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Leonardo im Leiterwagen

Über 25.000 Besucher drängten zum Rosenmarkt

Ohne Töpfe und Tüten verließ gestern kaum jemand den zwölften Mössinger Rosenmarkt. Die Stars wurden sogar herumkutschiert: Leonardo da Vinci saß in einem Leiterwagen, die Königin von Dänemark auf einem Rollator. Und Edgar Degas fuhr in einem Kinderwagen fort.

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susanne wiedmann

Mössingen. Erst wenige Minuten hatte der Rosenmarkt geöffnet, da trugen wahre Experten bereits die ersten Rosenstöcke davon. Um kurz nach elf Uhr waren die Parkplätze rings um den Jakob-Stotz-Platz längst belegt und die Nebenstraßen zugeparkt. In der Karl-Jaggy-Straße stauten sich die Autos wie im Zentrum einer Metropole. Auf dem Rosenmarkt unter den Platanen drängten sich die Blumenfreunde und zwei ältere Frauen waren irritiert. „Die riecht nicht, Inge! Des isch aber seltsam.“ Und auch die Inge wunderte sich. „Die eine Rose riecht und die andere nicht“, obwohl ihnen das gleiche Schild angehängt wurde.

Jedenfalls duftet Evelyn wie intensives Parfüm. Ungewöhnlich große, dicht gefüllte Blüten trägt diese englische Rose. Leuchtet gelb und apricot mit einem rosafarbenen Schimmer. Und doch entspricht sie nicht dem neuesten Trend. Das sagte Anette App von der gleichnamigen Baumschule. „Die Leute haben genug von den total gefüllten Blüten.“ Weil sie bei Regen schwer werden und ihre Köpfe hängen lassen. Gefragt seien schlichte Sorten – wie die bescheidene „Sweet Pretty“, pastellrosa, ungefüllt, kleinblumig. Oft wird ihre Schönheit jedoch erst auf den zweiten Blick erkannt.

Eine unzählige Fülle an Rosensorten und Besuchern beim Mössinger Rosenmarkt im vergangenen Jahr. ... Eine unzählige Fülle an Rosensorten und Besuchern beim Mössinger Rosenmarkt im vergangenen Jahr. Archivbild: Rippmann

Apps Kollegin, Veronika Höcherl, schätzt, dass „zwei Drittel des Publikums Rosenliebhaber sind und sich gut auskennen“. So wie Iris und Bernhard Käst aus Albstadt. Jedes Jahr entdecken sie auf dem Mössinger Rosenmarkt hübsche Sorten. Dieses Mal hielt Bernhard Käst die Ghislaine de Féligonde im Arm. Ihre lachsrosa Blüten duften nach Moschus. „Sie ist herrlich mit so vielen Knöpfen.“ Klar, dass der Kenner keine aufgeblühte Rose kaufte, die er nach Tagen schon zurückschneiden müsste. Käst hat genug Rosengewächse gestutzt, nachdem der unwirtliche Winter sie erbarmungslos erfrieren ließ. So wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Es war nicht nur zu kalt. Ein eisiger Ostwind fegte durch die Gärten, aber kein Schnee, der die Pflanzen schützen würde. Anette App musste 50 Prozent ihrer Rosen entsorgen. „Der Winter hat uns gezeigt, wer hier das Sagen hat.“ Ein riesiger Schaden. Genauso Willi König, Belsener Landschaftsgärtnermeister. Er hat zwanzig Prozent weniger Rosen als sonst. Deshalb kaufte er von Baumschulen dazu.

Trotzdem versammelte sich am Jakob-Stotz-Platz und in der Breitestraße eine unendliche Fülle an Rosensorten und anderen blühenden Gewächsen in den Nebenrollen: Rittersporn, Lavendel, Schmuckkörbchen, Hortensien, die ebenso gerne gekauft wurden. In vielen Privatgärten müssen nach der Winterkälte Löcher gestopft und Lücken gefüllt werden.

Nina Häupler und Beate Kußmaul zogen Leonardo da Vinci in einem Leiterwagen hinter sich her. Ein robuster Typ mit rosafarbenen Blüten. Zwei Jahre zuvor hatten die Herrenbergerinnen ein Schild in ihr Gefährt gesteckt: „Bitte nur gucken, nicht riechen!“ Unzählige Besucher hatten unablässig ihre Köpfe in die Büsche gesteckt. Das macht ohnehin jeder gerne. Je größer die Blüte, desto mehr Nasen drücken sich zwischen die Blütenblätter. Edgar Degas, mit impressionistisch gefleckten Blüten, ruckelte in einem Kinderwagen in seine neue Heimat, während ein kleines Mädchen nebenherspazierte.

Zur Mittagszeit bildeten sich lange Schlangen an den Essensständen der Vereine, die Bierbänke waren belegt, der Mössinger Musikverein spielte. Die Gäste verdrückten nicht nur Rote Würste, sondern auch Rosenwürste. Allseits fand sich die Rose: auf Röcken, Kissen, Servietten und Seifen. Als Fotografie und Ölgemälde. Im Rosenblütenbalsamico und in Eiernudeln. Silberne Rosenketten wurden umgehängt und gehäkelte Rosetten ans Revers gesteckt.

Mannshohe Rankhilfen schleppten die Besucher umher, bestaunten Kräuterscheren, Fugenkratzer, Jätegabeln und Staudensicheln. Bereits vor einigen Jahren machte Willi König eine neue Gartenlust aus. Bei der Bankenkrise sei dies deutlich geworden. „Die Leute machen es sich zu Hause gemütlich.“ Je unsicherer das Weltklima, behauptet er, „desto schöner gestalten die Menschen ihre Gärten“. Vielleicht suchen sie hier nach Verwurzelung.

Erfolgreicher verkaufsoffener Sonntag
„Es lief super“, sagte Wolfgang Werz, Erster Vorsitzender des HGV Mössingen, über den verkaufsoffenen Sonntag. Es seien zwar „keine riesen Gewinne“ gemacht worden, aber darum ginge es auch nicht. „Die Unkosten sind gedeckt und Fremden wurde gezeigt, was es in Mössingen alles gibt.“ Der Rosenmarkt und der verkaufsoffene Sonntag hätten sich gut ergänzt. So sei die Innenstadt belebt worden. Auch auf dem Flohmarkt in der Falltorstraße ging es betriebsam zu. Besonders schwierig war es in diesem Jahr, überhaupt einen Parkplatz in der Innenstadt zu finden, da weitere Flohmarktbetreiber ihre Stände auf Supermarktparkplätzen aufgebaut hatten.


18.06.2012 - 08:00 Uhr | geändert: 18.06.2012 - 22:50 Uhr

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