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Die Mössinger DLRG und 50 Jahre gelungene Nachwuchsarbeit

Helden in Badehosen

Bemerkenswertes Ideal oder schlichter Sonderfall? Die DLRG in Mössingen hat ein blutjunges Führungsteam und einen beneidenswert niedrigen Altersschnitt. Die Frische im Verein hat zwar auch Nachteile – doch der sonst so übliche Nachwuchs-mangel gehört nicht dazu.

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Eike Freese

Mössingen. Eigentlich ist alles ganz logisch. Und doch reichlich bemerkenswert. Was die DLRG Mössingen im Kern ausmacht, ist derzeit vor allem eine Sache: Jugend. In Zeiten, in denen andere Vereine um ihren Nachwuchs bangen, sich mit Händen und Füßen wehren gegen die eigene Überalterung und die grauen Wölfe in den Vorständen verzweifelt nach geeigneten Nachfolgern und Führungstalenten suchen – in diesen Zeiten stehen die Lebensretter von der Steinlach ziemlich entspannt am Beckenrand: Die DLRG Mössingen hat beachtliche 250 Mitglieder. Zwei Drittel der Vereinsfreunde sind unter 27. Und unter denen sind gleich fünf Vorstandsangehörige. Der Vorsitzende heißt Sebastian Brumm. Er ist gerade mal schlappe 27 Jahre alt – und schon seit fünf Jahren Chef der Lebensretter. Wobei Chef im Grunde das falsche Wort ist.

Artikelbild: Helden in Badehosen

„Das ist ja das Schöne bei uns, dass durch die Jungen im Verein vieles ganz unkompliziert und schnell läuft“, sagt Brumm. „Man kann als Mitglied hier viel erreichen in kurzer Zeit.“ Und dass das so ist, merken junge DLRGler früh, sagt Brumm. „Die meisten kommen in sehr jungen Jahren zu uns, um Schwimmen zu lernen. Viele bleiben dann unter anderem, weil sie günstig baden können. Und die binden wir früh in die Verantwortung ein.“

Im Grunde wissen nur Nichtschwimmer mit dem Namen Harald Arps nichts anzufangen: Hier tobt der ... Im Grunde wissen nur Nichtschwimmer mit dem Namen Harald Arps nichts anzufangen: Hier tobt der Schwimmlehrer, heute 86 Jahre alt, in den 1970ern mit seinen Nachwuchsschwimmern durchs Hallenbad-Becken.Bilder: DLRG

Das ist ja auch ganz logisch. Die DLRG lehrt ja nicht nur Schwimmen, sondern auch Tauchen und Leben retten. Und was wäre ein echter Nachwuchs-Lebensretter, wenn er nicht schon früh auch ein wenig Verantwortung bekommt. Verantwortung dafür, aufzupassen auf andere, mitzuhelfen im Vereinsalltag, Jüngeren das Rüstzeug für gefährliche Situationen zu vermitteln und bei Übungen und Trainings Präsenz zu zeigen.

Jung: Sebastian Brumm. Jung: Sebastian Brumm.

Der im Grundsatz beneidenswerte Altersschnitt hat allerdings eine Kehrseite: In einem Verein, in dem ein großer Teil der Mitglieder noch nicht einmal wählen darf und dessen größte Attraktivität von sportlich-jugendlichen Angeboten ausgeht, ist die Fluktuation der Mitglieder entsprechend hoch. Das ist übrigens nicht nur in Mössingen so. Die DLRG zeichnet sich bundesweit dadurch aus, fast eine kleine Jugend-Organisation zu sein. „Bei uns ist es allerdings besonders extrem wegen des jungen Vorstands“, berichtet Sebastian Brumm. „Viele verlassen den Verein oder zumindest das aktive Vereinsleben, wenn sie berufstätig werden oder Familie bekommen“, sagt Brumm.

Alt: Harald Arps. Alt: Harald Arps.

Bei aller Begeisterung der Jungen für ihre Jobs im Verein – manchmal würde er sich mehr alte Recken im Team wünschen, die schon jahrzehntelang dabei sind und wissen, wie der Hase läuft. Zudem: Großereignisse wie das Freibadfest im Juni, bei dem die DLRG federführend war und Spaß für geschätzte 3000 Besucher garantieren musste, sind nur mit gewaltigem Einsatz einiger weniger zu bewältigen, wenn das übliche Geschwader zäher Arbeitstiere im Verein fehlt. Doch auch wenn laut Brumm die Konstanz im Verein altersbedingt verbesserungsfähig ist: Andere Mitglieder loben, dass sich das junge Führungsteam im Lauf der vergangenen Jahre einen guten Stand erarbeiten konnte. Das war und ist nicht selbstverständlich – auch für die Mössinger DLRG nicht.

