per eMail empfehlen


   

Theatermacher mit Mut und kühlem Kopf

Franz-Xaver Ott über das Generalstreik-Projekt

Er spricht begeistert von den Laienschauspielern. Und schwärmt über Neugier und Eifer der über hundert Amateure, die den Generalstreik in der Bogenhalle der Pausa aufführen werden. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt der Autor und Dramaturg Franz-Xaver Ott über die Proben zum größten Bühnenstück, das Mössingen je gesehen hat.

Anzeige


susanne wiedmann

Mössingen. Noch bleiben die Amateure unter sich. Sie proben und probieren, finden ihre Rolle oder werden dafür gefunden. Regisseur Philipp Becker arbeitet täglich an diesem Mammutprojekt. Mit einzelnen Laiendarstellern und kleinen Ensembles. „Bürgerproben“ nennt sie der Autor und Dramaturg Franz-Xaver Ott. Aber nicht jeder Amateur setzt sich mutig in Szene. „Einige fragen sich: Was kann ich mir zutrauen? Und wie viel Verantwortung bin ich bereit zu übernehmen?“, erzählt der Autor. Und fügt hinzu: „Es ist spannend, aber auch ein weiter Weg bis zur Premiere.“

Artikelbild: Singender Jugendpfleger

Ab 11. März, zwei Monate nach Probenbeginn, mischen sich die Profis unter die riesige Schar spielfreudiger Laien aus dem Steinlachtal, aus Tübingen und Reutlingen. Zum wiederholten Mal erschließt das Theater Lindenhof mit einem Bürgerprojekt theatralisch die Bogenhalle der Pausa. Für Franz-Xaver Ott ist es „ein gewisses Geschenk“, weil es einem Theatermacher selten passiere, dass er ein Stück schreibe mit der Geschichte seiner Umgebung, die noch heute so brisant ist.

Autor Franz-Xaver Ott verfolgt gespannt die aktuelle Debatte über den Generalstreik. Bild: Rippmann Autor Franz-Xaver Ott verfolgt gespannt die aktuelle Debatte über den Generalstreik. Bild: Rippmann

Vergangenen Sommer recherchierte der Autor, erschloss neue Quellen, führte Interviews. Im Mössinger Stadtarchiv las er Zeitungsartikel der 1930er Jahre, Briefwechsel zwischen dem Mössinger Bürgermeisteramt, dem Oberamt Rottenburg, dem württembergischen Innenministerium. Er arbeitete sich durch Verhörprotokolle aus dem Staatsarchiv Sigmaringen, Abschriften von Interviews, durch das Generalstreik-Buch der Herausgeber Bernd Jürgen Warneken und Hermann Berner genauso wie jenes von Paul Gucker.

Er sprach mit Kulturwissenschaftler Bernd Jürgen Warneken, Museumsleiter Hermann Berner, Stadtarchivarin Franziska Blum, mit Nachkommen der Generalstreiker. Mit dem früheren Tübinger DKP-Stadtrat Gerhard Bialas einerseits und andererseits mit den Mössinger FWV-Stadträten Marc Eisold und Max Göhner, die eine neue Bewertung des Generalstreiks fordern. „Mir war die Argumentationslage wichtig und die Stimmung“, erklärt Ott ganz sachlich. „Es ist doch interessant, dass in Mössingen der Generalstreik über so lange Zeit hauptsächlich kontrovers diskutiert wird.“

Seine Aufgabe sah der Autor darin, den Disput greifbar zu machen. Er möchte sich nicht dem Stoff unterwerfen, nicht den Generalstreik historisch aufarbeiten. Stattdessen wird die historische Demonstration Ausgangspunkt, um – auch aus heutiger Sicht – die Mechanismen von Protest und Widerstand, das Recht zu zivilem Ungehorsam zu thematisieren. „Es ist ein Phänomen über alle Zeiten hinweg“, sagt Ott in der TAGBLATT-Redaktion und unterfüttert seine Aussage mit Beispielen: Studentenrevolten, Arabischer Frühling, Occupy, Stuttgart 21.

Nicht nur die Lindenhof-Profis, auch einige Laien spielen die Hauptfiguren, die an historische Personen angelehnt sind. Sie tragen deren Charakterzüge, aber keine Namen. Dennoch machen konkrete Zitate Denkweisen erkennbar. Ein Chor wird – wie in griechischen Dramen – kommentieren, aktuelle, konträre Positionen vertreten und somit Zeitsprünge ermöglichen. Denn das Hauptstück spielt im Januar 1933. Zwischen dem historisch Fundierten und Exakten einerseits und dem Generellen und Heutigen andererseits, sagt Franz-Xaver Ott, ist es eigentlich ein „vermessener Spagat“.

