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Ein Dorf schrieb deutsche Geschichte

Zur Neuauflage des Buchs „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ / Von Bernd Jürgen Warneken

Im Herbst 1977, vor fast 35 Jahren, begann am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut das Studienprojekt „Arbeiter in einem württembergischen Dorf 1918-1933“, aus dem 1982 das Buch „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ hervorging. Der Titel übernimmt oder besser: übersetzt den Ausspruch einer Mössingerin, der im Original „Do isch neana nonz gwäa als wie do“ lautete. Es versuchte, die Mössinger Arbeitervereine als Dorfvereine, die Politik der Mössinger SPD und KPD als dörfliche Politik zu beschreiben und zu erklären, und es stellte die Denk- und Handlungsweise der Mössinger Linken in eine weit zurückreichende Lokaltradition.

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Der Auslöser des Interesses an den Mössinger Arbeitern war natürlich deren Aufstand gegen die Machtübergabe an die Nationalsozialisten, jener 31. Januar 1933, an dem Mössingen deutsche Geschichte geschrieben hat; und gewiss lag der zehnköpfigen Autorengruppe daran, dieser damals leider isoliert gebliebenen Protestaktion die ihr bis dahin vorenthaltene gebührende Erinnerung und Würdigung zuteil werden zu lassen. Aber wer das Buch aufschlägt, wird bald merken, dass es nicht als Heldenepos und nicht als Propagandaschrift angelegt ist, sondern als sozial- und kulturhistorische Investigation. Seine Leitfrage ist: Wie war es möglich, dass eine solche teilnehmerstarke, entschlossene, hellsichtige Aktion nicht in den Zentren der Arbeiterbewegung, nicht an der Spree, an der Elbe, am Rhein, sondern an der Steinlach in einem 4000-Seelen-Dorf am Fuß der Schwäbischen Alb stattfand? Deshalb findet sich die Darstellung des Generalstreikversuchs auch gar nicht am Anfang des Buchs, sondern beginnt erst auf Seite 151 und nimmt nur 31 von seinen 229 Seiten ein. Sein Schwerpunkt liegt auf der Vorgeschichte des Streiks, und diese setzt mit einer Vorgeschichte der Mössinger Arbeiterbewegung ein.

Das Grundlagenwerk zum Generalstreik, 1982 im Rotbuch-Verlag erschienen. Diesen Sommer kommt im ... Das Grundlagenwerk zum Generalstreik, 1982 im Rotbuch-Verlag erschienen. Diesen Sommer kommt im Talheimer Verlag eine Neuauflage heraus. Hier auf dieser Extra-Seite exklusiv das (leicht gekürzte) Vorwort von Prof. Bernd Jürgen Warneken.

Gezeigt wird dabei zum einen, wie sehr städtisch-überhebliche Vorstellungen von einem verhockten Dorfleben, bei dem der Weg nur bis zum eigenen Acker und der Blick nur bis zum eigenen Kirchturm reicht, in die Irre gehen. Zumal im Fall Mössingen, dessen Rechen- und Gabelmacher ihre Produkte selbst vertrieben und fast in ganz Süddeutschland ihre Kunden hatten, und wo zahlreiche Einwohner sich als Wanderarbeiter und Saisonarbeiter durchschlugen, die bis in die Schweiz und nach Frankreich kamen. Auch politisch lebt man hier keineswegs hinter dem Farrenberg: Schon im Kaiserreich wählen die Mössinger mit großer Mehrheit die demokratische Avantgarde in Württemberg, die Volkspartei (1893: 83,4%!). Bald geht es noch weiter nach links, die Sozialdemokratie gewinnt mehr und mehr an Zuspruch (1912: SPD 42,4%, Volkspartei 51,9%), und da überrascht es kaum, dass große Teile der Mössinger Arbeiterschaft sich nach dem Ersten Weltkrieg wiederum der neuesten und radikalsten Linkspartei zuwenden: der KPD (1926: 26,5%; SPD: 16%; DDP, Nachfolgerin der Volkspartei, 24,7%).

Massenkundgebung zum 50. Jahrestag des Generalstreiks, von dem es keine Bilder mehr gibt. Hier an ... Massenkundgebung zum 50. Jahrestag des Generalstreiks, von dem es keine Bilder mehr gibt. Hier an der Langgass-Turnhalle ging es los.Archivbild: Franke

Zum andern wird im Mössingenbuch von 1982 herausgearbeitet, dass die roten und auch die dunkelroten Mössinger im Dorf keinen Fremdkörper bilden. Unter ihren Führern sind Handwerksmeister aus alteingesessenen Familien, und sie sind nach ihrem Übertritt in die KPD keine ferngelenkten Apparatschiks geworden: Sie handeln als Kommunisten, aber eben als Mössinger Kommunisten. Jahrelang bilden die KPD-Vertreter im Gemeinderat mit anderen Fraktionen eine effektive Modernisierungs-Koalition, welcher das Dorf eine Wasserleitung, eine Kanalisation, eine Neubausiedlung, ein öffentliches Bad verdankt. Das Herzstück ihres alltagspraktischen Engagements ist der genossenschaftliche „Konsum“, geführt von Kommunisten und einigen Sozialdemokraten, der in einem Hauptgeschäft und fünf Filialen ein breites und billiges Angebot bereithält, das nicht nur die Anhänger der Linken nutzen.

