Keinen Einheitsbrei
Seminar im Haus Blumenküche zur Ernährung bei Demenz
Wie man die Essprobleme bei altersverwirrten Menschen meistern kann, darüber informierte am Mittwoch ein Seminar im Mössinger Pflegeheim Haus Blumenküche. Knapp 30 in der Seniorenpflege Beschäftigte folgten der Einladung des Kreisseniorenrats.
Susanne Mutschler
Nicht alle Senior(inn)en können solche Mahlzeiten noch problemlos verzehren. Archivbild: Sommer
Mössingen. Wenn das Denkvermögen durch fortschreitende Demenz abnimmt, kann Essen ein komplizierter Vorgang werden. Hunger- und Durstgefühle lassen nach oder werden nicht mehr verstanden, Geruchs- und Geschmacksinn verändern sich, Medikamente nehmen den Appetit, die Zunge wird unbeholfen, Kau- und Schluckbeschwerden nehmen zu, während gleichzeitig womöglich ein beständiger Bewegungsdrang erhöhten Energiebedarf signalisiert.
Für Menschen mit Demenzerkrankung gebe es ein hohes Risiko für Mangelernährung und Austrocknung, sagte Referentin Anne von Laufenberg-Beermann von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (Bagso). „Wenn der Bissen im Halse stecken bleibt“, sollte zuerst nach den Ursachen geforscht werden. Sind die Prothese und die Zähne in Ordnung, so empfahl die Referentin, die Speisen in der ersten Phase fürs leichte Schlucken zu passieren, sie später breiartig zu pürieren, um schließlich wieder einen bissfesten Zustand zu erreichen. „Die Konsistenz muss immer einheitlich sein.“ Nudelsuppe etwa sei schlecht, weil sie mit dicken und dünnen Anteilen zum Verschlucken reize.
Damit das Essen nicht wie ein „Einheitsbrei“ aussieht, könne man die Breie mit Mehl und Eiern andicken und wie Soufflés servieren, das pürierte Seelachsfilet etwa als appetitlich geformte Fischpastete. Die Optik beim Essen sei sehr wichtig, fand auch Monika Rothbächer von der deutschen Gesellschaft für Ernährung. Da es Demenzkranke gibt, die sich vor dem Anblick eines gedeckten Tisches fürchten, riet sie zu bunten Tischdecken und farbigem Geschirr.
Leibspeise je nach Biografie
Gelb und rot seien erfahrungsgemäß aufheiternde Farben, grün werde als „giftig“ und gefährlich abgelehnt. „Die Dekoration muss immer essbar sein“, ergänzte Renate Bauer vom Kreisseniorenrat. Vergesslichen, die entweder ständig oder nie essen möchten, könne ein Gong die Erinnerung an die richtige „Mahlzeit“ zurückbringen, leichte Musik – Rothbächer hatte eine Glenn-Miller-CD dabei – könne beim Essen stimulierend wirken.
Für Leute, die den Umgang mit Messer und Gabel nicht mehr schaffen, sollte das Essen als „Finger-Food“ vorbereitet werden, sagte Laufenberg-Beermann. Unruhige Kranke, die es zu ständiger Bewegung drängt, sollten ihr Essen wie an einem kalten Buffet vorfinden. Das Frühstück als Klappstulle, den Gemüseauflauf stichfest, das Gemüse in Stücken, schlug sie vor.
Bei Ess-Blockaden sei es wichtig, die Biografien genau zu erforschen. Ein Bremer reagiere möglicherweise auf den Geruch von Fischbrötchen mit Esslust, und „wer früher Bäcker war, bekommt vielleicht erst mitten in der Nacht Hunger“. Viele Leute entwickelten im Alter eine Vorliebe für Süßes. Wenn man sich „in den guten Tagen“ mit den Kranken unterhalte, höre man viel über die Leibspeisen heraus, war die Erfahrung von Irmgard Hornef vom Kreisseniorenrat.
Im Haus Blumenküche seien die Kühlschränke immer gefüllt mit Vespertellern und Joghurtbechern für nächtliche Wanderer, berichtete Heimleiterin Petra Dreher. Sie setzt auf den „Erziehungseffekt“ der Gemeinsamkeit beim Zubereiten und Essen. In allen sechs Wohngruppen wird das Essen nach den Vorlieben der Bewohner gemeinsam geplant und vorbereitet. Sie berichtete von Bewohnerinnen, die vielleicht ihren Namen nicht mehr kennen, aber noch genau die Garzeiten der einzelnen Gemüse, und erzählte von der Fürsorglichkeit, mit der die alten Leute beim Ausschöpfen und Essen danach gucken, dass jeder gut versorgt ist: „Der Anstand bei Tisch bleibt sehr lange.“