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Auftragswerke für Olympia

Wilfried Nill produziert maßgeschneiderte Pistolengriffe

Wenn Weltmeister schießen, ist nicht nur der Finger am Abzug wichtig. Der Griff ihrer Sportgeräte ist genau nach ihrem individuellen Finger- und Handballenabdruck geformt. Seit 1989 hat sich die Mössinger Firma Karl Nill auf die ergonomische Perfektionierung von Griffschalen spezialisiert.

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Susanne Mutschler
Wilfried Nill hat die Begeisterung für Pistolengriffe von seinem Vater geerbt und exportiert in ... Wilfried Nill hat die Begeisterung für Pistolengriffe von seinem Vater geerbt und exportiert in alle Welt. Bild: Franke

Mössingen. Von der Weltmeisterschaft im Sportschießen, die vom 29. Juli bis zum 8. August in München stattfand, hat Wilfried Nill eine ganze Kiste voller roher Holzmodelle mitgebracht. Beim ersten Hinschauen denkt man eher an orthopädische Prothesen als an edel geschwungene und glatt polierte Gewehr- und Pistolengriffe. Jedes der Stücke ist – je nach der Beschaffenheit der Schützenhand – an unterschiedlichen Stellen durch weißes Modelliermaterial angedickt, vertieft oder erhöht. Und jedes trägt den Namen und die Herkunft des Schützen. Sie kommen aus China, Malaysia, Iran, Mexiko, Kuwait, Libyen, Russland oder den USA.

An Nills Münchner Servicestand trafen sich Sportschützen aus aller Welt, um sich über die neuesten ergonomischen Entwicklungen bei Griffen und Schäften beraten zu lassen. Eine ganze Reihe von ihnen gab dem 45-jährigen Mössinger einen höchstpersönlichen Hand- und Fingerabdruck mit. Nach diesen dreidimensionalen Vorlagen entstehen in Nills Firma individuelle Griffschalen – so etwa für den Russen Vassilij Mosin, der 2012 in der Disziplin Doppeltrap (Wurfscheibenschießen) an der Olympiade teilnehmen wird und dafür einen Griff wünscht, der ihm wie ein Handschuh exakt an die Zielhand passen wird. „Auf fünf Hunderstel Millimeter genau“, sagt Nill.

Die Fräsmaschine ist ein Unikat

Eine CNC-gesteuerte Kopierfräsmaschine überträgt die Konturen Punkt für Punkt auf den Nussbaumklotz, bis sich Mosins zukünftige Griffschale herausschält. „Der Fräskopf bewegt sich simultan und fünfachsig“, erklärt der Firmenchef nicht ohne Stolz. Vieles an dieser Maschine hat er passend zu den diffizilen Detailanforderungen seiner Produkte selbst konstruiert. „Das ist ein Unikat.“

Bis der russische Schütze aus Moskau nach Mössingen anreisen wird, um Nills Produkt zum ersten Mal zu testen, sind mit Schleifen, Entgraten, Polieren und Ölen noch eine Menge Arbeitsgänge notwendig. „Vieles davon ist Handarbeit“.

Als die Schützenvereine nach dem Krieg allmählich wieder auflebten, übte man zunächst mit schlichten Gebrauchsgeräten, wie sie die Polizei hatte, erzählt Nill. „Die Griffe hatten nicht einmal eine Daumenauflage.“ Sein Vater, der Schreinermeister Karl Nill und 1957 einer der Wiederbegründer des Mössinger Schützenvereins, sann schon damals auf Verbesserungen. Er bearbeitete ein Stück abgelagertes Nussbaumholz solange mit dem Stechbeitel, bis es genau zu seiner Pistole passte. Die äußere Griffschale schnitzte, feilte und schliff er, bis sie ihm satt und glatt in der Hand lag.

Dieser Prototyp war 1966 der Grundstein für das Nill’sche Familienunternehmen. Heute hat er einen Ehrenplatz in der Firmen-Vitrine. Von 1969 an stellte der schießbegeisterte Karl Nill seine Werkstatt auf die Herstellung von Sportwaffengriffen um. Die technische Seite des Schießsports habe sich damals rasch fortentwickelt, während die ergonomische Funktionalität der Holzgriffe hinterher hinkte, erinnert sich Wilfried Nill, der schon als kleiner Junge in der Werkstatt mithalf.

Als Vater Nill 1989 mit dem Betrieb nach Schlattwiesen umzog, machte er seinen 22-jährigen Sohn zum Gesellschafter. Das sei sein Ansporn gewesen, um sich neben der Schreinerei auch in der CNC-Technologie fit zu machen, sagt jener. Zur Zeit beschäftigt der Betrieb acht Mitarbeiter und sechs Teilzeitkräfte.

Walnussholz aus dem Kaukasus-Gebirge

Nill wurde zum gewieften Konstrukteur und leidenschaftlichen Produktentwickler. Für Sportgewehre, wie sie bei dynamischen Wettkampf-Disziplinen wie dem Wurfscheibenschießen verwendet werden, hat er ein aus mehreren Modulen zusammengesetztes Schaftsystem entwickelt und als Weltneuheit bereits zum Patent angemeldet. Daran „ist alles, was nicht schießt, von uns konstruiert“, erklärt er. Das Herzstück ist der nach der Anatomie der menschlichen Hand geformte Pistolengriff, mit Fingerrillen, Daumen- und angedeuteter Handballenauflage.

Über 1100 verschiedene Griffschalen bietet Nills Standardsortiment dem Schießsport an. Die Individualmodelle für die Meisterschützen sind eine Nische, ganz nach dem Herzen des Tüftlers Nill, und gleichzeitig eine raffinierte Werbung: Wenn Nill-Griffe bei der Olympiade antreten, kommt das auch dem Hersteller zu Gute.

Vor den aufgestapelten, edlen Holzsorten in seinem Lager kommt Nill regelrecht ins Schwärmen. Heimische Nussbäume, die sein Vater vor dem Transport nach Mössingen eigens begutachtet, werden hier spezialgetrocknet. Noch besser sei das Walnussholz aus den Gebirgslagen des Kaukasus und aus Kirgisistan. Es sei fest, schwer und gemasert „wie Marmor“, sagt er. Und kein anderes Holz dufte beim Fräsen köstlicher als das der Olive. Exotische Harthölzer wie Zirikote, Kokobolo oder Grenadille nimmt er für die teuren Luxuswünsche von Pistolensammlern.

Dass ihn ein verändertes Waffengesetz beeinträchtigen könnte, fürchtet Nill nicht. Unter dem Label „Ergosign“ und dem Begriff „ergonomische Handhabungsgegenstände“ schmiedet er schon seit 2005 an Plänen für handschmeichelnde Griffe außerhalb des Schießsports.

01.09.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 01.09.2010 - 08:42 Uhr
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