Nur eine Wahrheit über den Mössinger Generalstreik
Interessengruppe sorgt für Verärgerung
Eine Gruppe um vier Mössinger Stadträte stellt die Bedeutung des Generalstreiks infrage (wir berichteten). Der Geschichtsrevisionismus sorgt im Gemeinderat und bei Wissenschaftlern für Verärgerung.
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Moritz Siebert
Mössingen. Aufgebracht zeigte sich gestern vor allem die Fraktionssprecherin der Grünen Gabriele Dreher-Reeß. „Mich regt das ganz arg auf“, sagte sie auf TAGBLATT-Anfrage. „Da wird nach einer Wahrheit gesucht, die es nicht gibt.“ Auch SPD-Sprecher Peter Looser distanziert sich entschieden von der „Bagatellisierung des Generalstreiks“ und der „Verunglimpfung der Streikteilnehmer“.
Über Weihnachten hatte Ernst Gucker, Sohn des Generalstreik-Kritikers und Buch-Autors Paul Gucker, die Homepage „Fakten zu den Ereignissen vom 31. Januar“ gegründet. Auf dieser verkünden die FWV- und CDU-Stadträte Marc Eisold, Max Göhner, Elmar Scherer und Andreas Gammel als „Interessengruppe für Mössinger Geschichte“ ihre Meinung zum „politischen Mythos Generalstreik“.
Der Geschichtsrevisionismus, den die vier Stadträte betreiben, sorgt nun für Verärgerung in der Stadt. Dreher-Reeß wirft dem Quartett „Machenschaften wie aus dem Mittelalter“ vor. „Schrecklich verbohrt und verantwortungslos“ empfindet sie deren Verhalten. Schon viele Diskussionen habe sie mit Eisold, Göhner, Scherer und Gammel geführt. Oft sei man unterschiedlicher Meinung, habe aber immer Kompromisse gefunden. Mit dem Anzweifeln der Bedeutung des Generalstreiks sei für sie aber eine Grenze erreicht. „Die haben aus den Augen verloren, um was es wirklich geht, nämlich darum, eine neutrale und sachliche Diskussion zu führen.“ Die gemeinsame alltägliche politische Arbeit empfindet Dreher-Reeß dadurch gestört.
Looser hält die „Diskriminierung des Generalstreiks als eine Gewaltaktion“ für fadenscheinig. „Die Versuche, den Generalstreik zu bagatellisieren, laufen ins Leere.“ Looser vermutet, Ernst Gucker hätte sich von den vier Stadträten instrumentalisieren lassen. Gerade zum 80. Jahrestag, viele Jahre nach dem Tod des Vaters, mit einer Neupublikation des Buches zu kommen, sei fragwürdig. Die vielen Veranstaltungen zum 80. Jahrestag des Generalstreiks, zu denen die Stadt in den kommenden Wochen einlädt, böten Raum, mit hochrangigen Historikern diskutieren zu können. „Das Angebot sollen die Kritiker nutzen.“
„Ich verstehe nicht, für was die sich verkämpfen“, wundert sich Hermann Berner, Museumsbeauftragter der Stadt. Für ihn gibt es nur eine Wahrheit über den Generalstreik und nicht mehrere. Berner stört sich daran, dass auf der Homepage der Kritiker von „Fakten“ zu lesen ist und die Online-Publikation des Buchs von Paul Gucker als „Faktencheck“ angeboten werde. Denn auf Fakten beruhe das, was Gucker geschrieben hat, keineswegs, so der Kulturwissenschaftler. Die Verhörprotokolle und die Anklageschriften zum Generalstreik, die im Staatsarchiv in Sigmaringen lagern, habe der Autor offenbar nicht als Quellen verwendet. „Den Generalstreik infrage zu stellen, ist schwachsinnig und an den Haaren herbeigezogen.“
Auch der Tübinger Kulturwissenschaftler Bernd-Jürgen Warneken – zusammen mit Berner Herausgeber des neu aufgelegten Grundlagenwerks zum Generalstreik „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ – wundert sich, dass den Kritikern „das letztinstanzliche Gerichtsurteil über den Generalstreik nicht bekannt“ ist. Das Stadträte-Quartett, das den Generalstreik kritisiert, falle mit seiner Diskussion „hinter die Adenauer-Zeit zurück“.
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