Artikelbild: Zur Neuauflage des Buchs „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“  /  Von Bernd Jürgen Warneken

Das bedeutet freilich nicht, dass das Mössingenbuch ein friedlich-schiedliches Miteinander des roten und des (etwa gleich großen) bürgerlichen Lagers an die Wand malt. Es kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass die Interessenkonflikte und Meinungsunterschiede immer wieder von Kompromissbereitschaft gezähmt wurden: Keine Seite wollte in den 1920er Jahren den politischen Kampf in der dicht miteinander verflochtenen und ständig aufeinander angewiesenen Dorfgesellschaft – nicht selten gingen die Parteiengegensätze mitten durch die Familien – auf die Spitze treiben.

Einen Bruch mit der approbierten Dorfkultur stellte freilich das Bekenntnis zum Kommunismus dar (wobei seine Parteigänger darunter sicherlich recht Unterschiedliches verstanden haben). Doch auch hier gibt es eine Verbindung zu Mössinger Traditionen, nämlich zum Pietismus. Hier wie da trifft man auf die Überzeugung, in einer durch und durch verdorbenen Welt zu leben, und die Erwartung ihres baldigen Endes. In den Gesprächen, welche die Projektgruppe mit einem ehemaligen Führer der örtlichen KPD, einem Handwerksmeister, führte, wurde diese Denkverwandtschaft manifest. Er vertrat einen Mössinger Marxismus, dessen radikalste Formulierungen der Bibelsprache verpflichtet waren. Die Verwerfung des Kapitalismus lautete bei ihm „Die Welt ist ein Schwindel“; die Sozialdemokraten waren „die Lauen“, die es auszuspucken galt; und die sozialistische Revolution nannte er „die Stunde, wo sich das Unkraut vom Weizen jäten wird“, wo „Gerichtstag gehalten“ und „Heulen und Zähneklappern“ herrschen werde. Und tatsächlich war er in seiner Jugend in die pietistische „Stund‘“ gegangen.

Angesichts der immer stärker werdenden Nazis veränderte sich Anfang der 1930er Jahre auch die Mössinger Situation. Die örtlichen Kommunisten, so heißt es im Buch, „ziehen sich jetzt zurück auf eine Politik des demonstrativen Boykotts und Widerstandes“. Und sie vertreten jetzt ebenfalls die unselige Titulierung der Sozialdemokraten als „Sozialfaschisten“ – wenngleich ihre Praxis dieser Theorie nicht so recht entspricht, denn in der örtlichen „Antifaschistischen Aktion“ arbeiten KPDler und SPDler nach wie vor zusammen.

Dorfkultureller Knigge und ländliche Rebellion

Die Kommunisten radikalisieren sich, setzen auf die Mobilisierung ihrer Anhängerschaft, die Rücksichtnahme auf den dorfkulturellen Knigge schwindet. Das deutlichste Beispiel liefert der Ablauf des Generalstreiks, nämlich das Eindringen der Demonstranten bei der Firma Merz und die Handgreiflichkeiten gegenüber den offenbar gar nicht wenigen Arbeiterinnen, die dem Streikaufruf nicht folgen wollten. Auch wenn man – wie nach dem Krieg auch die Gerichte bestätigten – in der Not über manches Gebot hinweggehen darf: Die roten Mössinger brachen dadurch doch mit etwas, was nicht nur die braunen Mössinger für Recht und Anstand hielten.

Dennoch war auch der Generalstreik kein Implantat, das dem ‚Dorfkörper‘ gänzlich fremd gewesen wäre. Er hat vielmehr – was im Mössingenbuch nicht angesprochen wurde – einige Charakterzüge, die durchaus mit ländlichen Traditionen zu tun haben: nämlich mit tradierten Handlungsmustern bei ländlichen Rebellionen. Dazu gehört ein Werbeumzug durch die Dorfstraßen am Vorabend der geplanten Aktion, wie ihn die Antifaschistische Aktion am 30. Januar durchführte, und auch die dabei mitgeführten Trommeln und Pfeifen – Volksinstrumente, die schon in den Bauernkriegen den „Pauken und Trompeten“ der Feudalherrschaft opponierten. Dazu zählen zudem die eigens verfertigte Fahne, das große Transparent „Heraus zum Massenstreik!“, das dann am 31. Januar dem Demonstrationszug vorangetragen wurde.

