Ratsmehrheit lehnt auch Verkehrsversuch in der Falltorstraße ab
Zweieinhalb Stunden lang diskutierte der Mössinger Gemeinderat am Montagabend rund um die Falltorstraße herum, um neue Einbahnlösungen – und beschloss am Ende, den Verkehr wie bisher fließen zu lassen.
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Ernst Bauer
Das magische Tangenten-Viereck des Mössinger Innenstadtverkehrs: links und rechts Tempo 50 (grün), oben und unten Tempo 30 (gelb) – das wurde einvernehmlich beschlossen; Tempo 30 wurde sogar noch ein Stück auf die Lehr ausgedehnt. Die Einbahnvorschläge der Variante „AK2“ wurden aber abgelehnt.Plan: BS-Ingenieure
Mössingen. Nicht einmal auf einen Verkehrsversuch zu den Einbahnvarianten wollte sich die Ratsmehrheit einlassen. Die FWV als stärkste Fraktion setzte sich mit Teilen der CDU und FWG gegen Rot-Grün nach einer längeren Abstimmungsprozedur durch. Und lag damit, wie früher schon, auf der Linie des HGV und der Einzelhändler, die keine Einbahnlösungen in der Falltorstraße wollen (siehe auch Kommentar).
Anlieger und Agenda-Bürger, die zahlreich zur Sitzung gekommen waren und deren Vertreter im rathäuslichen Facharbeitskreis zum neuen Verkehrskonzept „Innenstadt“ die Vorschläge mit ausgearbeitet hatten, zogen enttäuscht ab.
Gehweg durchgängig auf der einen Seite
Mit einer geradezu programmatischen Rede begründete OB- und FWV-Vize Max Göhner das „Njet“ seiner Fraktion zum Einbahnverkehr: Man wolle „den ansässigen Geschäften keine unnötige Kaufkraft entziehen“ – aber andererseits durchaus den Versuch wagen, mit Einengungen für den Kfz-Verkehr, mit breiteren Gehwegen und abgesenkten Bordsteinen für eine Verkehrsberuhigung und mehr Sicherheit in der Ortsdurchfahrt zu sorgen. Die FWV schlug „einen durchgängigen sicheren Gehweg“ für die südliche Seite der Falltorstraße vor, auf der Steinlachseite lasse sich das nicht realisieren – und handelte sich damit am Ende prompt ein Veto des Oberbürgermeisters ein: Als Chef der unteren Verkehrsbehörde hielt Michael Bulander die Situation in diesem Fall für Fußgänger aus der Hirschgasse für zu gefährlich. Die FWV regte deshalb einen Überweg an. Die Verwaltung will die „einseitige“ Gehweglösung nun prüfen.
In der stellenweise hitzigen Debatte, die sich immer wieder in Detailfragen festfuhr, hatte der Ludwigsburger BS-Ingenieur Wolfgang Schröder als Fachmann aus dem Rathaus-Arbeitskreis zunächst die beiden Planvarianten „AK 1“ (mit Zweirichtungsverkehr und Begegnungsstellen) und „AK 2“ (mit Einbahnlösungen) vorgestellt. Er „beglückwünschte“ die Stadt, dass sie so positiv und transparent mit dem komplexen Thema umgehe.
Oberbürgermeister Bulander erläuterte noch einmal den Kompromissvorschlag seiner Verwaltung: Einbahnverkehr versuchsweise in der unteren Falltorstraße. Dadurch könne man sogar sechs zusätzliche Parkplätze vor den Geschäften gewinnen.
So wie jetzt unattraktiv und gefährlich
So wie jetzt sei die Falltorstraße „unattraktiv und gefährlich“, bekräftigte der Arzt Dr. Andreas Gammel (CDU), der mit seiner Praxis Anlieger ist, und votierte auch für den Einbahnversuch in der unteren Falltorstraße. Fahrlehrer Matthias Schaal (FWG) hatte allerdings Bedenken, ob das überhaupt „gegen den Uhrzeigersinn“ funktioniert – laut Schröder am reibungslosesten – und ob dann nicht zu viel Verkehr in die Bach- und Sulzgasse abfließt. Max Göhner (FWV) unterstrich dies in seinem längeren Statement und erinnerte daran, dass sich vor Bulander schon drei Bürgermeister mit neuen Konzepten für die Innenstadt herumschlugen und zum Teil damit gescheitert seien. Man habe viel Lehrgeld bezahlt. Die Innenstadtentwicklung sei auch eine „Geschichte der verpassten Möglichkeiten“.
Bernd Müller (FWG) wunderte sich über den „Sinneswandel“ der Verwaltung beim Einbahnvorschlag für die obere Falltorstraße und schlug selber eine Versuchsphase für beide Varianten unten vor, „mit kontrollierter Begleitung“, sowie eine Erweiterung von Tempo 30 oben auf der Lehr – dies wurde mit 18 : 9 Stimmen am Ende auch befürwortet.
Gabriele Dreher-Reeß (Grüne) votierte für Tempo 20 in der Falltorstraße – einen verkehrsberuhigten Geschäftsbereich – und gegen Versuchsphasen: Man müsse endlich mal weiterkommen, müsse hier gestalten, dann gestalte auch mancher vielleicht endlich sein Haus um.
„Die SPD-Fraktion stellt sich an die Seite der Anwohner und Nutzer“, erklärte Peter Looser und beantragte, „die gesamte Lösung AK 2“ zu realisieren, ohne vorherige Testphasen. Er warnte auch davor, die Bürgerbeteiligung zu einer „beklagenswerten Posse“ verkommen zu lassen; etliche Beteiligte beschleiche schon „der Verdacht einer Alibiveranstaltung“. Die vielen sozialen Einrichtungen in der Falltorstraße, so Looser, „das sind auch potenzielle Kunden der Geschäfte – und nicht so sehr die, die durchfahren!“
Man dürfe die Bürgerbeteiligung „auch nicht überstrapazieren“, fand FWV-Chef Dr. Marc Eisold. „Wir sind doch alle Interessengruppen – und gar nicht so weit auseinander“, resümierte Michael Padeffke (CDU). Peter Kölle (SPD) zitierte aus der Stellungnahme der Polizei: Sicherheit sei nur mit den Einbahnregelungen zu erzielen; Gehwege seien auch Orte der Begegnung. Und fasste die ganze Debatte schließlich mit einem abgewandelten Witz des Stuttgarter Alt-OB Rommel zusammen:
Fliegen zwei Vögel über Mössingen. Sagt der eine: „Eine herrliche Stadt!“ Darauf der andere: „Meinst du das im Ernst?“ Darauf wieder der erste: „Ja – überall ist der Wurm drin!“