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Ein Kind der kalabresischen Küche

Tina Noce Felton veröffentlichte ein Kochbuch für Krebspatienten

Seit zwanzig Jahren berät Tina Noce Felton in der urologischen Praxis ihres Mannes Krebspatienten, beantwortet Fragen zur Ernährung während und nach der Tumortherapie. Nun hat sie ihre Tipps und Rezepte aufgeschrieben und in einem Buch veröffentlicht.

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susanne wiedmann

Mössingen. Auf den Terrassen hinter ihrem Elternhaus reiften Weintrauben, im Garten ringsum Orangen, Pfirsiche und Zitronen, Oliven, Salate, Zucchini, Tomaten. Ein kleines Dorf in Süditalien. Dort, wo nur „die Straße von Messina“ Kalabrien und Sizilien trennt. „Ich komme fast aus dem Meer“, sagt Tina Noce Felton. Jeden Tag bereitete die Familie frisches Gemüse zu, dünstete es an in hochwertigem Olivenöl, kochte wenig Fleisch, dafür aber reichlich Fisch. Und wer Lust auf Süßes hatte, steckte sich Nüsse, aromatisches Obst oder Trockenfrüchte in den Mund.

Ernährungsberaterin Tina Noce Felton und ihr Mann, Christopher Felton, Arzt für Urologie und ... Ernährungsberaterin Tina Noce Felton und ihr Mann, Christopher Felton, Arzt für Urologie und medikamentöse Tumortherapie in Mössingen. Bild: Rippmann

„Meine Lieblingsküche ist die mediterrane Küche vor 1960“, sagt Tina Noce Felton. Nicht nur, weil sie ihr schmeckt, sondern, weil sie abwechslungsreich und naturbelassen ist. „Sie ist am besten geeignet, um das Krebsrisiko niedrig zu halten“, erklärt die Ernährungsberaterin. „Je farbenprächtiger, umso gesünder.“ Nach 1960 habe auch die Mittelmeer-Küche ihren Charakter durch Industrieprodukte zunehmend eingebüßt.

Artikelbild: Mössingens erste Pfarrerin

Ihre kalabresischen Eltern kochten leidenschaftlich gern, erfreuten sich am Essen und an einfachen Gerichten. Und schon als Kind half Tina Noce Felton in der Küche mit, bereitete das Essen vor, putzte Gemüse, während ihre Eltern arbeiteten. Als die Familie in den 1960er-Jahren nach Deutschland gezogen war, verbrachte sie dennoch die Sommerferien bei ihren Verwandten in der Heimat und ernährte sich davon, was im Garten heranwuchs.

Artikelbild: Tina Noce Felton veröffentlichte ein Kochbuch für Krebspatienten

Dass Lebensmittel den Körper schützen oder schädigen können und gesunde Ernährung kranke Patienten stärkt und ihnen hilft, mit Belastungen von Operationen, Strahlen- und Chemotherapie besser fertig zu werden, das weiß sie als Ernährungsberaterin. Bereits während ihrer Ausbildung beschäftigte sie sich intensiv mit Ernährung und ihrer Auswirkung auf den Körper. Zudem sammelt sie seit zwanzig Jahren Erfahrung in der Arztpraxis ihres Mannes, des Mössinger Urologen Christopher Felton. Dort berät und betreut sie Krebspatienten. „Nach der Diagnose Prostatakrebs waren die Fragen der Patienten oft die selben: Was kann ich selbst tun? Aber nicht nur was, sondern auch wie? Und wie kann ich die Ernährung optimieren?“

Artikelbild: Tina Noce Felton veröffentlichte ein Kochbuch für Krebspatienten

Deshalb hat die 55-Jährige ein Kochbuch mit – wie sie selbst sagt – einem „provokativen Titel“ herausgegeben: „Es gibt keine Krebsdiät...“. Aber es gibt bereits unzählige Kochbücher. „Einen riesigen Markt mit unsinnigen Diäten“, behauptet Tina Noce Felton, die sich die Angst der Patienten zunutze machten. „Viele so genannte Krebsdiäten schaden mehr als sie helfen.“ So würden die Patienten auf Dinge verzichten, die der Körper brauche, betont Christopher Felton, 59. Und seine Frau fügt hinzu: „Unsinnige Verbote machen schlechte Laune und ein schlechtes Gewissen.“ Zudem könne die Ernährung den Krebs nicht heilen, aber einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass die Krebstherapie erfolgreich verlaufe.

