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Sibylle Ziegler hat sich in Mössingen den Arm gebrochen

Friseurin klagt wegen Glätte gegen Stadt

Der Arm schmerzt: Sechs Wochen wird Sibylle Ziegler einen Gips tragen müssen, weil sie auf dem spiegelglatten Schnee vor der Peter- und Paulskirche ausgerutscht ist. Für jeden wäre das unangenehm, für die 45-Jährige aber ist es besonders schlimm. Denn sie ist selbstständig und hat für solche Fälle keine Versicherung.

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Gabi Schweizer

Mössingen. Jeder Schritt war ein Balanceakt: Spiegelglatt war es am Dienstag vergangener Woche auf dem kleinen Platz vor den Treppen der Peter- und Paulskirche, dort, wo die Waibachstraße auf die Brunnenstraße trifft. So rutschig, dass nicht einmal der volle Getränkelaster Halt fand, der um die Ecke biegen wollte und statt dessen schnurstracks nach hinten auf das Eckhaus rutschte (wir berichteten). Vor den Augen der TAGBLATT-Berichterstatter ereignete sich kurz darauf auch Sibylle Zieglers Unfall: Die Frau, die mit ihren beiden Hunden Paula und Pia unterwegs war, stürzte ganz plötzlich. Und lief damals schnell weiter: „Es tat schon weh“, erzählte sie nun. „Aber da waren so viele Leute“ – sie wollte einfach nur weg.

Urlaub wider Willen: Sibylle Ziegler (hier mit Hündin Paula) hatte einen Schnee-Unfall. Bild: ... Urlaub wider Willen: Sibylle Ziegler (hier mit Hündin Paula) hatte einen Schnee-Unfall. Bild: Franke

Mittlerweile hat der Arzt einen Bruch am Handgelenk diagnostiziert, Sibylle Zieglers Arm ist in einen dicken Gips gepackt, den sie die kommenden sechs Wochen tragen muss. Und das ausgerechnet jetzt, mitten im Weihnachtsgeschäft. Gern würde die Friseurin einfach zu Hause bleiben und die schmerzende Hand ruhen lassen. Aber dann wäre ihre Mitarbeiterin ganz allein im Salon „Haar und Kunst“ in der Falltorstraße. So macht Ziegler das, was mit einer Hand geht. Telefonieren zum Beispiel – wobei das „wirklich nicht angenehm“ ist. Das Wichtigste hingegen, Haare schneiden, ist unmöglich.

Für die Friseurin ist der Unfall eine kleine Katastrophe. Denn als Selbstständige ist sie nicht gegen solche Fälle versichert: Das wäre bei ihrer privaten Krankenversicherung viel zu teuer, sagt sie. Und fügt mit einem schiefen Lächeln hinzu: „Als Selbstständige wird man nicht krank.“

Nun möchte sie gerichtlich gegen die Stadt vorgehen. Dass diese vor der Peter- und Paulskirche nicht richtig räumt, findet Sibylle Ziegler völlig unverständlich. Ähnliches ist seit Jahren immer wieder von Anwohnern zu hören, die wissen, wie glatt es an der Stelle wird. Die Straßenneigung verschlimmert das Problem.

Drei verschiedene Kategorien gibt es im Räum- und Streuplan, den die Verwaltung aufstellt und den der Gemeinderat beschließt. „Verkehrswichtige und gefährliche Straßen“, auf die sich der Räum- und Streudienst konzentriert; „Verbindungs- und Wohnsammelstraßen“ kommen an zweiter Stelle; erst an dritter die „allgemeinen Wohnstraßen und alle übrigen Verkehrsflächen. Diese werden nachrangig geräumt und nicht mehr bestreut.“

Die Stadt Mössingen mache schon mehr, als sie rein rechtlich müsste, verteidigt Bernd-Peter Häcker, für die „bauliche Infrastruktur“ zuständig, die Vorgehensweise. In Tübingen, Reutlingen, Balingen – überall würde weniger geräumt. Aber natürlich sei es schwierig, an einem schneereichen Tag wie jenem Dienstag überhaupt nur die wichtigsten Straßen freizubekommen: Allein die Straßen mit Priorität eins sind, aneinandergereiht, 80 Kilometer lang, wenn man die Teilorte mitrechnet: „Unsere Mitarbeiter waren um 4.30 Uhr morgens draußen.“ Aber es gebe in der Stadt nun mal nur zwei große und ein kleineres Räumfahrzeug. Und pro Schicht rund 25 Mitarbeiter – „teilweise sogar unsere Wassermeister“. Für den Winterdienst heuert die Stadt auch Fremdfirmen an. Der Andrang hält sich wegen der unschönen Arbeitszeiten in Grenzen, doch habe man alle Schichten besetzen können.

Persönlich tue es ihm natürlich sehr Leid, dass die Frau gestürzt sei, sagt Häcker. Rechtlich sieht er die Stadt jedoch auf der sicheren Seite. Dass ausgerechnet ein Kirchplatz aber nicht regelmäßig geräumt wird, kann Sibylle Ziegler jedoch nicht nachvollziehen: „Ich habe viele Kunden, die sagen, dass sie im Winter dort nicht mehr vorbeilaufen, weil es spiegelglatt ist.“ Nun hofft sie auf Schmerzensgeld, um ihren Verdienstausfall zu kompensieren – oder wenigstens einen Teil davon.

Die Mössinger Räum-Vorschriften
Auf ihrer Homepage teilt die Stadt Mössingen mit, welche Regeln beim Winterdienst gelten: „Grundsätzlich besteht gegenüber dem Fahrzeugverkehr innerhalb geschlossener Ortschaften die Räum- und Streupflicht nur auf verkehrswichtigen und zugleich gefährlichen Straßenabschnitten. Beide Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um die Stadt zum Winterdienst zu verpflichten“ – solche Straßen werden bei dem dreistufigen Modell in die Kategorie eins eingeteilt. Die Waibach- (Kategorie 3) als auch die Brunnenstraße (Kategorie 2) werden nur geräumt, wenn Bauhofmitarbeiter Zeit dafür finden. Anwohner bemängeln das schon seit vielen Jahren. Für die Gehwege sind – im Gegensatz zu den Straßen – grundsätzlich die Anwohner zuständig – also die Eigentümer oder Mieter. Sie haften, wenn sie den Gehweg vor ihrer Haustür nicht geräumt haben und sich deswegen jemand verletzt. Die Stadt teilt mit: „Wer seine Räum- und Streupflicht missachtet, handelt ordnungswidrig. Bei Unfällen können daneben Schadenersatzansprüche in beachtlicher Höhe auf den Pflichtigen zukommen.“


21.12.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 22.12.2012 - 10:07 Uhr

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