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Ein Schloss als Mordanstalt

Realschüler beschäftigen sich mit Nazi-Verbrechen

„Euthanasie“. Gaskammer. Ein schwieriges Thema. Die Mössinger Friedrich-List-Realschule hat sich in ihrem Themenjahr seiner angenommen. Am Montagabend las Berthold Biesinger vom Lindenhof aus Dokumenten der Nazizeit.

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Jürgen Jonas
Susanne Hinkelbein und Berthold Biesinger vom Theater Lindenhof musizierten und lasen in der ... Susanne Hinkelbein und Berthold Biesinger vom Theater Lindenhof musizierten und lasen in der Mössinger Friedrich-List-Realschule über die Nazi-Verbrechen in Grafeneck – ein Buch darüber ist Prüfungsthema der Zehntklässler. Bild: Franke

Mössingen. Die vier Zehner-Klassen der Mössinger Friedrich-List-Realschule befassen sich mit einem schwierigen Thema. Sie haben den Roman „Grafeneck“ von Rainer Gross gelesen. Prüfungslektüre. Der Schriftsteller hat die Ereignisse dort in eine mehr oder weniger spannende Rahmenhandlung eingebunden. Ein langjähriger Grundschullehrer und Höhlenforscher aus Buttenhausen entdeckt in einer Höhle eine mumifizierte Leiche, die er mit seinem Vater, einem Kriminalbeamten, in Verbindung bringt. Er macht sich auf die Spurensuche, die ihn zu den Euthanasie-Verbrechen in Grafeneck führt. Der Roman war für die Schüler Bestandteil des Themenjahres „Die Friedrich List-Realschule liest“.

„Es ging uns darum, das Geschehene fassbar zu machen“, sagt Deutschlehrerin Katrin Stengele, die mit den Schülern auch schon die Gedenkstätte besucht hat. Um dieses Fassbarmachen ging es auch am Montagabend in der Aula der Schule, wo Berthold Biesinger und Susanne Hinkelbein vom Theater Lindenhof vor etwa 100 Schülern, Lehrern und Eltern eine musikalische Lesung gaben. Biesinger las Dokumente aus dem Buch „Grafeneck 1940 – Die Euthanasieverbrechen in Südwestdeutschland“, erschienen im Silberburg-Verlag, verfasst von dem Historiker Thomas Stöckle, der die Gedenkstätte in Grafeneck leitet. Hinkelbein begleitete den Vorleser am Klavier.

Gedenken ist nötig. Noch gar nicht so lange ist es her, da zogen Ärzte Gasmasken über den Kopf, um den Tod ihrer Patienten festzustellen. In einer abgeschiedenen Gegend im Südwesten, nicht weit weg. Bei Münsingen, wo 1940 die erste stationäre Gaskammer in Deutschland stand. Enthemmte Mediziner und ihre Helfer hatten dort 10 654 Menschen ermordet. Menschen mit geistigen Behinderungen und psychisch Erkrankte.

Es geht Schritt für Schritt aus dem Vorgetragenen hervor, wie organisiert sich das Verbrechen vollzog. Wie das ehemalige herzogliche Jagdschloss Grafeneck, das der Stuttgarter Samariterstiftung gehörte, beschlagnahmt wurde, für „Zwecke des Reiches“. Wegen der „Aktion T 4“ – benannt nach dem Büro in der Berliner Tiergartenstraße. Wie das Behindertenheim zielgerichtet in eine Mordanstalt verwandelt, der Befehl des Führers, „Sieche“ dem „Gnadentod“ zuzuführen, willfährig ausgeführt wurde. Von Beamten, Hauptsturmführern der SS, Krankenpflegern.

Viele kamen zu Wort, eine Frau, die mit ihren Schreibmaschinenkenntnissen in der Verwaltung arbeitete, dort in dem „verwunschenen Schloss“, wie es genannt wurde. Man erklärte ihr, dass hier „Unheilbare“ auf „humane Weise“ erlöst würden. Selektiert wurden Kriegsuntüchtige, Menschen, deren Arbeitsfähigkeit eingeschränkt war, die länger als fünf Jahre in der Anstalt waren oder gerichtlich eingewiesen worden waren.

Täter wurden nicht zur Rechenschaft gezogen

Nur wenige sagten: Die Obrigkeit begeht Unrecht. Der Leiter der Taubstummenanstalt Wilhelmsdorf, Heinrich Hermann, tat es in einem Brief an das Reichsinnenministerium. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass Anstaltsinsassen ermordet werden, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen. Biesinger trug auch Briefe von Angehörigen vor, die sich nach deren Verbleib erkundigten und mit „Heil Hitler“ unterzeichneten.

Nach dem Krieg verwandelten sich die großmäuligen Täter in Lügenmäuler, als 1948 vor dem Tübinger Landgericht der so genannte Grafeneck-Prozess eröffnet wurde. Der Ministerialbeamte und Obermedizinalrat Dr. Otto Mauthe, für das „Irrenwesen“ im Südwesten zuständig und Hauptangeklagter, schob alles auf seinen Vorgesetzten, der bereits verstorben war. Mauthe wurde zu nur fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Hinkelbein saß am Klavier, spielte einen Choral aus dem Mittelalter, ein jiddisches Lied, das im Wilnaer Ghetto entstand, und eigene Kompositionen, mit denen sie etwa die Rezitation von Namen Ermordeter unterlegte. Ein paar Dutzend bloß. Von 10 654. So liest man gegen das Unrecht an.

Themenjahr: „Die Friedrich-List-Realschule liest“
Das Themenjahr „Die Friedrich List-Realschule liest“ umfasst allerlei, ob Lektüre der Tageszeitung, Vorlesewettbewerbe oder einen Literaturwettbewerb, als Ermutigung, eigene Texte zu schreiben. Für Anfang Februar ist in Zusammenarbeit mit der Stadtbücherei eine Jugendbuchausstellung geplant. Im Juni soll es ein LTT-Gastspiel geben, für die Klassen 5 und 6 wird die Artussage aufgeführt. Einzelne Klassen sollen auch nach außen gehen und vorlesen, im Kindergarten und Altenheim.


26.01.2012 - 08:00 Uhr | geändert: 26.01.2012 - 08:24 Uhr
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