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Schickimicki in KBS-City

Schüler der Körperbehindertenschule spielten eine Woche lang Stadt

Friseur, Fotostudio, Frittenbude: Die Körperbehindertenschule verwandelte sich wieder für eine Woche in eine schillernde Mikro-Spielstadt.

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Amancay Kappeller
Unseren Fotografen interessierten selbstverständlich besonders seine kleinen Kollegen: Julian mit ... Unseren Fotografen interessierten selbstverständlich besonders seine kleinen Kollegen: Julian mit „Assistent“ Wolfgang Vogt beim Fotoshooting. Bild: Rippmann

Mössingen. Mike steht in der „Wellness-Oase“ im Obergeschoss und weiß noch nicht genau, ob er sich eine Fuß-, Hand- oder gar eine Kopfmassage mit dem „Besen“ gönnen soll. Als Hilfe für nicht sprechende Kinder steht ein sprechender Computer mit Bildern auf einem Tischchen, der die Dienstleistungen – einmal Massieren kostet zwei Euro – ansagt, wenn man draufdrückt. Salzkristalllampen verbreiten schummriges Licht, ein Zimmerbrunnen plätschert vor sich hin, im Hintergrund ertönt langsame Musik. Bequem machen kann man sich‘s auf Matratzenlagern unterm Stoffbaldachin. Philipp hat sich soeben bei einer Rückenmassage entspannt – „Chefmasseuse“ Angela Meyer-Steigleder hat alle Hände voll zu tun.

Ein paar Türen weiter, beim Friseur „Haarwunder“, brummt der Laden, es kommt gar zum Stau – trotz vorheriger Terminvereinbarungen. Ein kleiner Kunde wünscht sich „hochstehende Haare mit Gel drin, weil das cool ist“. Eine Mitschülerin hat den Kopf voller Lockenwickler und wartet gespannt auf das Ergebnis der „Wickelaktion“. Auch Schaum und Glitzer sind im Angebot, gegen einen Aufpreis von zehn Cent gibt es trendige Haargummis oder Spangen.

„Ziel ist es, dass die Kinder verschiedene Berufe kennen und diese durch konkrete Handlungsabläufe verstehen lernen“, sagt Elisabeth Hüttner-Lelke. Gemeinsam mit zwei anderen Lehrer(inne)n ist sie für die Zeitung zuständig: Einmal am Tag wird die „Spielstädter Zeitung“ verkauft. Berichtet wird über die Geschäfte der anderen, Mitarbeiter werden interviewt, Werbung abgedruckt. Auch an Witzen und einer täglichen Wetterschau fehlt es nicht.

Am Montag trumpft das Blatt mit einer „Exklusiv-Reportage“ über den jüngsten Zusammenstoß zweier KBF-Busse auf – einige Redaktionsmitglieder saßen in den Bussen. Zeitungsreporter Moritz und Andreas berichten aus erster Hand. „Die Schüler, die zum Reiten fahren wollten, mussten durch die hintere Tür aus dem Bus gerettet werden“, heißt es. Beim „Straßenverkauf“ laufen die Paperboys und -girls mit Schildmützen auf den Köpfen durchs Schulhaus und preisen ihre Gazette an. „Wir haben eine tägliche Auflage von 70 Stück, die verkaufen die Kinder eigentlich immer“, erzählt Hüttner-Lelke.

Auch Andreas gehört vorübergehend zur schreibenden Zunft. „Am meisten Spaß machen die Interviews und das Verkaufen“, findet der Zwölfjährige. Auf seinen Presseausweis ist er besonders stolz, ebenso wie Nawid, der für die Donnerstagsausgabe einen Artikel über die Postkutsche geschrieben hat: Für einen Euro zieht Zwergpony Max maximal drei zahlende Kunden zehn Minuten mit einer Minikutsche, geschmückt mit Posthornsymbol, durch den Pausenhof. „Die Kinder schreiben in diesen Tagen so viel wie nie zuvor“, freut sich Elisabeth Hüttner-Lelke. Zur Vorbereitung auf das Zeitungsprojekt haben sie auch das TAGBLATT in Tübingen besucht.

Wer in einer der Spielstadt-Einrichtungen gearbeitet hat, der darf seinen Lohn in der zentral im Eingangsbereich gelegenen Bank abholen. „Herr und Frau Müller“, Melanie und Thomas, beide neun, verwalten das Spielgeld unter permanenter Video-Überwachung – Geld-Ergaunern ausgeschlossen. Auch potentielle „Blüten“-Betrüger haben keine Chance: Im Umlauf befindliches Falschgeld wird sofort enttarnt, denn die echten Münzen und Scheine werden zum Schutz lila markiert. „Diesen Stift haben nur wir“, erklärt „Banker“ Karl-Heinz Bunz augenzwinkernd. Der KBS-Lehrer berichtet, dass am Morgen einiges an Geld in der Kasse gefehlt habe; es handele sich aber nicht um einen spektakulären Bankraub: „Die Schüler arbeiten einfach so viel, dass sie nicht dazu kommen, das Geld auszugeben.“

Silas haut sein Geld bei den Mössinger Kegelfreunden – den „Holzköpfen“ –, auf der Bowling-Bahn auf den Kopf, außerdem im Druck-Atelier, in dem Grußkarten und Lesezeichen mit Stempeln kunterbunt verziert werden können. Auch im Fotostudio geht es hoch her: Hier können die Spielstädter „Spaßbilder“ machen lassen, Fotomontagen mit dem VfB Stuttgart, Dinos, Spiderman, dem Weltall oder einem Traumstrand als Hintergrund. Schnäppchenjäger sind in der Kinderboutique „Schickimicki“ an der richtigen Adresse: Im Winterschlussverkauf gibt es „bis zu 70 Prozent Rabatt“, eine Modenschau im Innenhof soll den Umsatz steigern. Und wer Hunger hat, der schaut beim Imbiss „Mc Löwe“ vorbei und gönnt sich einen Hamburger, Fischburger oder Blumenkohlburger.

Am meisten Spaß

machen die Interviews

und das Verkaufen.

Andreas

12.03.2010 - 08:30 Uhr
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