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Funken, die zu Feuer wurden

Landesbischof July hielt Festrede beim Empfang des Landkreises

Der Landkreis Reutlingen hatte am gestrigen Tag der Deutschen Einheit zu einem Empfang in die Pliezhäuser Gemeindehalle eingeladen. Landesbischof Frank Otfried July hielt die Festrede.

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Bernd Ulrich Steinhilber

Pliezhausen. Reicht denn zum Tag der Deutschen Einheit nicht ein Festakt in Berlin? Landrat Thomas Reumann stellte dieser rhetorisch gemeinten Frage sogleich ein „klares Nein“ entgegen, als er gestern Vormittag den Empfang des Landkreises in der Pliezhäuser Gemeindehalle eröffnete. Für die jungen Erwachsenen sei die Einheit nur noch Geschichte, sagte er, die friedliche Revolution aber zeige, dass Demokratie errungen werden müsse. An die Jungen gerichtet mahnte er: „Ihr könnt etwas bewegen, wenn Ihr euch einbringt. Demokratie ist keine Staatsform für Zuschauer.“

Einwohnerempfang zum Tag der Deutschen Einheit mit zahlreichen Gästen aus Politik Gesellschaft und ... Einwohnerempfang zum Tag der Deutschen Einheit mit zahlreichen Gästen aus Politik Gesellschaft und Kirchen. Hier im Gespräch die Bundestagsabgeordneten Pascal Kober (FDP) und Beate Müller-Gemmeke (Grüne) mit Elvira Reumann, Landesbischof Frank Otfried July und Landrat Thomas Reumann (von links). Bild:Haas

Etwas über 100 Gäste hatten sich um die mit weißen Hussen drapierten Stehtische gruppiert, und blickten Richtung Bühne, wo gerade noch die Begabtenklasse der Pliezhäuser Musikschule einen Willkommensgruß von Jean-Baptist Loeillet intoniert hatte. Dort hing, dem Anlass entsprechend, die schwarz-rot-goldene Bundesfahne neben der gelb-grünen Fahne des Landkreises. Eine aber fehlte, die blaue mit dem goldenen Sternenkranz, obwohl beide Redner – Landrat Thomas Reumann und Landesbischof Frank Otto July – ihre Beiträge überzeugend in eine europäischen Perspektive münden ließen.

„Deutschland genießt Freiheit und Wohlstand“, fasste Reumann sein Grußwort zusammen, „und ein vereintes Europa gibt uns Friedensgarantie.“ Was viel mit der Wende zu tun hat: Denn „die friedliche Revolution zeigt uns, dass man schwierige Herausforderungen meistern kann“ – was auf die aktuelle Lage wie auf die Zukunft Europas gemünzt war.

„Die Kirchen sollen helfen in Europa Mauern abzubauen“, schloss später July seine Festrede, und sie müsse lernen, in Europa „ihr Graswurzel-Netzwerk“ zu nutzen, sich einzubringen in die in Brüssel geführten politischen und wirtschaftlichen Debatten. Aber auch in ökumenischer Hinsicht sei es nötig, Mauern niedriger zu machen – und solidarisch für die Menschen einzutreten.

Psalm 18, Vers 30 „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, hatte sich July für seinen Vortrag vorgenommen – und damit ein Bild, das im Kontext der DDR-Wirklichkeit eine starke Wirkung entfaltete. Denn als das Bibelwort Tageslosung werden sollte, rief es die Zensur der Staatssicherheit auf den Plan. „Es gab Theologen, die sich dafür nicht zu schade waren.“

Aber es gab auch Pfarrer, die ihre Kirchen öffneten, „Schwerter zu Pflugscharen“ schmieden wollten, die zu Friedensgebeten in die Nikolai- und Gethsemanekirche einluden. Wohin erst Wenige kamen, bis dann „die Funken zu Feuer wurden“. Die „Kirchen auf der Höhe der Zeit“, sagte July: Ohne sie, die Raum und ihre Räume zur Verfügung stellten, wäre der Umbruch so nicht gelaufen „Man ging erst in die Kirche und dann auf die Straße. Und „man kam aus den Kirchen nicht mit Steinen, sondern mit Kerzen“. Die ganze Zeit über sei nach 1945 die Kirche Klammer zwischen Ost und West gewesen, zuletzt die einzige. Auf allen Ebenen habe es Begegnungen gegeben, was freilich in den 70er- und 80er-Jahren schwieriger wurde.

Man spürte, dass man Begriffe unterschiedlich interpretierte, dass die Kirche in der DDR ein selbstständiges Bewusstsein entwickelte und nach der Wende beide Kirchen „aus verschiedenen Erfahrungsräumen“ kamen. Die Nähe zum Staat etwa, die Militärseelsorge oder das Subsidiaritätsprinzip waren neu einzuordnen. Doch statt des Blicks zurück gelte es nun, in die Zukunft zu blicken: Die Kirche sei aufgefordert, die Wirklichkeit im heutigen Deutschland aufzunehmen.

Kontakte zum Kirchenbund der DDR und zur Partnerkirche
Landesbischof Frank Otfried July nahm als persönlicher Referent des damaligen Landesbischof Theo Sorg bei zahlreichen Verhandlungen zwischen dem DDR-Kirchenbund und der evangelischen Kirche in Deutschland teil und kümmerte sich vor der Wende auch um die Kontakte zur Partnerkirche in Thüringen. July ist in der Region kein Unbekannter. Von 1980 bis 1983 war er Vikar an der Betzinger Mauritiuskirche.


04.10.2012 - 08:30 Uhr

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