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Kuhglocken für Kusterdingen

Kleine Schar belebte einen einzigartigen weihnachtlichen Brauch

Gut 60 Kusterdinger standen am Morgen von Heiligabend ganz früh auf, um ab fünf Uhr mit Glocken durch den Ort zu ziehen und den Rest der bis dahin zumeist noch schlafenden Bevölkerung des Fleckens zu wecken.

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Michael Sturm

Kusterdingen. Es soll Leute geben, die müssen um fünf Uhr aus dem Bett. Es soll andere geben, die wollen das partout vermeiden. Die haben an diesem Morgen keine Chance, sofern sie in Kusterdingen wohnen: Seit über 100 Jahren formiert sich an diesem Tag, um diese Uhrzeit ein Zug aus Einheimischen, der den Heiligen Abend bereits zu noch nachtschlafender Zeit einbimmelt.

Mit Glocken oder Fackeln, in Anoraks oder in Nikolauskostümen: Zu nachtschlafender Zeit lärmen ... Mit Glocken oder Fackeln, in Anoraks oder in Nikolauskostümen: Zu nachtschlafender Zeit lärmen gutgelaunte Kusterdinger durch die Straßen – und keiner beschwert sich bei der Polizei. Bild: Sturm

Was das eigentlich soll, ist unerheblich. Ganz offensichtlich haben die, die kommen, ihren Spaß daran. Die ersten fünf am Treffpunkt August-Lämmle-Schule sind fünf männliche Teenager zwischen 16 und 18 Jahren. Sie haben im Jugendhaus durchgemacht. Frisch sind sie schon lange nicht mehr. Sie haben einen Leiterwagen dabei, in dem sie eine Soundanlage spazieren führen. Aus den umgebenden Straßen kommen allmählich weitere Mitläufer dazu. Pünktlich, wie es sich gehört, ist Andreas Ott. Der Vorstand des Gesangsvereins Liederkranz steckt im Nikolaus-Kostüm. „Du hosch’s wenigstens warm“, nuschelt einer der Jugendlichen und greift dem Nikolaus ans Gewand. „Das sieht nur so aus“, antwortet der. Von wegen Plüsch oder Samt, er hat einen ausrangierten Bademantel an.

In den letzten Jahren sei die Teilnehmerzahl gesunken, sagt der Nikolaus alias Ott. „Ich hoffe, wir können die Tradition aufrecht erhalten.“ Mehr Zuspruch finde der Glockenlauf bei winterlicheren Verhältnissen. Doch der Wärmeeinbruch dieser Tage hat die letzten Schneereste verzehrt. „Ich kann Alaska nicht herholen. Das geht schlecht“, stellt Ott fest.

Fünf Uhr. Gähnen ist gerade so erlaubt. Rebecca Hiemstra kann es nicht unterdrücken: „Ich bin um vier Uhr von alleine aufgestanden, weil ich so aufgeregt war.“ Sie lebt als Au-Pair-Mädchen hier. In ihrer Heimat Ann Arbor, Partnerstadt Tübingens im US-Staat Michigan, gibt es keine Tradition, die mit dieser hier in Kusterdingen vergleichbar wäre. Damit sie selbst in Schwung kommt, sagt Rebecca Hiemstra: „Ich hoffe, wir machen viel Lärm und wecken die ganze Stadt auf.“ Würde den Bewohnern von Ann Arbor so etwas gefallen? „Sie würden nicht so froh sein, von Kuhglocken geweckt zu werden“, glaubt Rebecca Hiemstra, „aber ich würde es gerne ausprobieren.“

Die zwei Kinder, die sie betreut, die 13-jährige Betty und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Benjamin, bekommen je eine Fackel. Dann zockeln sie mit. Vater Bernd Breitmaier macht sich ebenfalls mit auf die Strecke. Zum ersten Mal. Und das als waschechter Kusterdinger. „Als Junger bin ich jedes Mal am Fenster gestanden und hab‘ zugeschaut.“

Ihm tun es an diesem Tag nicht sonderlich viele Kusterdinger nach – viele Fenster bleiben dunkel. An einer Straßenecke steht ein verwirrt dreinschauender Mann. Im Hintergrund fährt gerade ein Taxi weg. Der Mann sieht aus, als hätte er gerade keine Kopfschmerztabeletten vorrätig, bräuchte aber welche. Dringend.

Der moderat lärmende Zug zieht weiter. Es sind noch einige Straßenzüge zu durchkämmen. Ganz am Ende, so hat es Andreas Ott versprochen, gehe man alle zusammen in eine Bäckerei, die extra für die Glockengänger früher öffnet. Etwas Frühstück, etwas Kaffee und dann schön den Abend begehen. Ein guter Plan. Den kann man so nur hier durchführen, denn wer morgens um fünf Uhr Glocken läutet, muss Mesner, völlig gaga oder waschechter Kusterdinger sein.

26.12.2012 - 21:30 Uhr

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