Den historischen Stoff am historischen Ort mit einheimischen Bürgern zu inszenieren, ist für den Dramaturgen jedoch keine Premiere. Bereits 1999 arbeitete er in Stetten am kalten Markt mit 250 Laienschauspielern. Und auch dort war die Gemeindehistorie nicht unumstritten. Im besten Fall, sagt Ott, werden sich die Zuschauer nach dem Bühnenstück mit der Geschichte ihrer Gemeinde identifizieren. „Draufgucken und auswerten muss jeder selbst.“

Franz-Xaver Ott verfolgt die aktuelle Debatte und die „schwierige Gemengelage“ intensiv. „Wir behalten uns vor, das Stück, das ich im Herbst geschrieben habe, zu aktualisieren, falls etwas Gravierendes passiert.“ Vor billigen Reflexen wollen sich die Lindenhöfler jedoch hüten. Jedenfalls brauche das Theater diese Kontroversen. Und die Theatermacher benötigen „Mut und kühle Köpfe“, um sie zu inszenieren. Dennoch findet er es „sehr bemerkenswert, wie heutige Wissenschaftler, die grundlegende Untersuchungen gemacht haben, bekämpft werden“.

Er könne nicht anders, sagt der Autor, als mit Empathie auf die Aktion und die Aktivisten zu blicken, die zu einem so frühen Zeitpunkt den ersten wirklichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben. Und nicht weniger empathisch schaut er auf die über hundert Laiendarsteller, darunter Schülerinnen und Schüler des Mössinger Quenstedt- und des Firstwald-Gymnasiums. Mit „Enthusiasmus und Charme“ würden sie textlich, szenisch und choreografisch arbeiten.

Wie schon bei den „Schutzsuchenden“ vor drei Jahren wird sich in der Weite der 80 Meter langen Bogenhalle die bewegte Masse auflehnen und ihre Stimme erheben. Der Meinung, dass nun endlich mal Ruhe einkehren müsse mit diesem Thema, widerspricht Ott. „Das wäre fatal!“ Es sei zu potent, um es zu einer abschließenden Sache zu erklären. Noch immer ist er gebannt von dieser Einzigartigkeit, „dass in einem so kleinen Ort ein so gewichtiges Ereignis stattfand“. Und wie sich die Weltgeschichte im Kleinen manifestierte. Franz-Xaver Ott sagt: „Das macht für uns den Reiz aus.“

Im Mai ist Premiere / Kartenvorverkauf hat begonnen
Die Premiere des Theaterstücks „Ein Dorf im Widerstand“ ist am 11. Mai in der Mössinger Pausa. Der Vorverkauf hat begonnen. Karten gibt es beim Theater Lindenhof unter Telefon 0 71 26 / 92 93 94 und bei den Vorverkaufsstellen des Kultur-Tickets Neckar-Alb. In Kooperation mit der Stadt Mössingen wird das konzertierte Spiel veranstaltet. Die expressive Musik für das Jugendsinfonieorchester der Jugendmusikschule komponiert Johannes Hofmann. Christine Chu wird die Choreografie erarbeiten.


04.03.2013 - 08:00 Uhr | geändert: 04.03.2013 - 10:55 Uhr

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

Anzeige

(c) Alle Artikel, Bilder und sonstigen Inhalte der Website www.tagblatt.de sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.

Bildergalerien und Videos

Die Welt der Alraune Siebert

Das neue Glockenspiel der Stiftskirche

Stiftskirchenorganist Braun stellt das Glockenspiel vor

Verbraucherminister Bonde in der UDO-Großküche

Abtauchen im Uhlandbad: Gäste unter Wasser

Bodelshausen spielt gegen Poltringen/Pfäffingen 3:3 Millipay Micropayment

Senfit: die Seniorenmesse in Tübingen

104:64 - Tigers wie entfesselt im Abstiegskampf

Guerilla-Merketing mit der Laserkanone

Tübinger Nacht im April 2014

Video-Zusammenfassung: TV Derendingen - SC Freiburg II 1:0 Millipay Micropayment

Wendelsheim unterliegt Hirschau 0:2 Millipay Micropayment

Eine Zinser-Modenschau präsentiert aktuelle Sommertrends

SV Pfrondorf - TSV Hirschau 0:0 Millipay Micropayment

Endlich wieder ein Sieg: Tigers gegen Trier 74:67

Fuchs und Dachs in der Mörikestraße

SV Wurmlingen - TSV Dettingen 2:0 Millipay Micropayment

Hinter den Kulissen der Neckarmüllerei

Anzeige


Nachrichten aus ...
ReutlingenWannweilPliezhausenWalddorfh�slachAmmerbuchT�bingenDettenhausenKirchentellinsfurtKusterdingenGomaringenDusslingenOfterdingenMössingenNehrenBodelshausenHirrlingenNeustettenRottenburgStarzachHorb
Anzeige


Die Woche im Rückklick
Die beiden Neuankömmlinge im Glockengebälk: Sie stehen (beziehungsweise hängen) für das ...

Wissen, was war

Die Woche vom 12. bis 17. April: Tübinger tauchen ab, ein verdächtiger Patient und ein Glockenspiel für die Stiftskirche

Aktive Singles auf
date-click
Anzeige


Zeitzeugnisse

Vor 50 Jahren: Kanzler Erhard besuchte Tübingen

Das „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit verkörperte Ludwig Erhard wohl wie kein anderer: Der CDU-Mann war wohlgenährt, hatte stets eine Zigarre im Mundwinkel „und eine gesunde Farbe des Erfolgs im Gesicht“, bemerkte der TAGBLATT-Chronist, als Erhard zu seinem ersten – und einzigen – Staatsbesuch nach Tübingen kam. Das war vor 50 Jahren, am 24. Februar 1964.

Anzeige


Ihr Kontakt zur Redaktion