Beobachtbar ist in der Geschichte dörflicher Unruhen zudem, dass die gemeinhin schwache Präsenz von Obrigkeit und Polizei bei der Protestpartei ein Gefühl der eigenen Überlegenheit und damit eine gesteigerte Risikobereitschaft erzeugt. Diese Situation gilt noch für das Mössingen von 1933: Bekanntlich musste Schutzpolizei aus Reutlingen anrücken, um den Protestzug aufzulösen. Das sofortige Zurückweichen der Demonstranten beim Anblick von 40 bewaffneten Polizisten reiht sich ebenfalls recht nahtlos in volkskulturelle Traditionen ein: Angesichts einer ostentativen staatlichen Übermacht pflegte man nicht heldenhaft-idealistisch, sondern achselzuckend-realistisch zu reagieren. Demselben Muster folgten dann viele Streikteilnehmer, als sie im Juli 1933 – die Nazis sitzen inzwischen fest im Sattel – vor Gericht stehen: Sie hüten sich vor Bekenntnissen zur Arbeiterbewegung, sie leugnen politische Motive so weit wie eben möglich und erklären ihr Mitmachen, massenpsychologische Stereotype nutzend, mit purer Neugier oder schlichter Dummheit.

Auch die Art und Weise, wie Mössingen in der Nachkriegszeit mit seinem Generalstreiksversuch umgeht, ist teilweise mit den Besonderheiten einer Dorfkultur zu erklären. Sicherlich, in den Grundlinien folgt diese Geschichte des Beschweigens und Missachtens politischen Tendenzen, die damals im ganzen Land verbreitet waren. Es sei nur daran erinnert, wie lange es dauerte, bis der deutschnationale Widerstand um Graf von Stauffenberg in der Bundesrepublik als gerechtfertigt angesehen wurde. Das ging so weit, dass Witwen von hingerichteten Verschwörern sogar die Hinterbliebenenbezüge verweigert wurden: Im Falle von Wehrmachtsangehörigen, die wegen Hoch- und Landesverrats verurteilt worden seien, gebe es kein Anrecht auf Renten und Pensionen. Nur 18% der Bundesdeutschen befürworteten es 1956, eine Schule nach Stauffenberg oder Goerdeler zu benennen, und noch 1970 beurteilten nur 39% den Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 positiv.

Noch schwerer hatte es der Arbeiterwiderstand in der öffentlichen Meinung. Obwohl er der früheste, größte, entschiedenste und opferreichste Widerstand von Deutschen gegen die Nazis war, wurde er in den Medien, im Unterricht, im politischen Leben jahrzehntelang übergangen: Dass Kommunisten in den illegalen Oppositionsgruppen eine führende Rolle gespielt hatten, verhalf ihnen nicht zu mehr Ansehen, es schadete vielmehr dem Ansehen dieses Widerstands. Kurzum, das bundesrepublikanische Meinungsklima war über lange Zeit wenig geeignet, die Mössinger zum Stolz auf ‚ihren‘ Generalstreik zu animieren.

Hinzu kamen freilich ortsspezifische Faktoren, welche einer angemessenen Würdigung dieses bedeutenden, wenn nicht bedeutendsten Ereignisses der Lokalgeschichte entgegenstanden. Zum einen ist die soziale Nähe im Dorf und später in der Kleinstadt Mössingen zu bedenken: Hier lebten noch immer die Familien damaliger Nazigegner und damaliger Nazis, waren Nachbarn, arbeiteten mitunter in denselben Betrieben. Das Plädoyer, doch keine „alten Gräben aufzureißen“, war hier durchaus nicht nur ideologisch bedingt, sondern resultierte auch aus der Sorge um eine Vergiftung der Ortsatmosphäre.

Zur Blumenstadt gehören auch rote Nelken

Zum andern spielten natürlich die politischen Verhältnisse herein: Das „rote Mössingen“ war nur noch Geschichte, die KPD – sie hatte 1953 immerhin noch 9,1% erzielt –, war 1956 verboten worden, die DKP erreichte 1980, als die Tübinger Projektgruppe ihr Buch vorbereitete, gerade einmal 0,4%. Stärkste Ortspartei bei den Bundestagswahlen war seit 1965 durchgängig die CDU. Unter diesen Umständen verwundert es nicht, dass das Wiederausgraben des Generalstreiks bei manchen ehemaligen Streikteilnehmern und vor allem einigen ihrer Söhne und Töchter gemischte Gefühle hervorrief.

Dass die Situation sich seitdem schrittweise geändert hat und der Streik mehr und mehr ins kommunikative und kulturelle Gedächtnis des Orts aufgenommen wird, hat abgesehen von Faktoren wie dem Ende des Kalten Kriegs seinen Grund sicher auch darin, dass es inzwischen viele Neubürger und viele Enkel der einstigen Kontrahenten gibt, die nicht in ererbten Rücksichtnahmen und ererbten Fehden befangen sind. Die Überzeugung, dass zur Identität der „Blumenstadt Mössingen“ auch ein Strauß roter Nelken gehört, scheint heute jedenfalls mehrheitsfähig zu sein.

Bernd Jürgen Warneken, neben Museumsleiter Hermann Berner Herausgeber der Neuauflage des Buchs zum Generalstreik, gehörte schon zu den Autoren der ersten Veröffentlichung „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“. Der Wissenschaftler ist einer der herausragenden Vertreter der Empirischen Kulturwissenschaft. Warneken, 67, ging 2010 als Akademischer Rat und außerplanmäßiger Professor am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut in den Ruhestand. Er lebt in Tübingen und Berlin.

08.03.2012 - 08:30 Uhr

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