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Morgens die Bibel

Helene Haug aus Pliezhausen wird 100 Jahre alt

Rechtzeitig zu ihrem Geburtstagsfest kam noch eine offizielle Ehrung: Aus Tübingen schickte Oberbürgermeister Boris Palmer die Staufermedaille, die ihr Ministerpräsident Kretschmann für ihr Engagement in der Altenpflege verliehen hat.

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Fred Keicher

Pliezhausen. An der Wand in der Wohnstube hat sie gerade noch Platz für die Urkunde. Vielfach wurde sie schon für ihr soziales Engagement geehrt. Einen Ehrenplatz haben Fotografien, die sie mit Palmer und dem ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler zeigen.

Helene Haug erlebt ihren heutigen 100. Geburtstag rüstig und bei guter Gesundheit. Bild: Faden Helene Haug erlebt ihren heutigen 100. Geburtstag rüstig und bei guter Gesundheit. Bild: Faden

Helene Haug hat erst als 97-Jährige aufgehört, im Altenzentrum Haus am Schulberg ehrenamtlich alte Menschen zu betreuen. „Da waren viele davon jünger als sie“, sagt der sechzig Jahre jüngere Enkel Volker Zipperer. Das Haus am Schulberg liegt gleich in der Nachbarschaft. Zuerst, erzählt Helene Haug, hat sie dort Verwandte besucht, die Rosa und die Frida. „Dann ist man mit den Leuten dort eigen worden.“

Erst vor drei Jahren hat sie aufgehört, von 14 bis 19 Uhr im Altenheim zu arbeiten. Jetzt gehört der Vormittag ihren Bibellesungen. Nachmittags widmet sie sich ihrer Handarbeit, Spielen (Rummy und Mensch ärgere dich nicht) und den Kreuzworträtseln, abends ist Fernsehen angesagt.

„Die Mutter ist sehr bibelfest und steht im Gebet fest hinter der Familie“, berichtet die Tochter Luise über das Mitglied der evangelisch-methodististen Gemeinde. Tochter, Schwiegersohn und Enkel gehen in die evangelische Kirche. Aber in der Familie herrscht ein ökumenischer Geist. Man ist auch mit dem katholischen Pfarrer befreundet, berichtet Volker Zipperer.

Ihren Lieblingsplatz hat Helene Haug am Fester an der Esslinger Straße, wegen des Lichts. Stricken tut sie nicht mehr, das ist zu anstrengend. Statt dessen hat sie Occhi gelernt, eine Handarbeitstechnik, bei der man mit einem Schiffchen Knoten macht. Die kann man zu Bordüren oder Einfassungen verwenden. Helene Haug knüpft Kreuze daraus. Die sind etwa zehn Zentimeter hoch und haben eine farbige Einfassung. Jeden Tag macht sie mehrere davon. Wichtig dabei ist, dass sie genau zählt, sonst werden die Muster nichts.

Dass sie nachmittags gerne Mensch ärgere dich nicht spielt, wundert den Enkel. Mit dem spielt sie samstags das viel ruhigere Monopoly. „Sonst regst du Dich zu viel auf.“

Geboren wurde sie als Helene Maria Schmid im Nachbarhaus in der Esslinger Straße. Sie war das dritte von zehn Kindern und die älteste Tochter. Der Vater ist als Feuerungsmaurer „weit rumgekommen“ und hat Kamine und Backofen gemauert. Er war nur samstags zu Hause. Die Mutter hat die Landwirtschaft umgetrieben. Die Kinder mussten mit aufs Feld. „Die Schule war Nebensache.“

„Ich hab noch eine Billion“, sagt die Jubilarin, und erinnert sich gut an „die ganz schlechte Zeit“, die Inflation. Für 5000 Mark hat man damals Hefe zum Backen geholt. Der Vater hat damals das Nebenhaus gekauft und musste es zweimal bezahlten: einmal mit Inflationsgeld und dann noch einmal mit Rentenmark.

Lebhaft erinnert sie sich noch, wie die Mutter 1929 ein halbes Jahr im Krankenhaus war. Die siebzehnjährige Helene musste sie vertreten. Als Strickerin ging sie nach Reutlingen zu Bild und Beitel. An einer großen Maschine hat sie „links-links gestrickt: Kinderkittel und Strumpfhosen.“ 1936 hat sie den Maurer Otto Haug geheiratet. Der wurde 1939 zur Marine eingezogen und ist erst Ende 1948 zurückgekommen.

Zwei ihrer Brüder sind gefallen, einer mit gerade mal 18 Jahren. Die Todesnachrichten überbracht hat immer „der Herr Oswalt. „Da isch es einem Angst worden, wenn man den auf der Straße gesehen hat.“ Gefeiert wird zweimal, am Samstag und Sonntag. Vier Geschwister leben noch. Aus Derendingen kommt Bruder Wilhelm, 99, Hedwig, 92, aus Pliezhausen, die Lore, 88, aus Walddorf und Ernst, mit 83 der Jüngste, aus Weingarten.

„Dass alle beieinander sind“, ist für die Jubilarin das Wichtigste. Wehmütig sagt sie: „Früher hat man kein Geld gehabt, aber die Liebe zueinander. Heute hat man Geld, aber keine Liebe mehr.“

02.06.2012 - 08:30 Uhr

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