Derzeit können sich die Lebensretter in Gelb und Rot voll auf ihre Kernaufgaben konzentrieren. Politik der vergangenen Jahre ist es, durch weitere Vergünstigungen möglichst viele Mitglieder zu werben, um in späteren Jahren einen großen Pool an möglichen Engagierten zu bekommen. Hauptstrategie: frühe Verantwortung für junge Leute. Wenn das richtig gemacht werde, so Brumm, werden beide Seiten stärker. Die Mössinger DLRGler helfen vor allem bei der Beckenaufsicht im Mössinger Freibad und im Hallenbad. Katastrophen sind hier zwar nicht gerade an der Tagesordnung. Doch wenn etwas passiert und die jungen und älteren DLRGler haben geschlafen – das wäre eine doppelte. Und Selbstsicherheit im Job und im Alltag, das wissen auch alle Ersthelfer, entsteht aus dem, was man kann, selbst wenn man es nie einsetzen muss.

So ist es eine Mischung aus vielen Dingen, die die Mössinger vor den Problemen bewahrt, die viele andere Vereine ins Schwitzen bringen: Schwimmen lernen muss und will eigentlich jeder. Im Freibad und im Hallenbad treffen die jungen Leute Gleichaltrige und bleiben im Kontakt mit ihrer Peergroup. Der Spaß steht damit an der Tagesordnung – und eine gesunde Portion Selbstbewusstsein gibt es auch, wenn man sich „Rettungsschwimmer in Gold“ nennen kann, obwohl man noch die Schulbank drückt. „Und für mich als älteres Semester“, lächelt der 27-jährige Brumm, „ist es eine schöne Sache, Kindern etwas beizubringen und Jugendlichen Erfahrungen mitzugeben.“ Auch dafür gibt es bei der DLRG keine Limits: Wer Verantwortung sucht, bekommt sie hier im Überfluss.

Selbstverständlich genießen die Mössinger den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass sie bei ihrer Arbeit auf einen bundesweiten Großverein bauen können. Für die Aktiven gibt es Fortbildungen in Fülle – und wer einmal ein paar Tage an der deutschen Ostseeküste Wache schieben oder den Partnerverein in der Schweiz besuchen will, für den findet sich auch ein Plätzchen.

Von dieser flächendeckenden Infrastruktur profitierten die Mössinger schon im Geburtsjahr ihrer DLRG. 1962 gründeten sechs engagierte Leute aus der Region den Verein. Ein Jahr später waren es schon knapp 80. „Es war eine frische Begeisterung für das Schwimmen in der Stadt“, erinnert sich Harald Arps. Der heute 86-Jährige, in Hamburg geboren und aufgewachsen, kam nach Lehr- und Wanderjahren als Fernmeldetechniker nach Süddeutschland. „Diese Begeisterung hatte einen ganz einfachen Grund: das nie dagewesene Freibad.“ In Mössingen war damals in kürzester Zeit großer Bedarf nach möglichst viel Schwimm-Kompetenz entstanden. Wo vor kurzem noch allein die kümmerliche Steinlach durch die Täler rann, tobten plötzlich hunderte von jungen und alten Menschen im unübersichtlichen Becken des neugebauten Betriebes. Eröffnungstermin: 11. August 1962, heute vor 50 Jahren. Am gleichen Tag gründete sich die DLRG – und schiebt Wache bis zum heutigen Tag.

Harald Arps war von Beginn an dabei, stand dem Verein dreißig Jahre lang vor, schob rund 850 Rettungs-Wachstunden und gab über Jahrzehnte Schwimmunterricht. Arps ist in Mössingen eine lebende Legende. Es gibt Leute, die behaupten: Mössinger, die Harald Arps nicht kennen, können auch nicht schwimmen. Weil Generationen von Steinlachtälern durch seine Schule gingen. Harald Arps ist heute immer noch im Verein – und hebt den Altersschnitt naturgemäß kräftig an. Die Arbeit im Verein ist auch für ihn vor allem durch die Bindung an Jugendliche so attraktiv. „Es gibt nichts Schöneres“, so Arps, „als ein Kind, das dir stolz sein Seepferdchenabzeichen zeigt – und du hast ihm dabei geholfen.“

Die Wacht an der Steinlach: 50 Jahre DLRG Mössingen
1962 gründete sich die DLRG, verbunden mit dem Bau des Mössinger Freibads. Zwei Jahre später, mit knapp hundert Mitgliedern, beginnt sie als zentraler Verein, den Mössingern im Freibad das Schwimmen beizubringen. Kurz darauf bietet sie auch den Dußlingern, Nehrenern und Talheimern Kurse an. Schon 1974 meldet der Verein, 1500 Kinder wasserfest gemacht zu haben. Im Laufe der Jahrzehnte zählen die Lebensretter eifrig ihre Wachstunden: 7000 sind es 1974, 25 000 im Jahr 1999. Die Mössinger passen inzwischen auch in Öschingen, Talheim, Bad Sebastiansweiler, Hechingen und am Baggersee in Kirchentellinsfurt auf. Erst im Jahr 1996 gibt der Ur-Vorsitzende Harald Arps sein Amt nach 30 Jahren ab. Waltraud Neth, Dietmar Schleich und Andreas Schurr folgen im Lauf der Jahre. Seit 2007 ist Sebastian Brumm Vorsitzender der Ortsgruppe Mössingen. Sie zählt heute knapp 250 Mitglieder.


11.08.2012 - 08:30 Uhr

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