Ihre Tipps und Rezepte schrieb sie auf, weil sie den Patienten etwas auf den Weg mitgeben wollte, vor allem auch allein stehenden Männern, „die manchmal nicht wussten, wie sie eine Suppe kochen sollten“. In ihrem Kochbuch versammeln sich Gerichte, die helfen, Nebenwirkungen der Chemo- und Strahlentherapie besser durchzustehen. Sie gibt Tipps bei Schluckbeschwerden, Entzündungen im Mund und oberen Verdauungstrakt oder bei Brechreiz.

Wer an Geschmacksverlust leidet, sagt Noce Felton, könne Kräuter mit intensivem Aroma, eher kühle Speisen, Knackiges und Körniges für ein „Bisserlebnis“ zubereiten. Patienten mit wenig Appetit sollten nicht bedrängt werden, aber stets Fingerfood zur Hand haben. Und eine fruchtige Kürbiscremesuppe mit Muskat rege den Appetit an, genauso wie Seezungenfilet. Bei geschwächtem Immunsystem während der Therapie, wenn Rohkost gemieden und keimarm gekocht werden soll, hat sie Ideen für leckere Salate aus gekochtem Gemüse: gedünsteter Romanasalat oder Ratatouillesalat mit Auberginen, Fenchel, Paprika, Zucchini.

Wer viel Gewicht verliert, sollte energiereiche, fetthaltige Produkte essen – wie Avocados. Oder auch einen kalorienreichen Käsekuchen. Eine Liste mit „SOS-Getränken“ hat sie zusammengestellt, für Menschen, die erschöpft oder unterzuckert sind – Mandelmilch, Obst-Dattel-Drink oder Kraft-Drink mit Möhren- und Orangensaft, Joghurt, Leinöl und Banane.

Aber das Kochbuch richtet sich nicht nur an kranke Menschen, sondern auch an Liebhaber der mediterranen Küche. Einer gesunden Ernährung, die das Herz-Kreislauf-System stärke, sich auch günstig bei anderen Krebsarten und Diabetes auswirke, erklärt Tina Noce Felton: Gefüllte Tomaten, Blumenkohlküchlein, Orecchiette mit Brokkoli, Rote-Bete-Carpaccio, kalabresischer Kartoffelsalat, ein Rezept ihrer Mutter (siehe links), schnelle Tomatensoßen etwa mit Champignons und Sellerie oder Lachs auf Gemüse mit Kräutern.

„Wir wollen den Menschen nicht die Freude am Essen austreiben, sondern sie bewahren“, sagt Christopher Felton und verspricht, dass er selbst Kochen lernt, sobald er in Rente ist.

Rezepte als Anregung und Ermutigung
„Eine kleine Hilfestellung“ möchte Tina Noce Felton geben, aber niemandem etwas vorschreiben. Und sie verbietet nichts. Mit einer einzigen Ausnahme: Schweineschmalz. „Es wirkt sehr entzündungsfördernd.“ Ansonsten hätten die Patienten selbst ein Gespür dafür, was ihnen bekomme und was zum Wohlbefinden beitrage. Als Anregung und Ermutigung sei das Kochbuch gedacht: „Es gibt keine Krebsdiät...“ ist bei Tina Noce Felton (Auf der Lehr 37 in Mössingen, Mail-Adresse:
tina.noce.felton@gmail.
com), in der Mössinger Buchhandlung Schramm und bei Schreibwaren Trautmann in Kusterdingen zu erhalten. 80 Seiten, 15 Euro.


03.08.2012 - 08:30 Uhr

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