „Es war schneller – und forderte weniger Tote.“

Der Verein macht jedes Jahr eine Ausstellung zu einem bestimmten Thema mit Bezug zum Ort. Das Radfahren hat in Walddorfhäslach Tradition: Bis zum zweiten Weltkrieg gab es einen Radfahrverein, der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts gegründet wurde. Im Nationalsozialismus wurden viele Radfahrervereine verboten – wohl auch der Häslacher. Die Ausstellung betrachtet man als Anstoß, Nachforschungen in die Wege zu leiten, um Informationen über den einstigen Radfahrerverein zu sammeln. Bisher hat man nur die Standarte aufgetrieben.

Eckdaten der Fahrradgeschichte im 19. Jahrhundert:
Die erste nach ihrem Erfinder Karl Drais benannte Draisine, ein Laufrad, das dem Zweiradprinzip mit lenkbarem Vorderrad folgt, wurde 1817 gebaut. In den 1860er Jahren führte Pierre Michaux den Pedalantrieb ein, den er sich vom Tretkurbellager eines Schleifsteins abschaute. Um die Geschwindigkeit zu erhöhen, vergrößerte man bald das Vorderrad, was 1870 zum eleganten, aber gefährlichen Hochrad führte. Ab 1878 setzte sich schließlich der einseitige Kettenantrieb durch und bewährte sich bis heute.


31.07.2012 - 08:00 Uhr

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