Flattich-Schüler/innen versorgen die Theatergänger bei den „Schutzsuchenden“
Von dem alten Dichter Aischylos lässt sich viel lernen. In der Pausa wird vom Lindenhof das Stück „Die Schutzsuchenden“ aufgeführt. Die Schülerfirma der Flattich-Förderschule versorgt dabei das Publikum mit Getränken und Speisen.
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Jürgen Jonas
Das Ausschenken von Sekt und Wein haben Enes, Ali, Maxi und Robin (von links nach rechts) von der Catering-Firma der Flattichschule voll im Griff. Bild: Rippmann
Mössingen. Samstagabend. Pausa. Antikes Theater mit aktuellem Bezug. Acht Schüler treten auf. Pünktlich um halb sieben. Nicht im Stück. Sie bewirten die Gäste. Gehören zur Schülerfirma der Mössinger Flattich-Förderschule. Erkennbar an gelben T-Shirts mit dem „fls“-Aufdruck. Schleppen gemeinsam mit Berni Hurm und Stefan Hallmayer vom Lindenhof Tische und Bierbänke aus der Bogenhalle auf den Platz daneben, stellen alles in bestimmter Ordnung auf. Auf jeden Tisch kommt eine der großen bunten Papierblumen, im Kunstunterricht extra angefertigt. Jessica aus Mössingen, mit zwölf Jahren das jüngste Firmenmitglied, beginnt mit ihrer Aufgabe, verteilt die Dekoration und die Plastikbecher, die andere mit Salzgebäck bestückt haben.
An vieles ist zu denken! Leergutkisten und Preislisten brauchen einen angemessenen Platz. Vorsicht mit den Gläsern! Wo sind die Mülleimer? Die fehlen noch. Die Schüler haben alle Hände voll zu tun. Konzentration ist keine leichte Sache. Ali (14) kommt aus Mössingen, Maxi (13) aus Sickingen, Chiara und Valentina (beide 14) aus Nehren, Dominik (13) aus Talheim. Heinerle, Rot- und Weißwein, Litschi- und Holunder-Bionade, Sekt, Orangensaft gibt’s aus fahrbaren Kühlboxen. Welches Getränk gehört noch mal in welches Glas?
Das Förderangebot richtet sich an Schüler und Schülerinnen mit Lernproblemen, in der Regelschule sind Anspruch und Tempo zu hoch. Die Firma ist intensiver lebenspraktischer Unterricht. „Bedienen, Kassieren, freundliche Worte für die Kundschaft finden, auch unter Stress“, das soll eingeübt werden, sagt Schulleiter Carlheinz Nisi über das Geschäftsmodell. An diesem Samstagabend haben die Frauen vom Förderverein des Lindenhofs einen Essensstand. Normalerweise bieten die Schüler Butterbrezeln und Käse-Schinken-Croissants, die sie bei Bäcker Padeffke in der Backstube holen.
Die Schlange vor dem Eingang ins Verwaltungsgebäude wird länger. Aus den Lautsprechern schollern quäkende Terminal-Töne. Der Betrieb nimmt zu. Enes und Robin, beide 16, sitzen an den Kassen. Man kann sein Getränk mitnehmen, das spricht sich bei den Gästen herum. Es gibt keine Pause. Die Leute drängen sich um die Theke. Jetzt heißt es, koordiniert vorzugehen, Bestellung aufnehmen, weitergeben, Flaschen und Gläser aushändigen, kassieren, Pfand draufschlagen, Wechselgeld geben. Bestimmte Besucher bekommen Nachlass. Gar nicht unkompliziert. Die Kunden bringen Geduld auf.
Beliebt bei den Jungen: das Öffnen der Sektflaschen. Einer jongliert auf dem Weg zwischen Kühltruhe und Theke mit einer Bierflasche. Freilich, das darf man nicht! Was wird da der Kunde sagen, wenn das Getränk sich schäumend verströmt? Nisis Hinweis kommt dezent. Er hat Unterstützung. Schwester Grete und Schwager Hans Baumann-Nisi, Lehrer aus Reutlingen.
Enes und Robin werden bei weiteren Aufführungen nicht dabei sein. Sie haben ihren Abschluss und fahren zum guten Ende mit ihrer Klasse für ein paar Tage auf eine Montafon-Hütte. Bevor sie das Berufsvorbereitungsjahr in Anspruch nehmen oder zum IB gehen. Die Gewinnausschüttung bessert manchem das Taschengeld auf. Drei bis fünf Euro pro Stunde sind drin. Die Firma will sich vom Erlös auch eine Profi-Kaffeemaschine leisten, um von Leihgebern unabhängig zu werden.
Wenn der Hauptteil der Zuschauer in der Tür des Verwaltungsgebäudes verschwunden ist, haben die Schüler zwanzig Minuten, alles in den Eingangsbereich der Bogenhalle zu schaffen. So lang ist das Publikum im Haus unterwegs, bevor es seine Plätze einnimmt. Die meisten Schüler haben schon in das Stück hineingeschaut. Nochmal? Nöö! Sie machen Pausa-Pause bis Viertel vor zehn, trödeln in den REWE-Markt, sitzen auf der Mauer, hören Rap-Musik, gehen geschwind zu Enes nach Hause.
„Es liegt in unserer Absicht, Außenräume wie hier ins Bildungsangebot einzubeziehen, auch zu ungewöhnlichen Zeiten,“ erklärt Nisi. Ab zehn geht der Betrieb weiter. Um elf werden die Jüngeren abgeholt. Alle zusammen haben etwas gemacht, das aus dem Schulalltag herausfällt. Wochenendfreizeit geopfert. Auch die Lehrkräfte. Nisi fährt noch die Gläser in die Schule, legt in der großen Spülmaschine einen Nacht-Gang ein. Sauberes Geschirr ist wichtig. Die Schülerfirma hat sich schon bei anderen Gelegenheiten im Umgang mit vielen Gästen bewährt. Weiteren Aufträgen sieht sie dankbar entgegen.
Info: Wer die Catering-Firma der Flattischschule buchen will, kann sich an Schulleiter Carlheinz Nisi, Telefon 0 74 73 / 12 92, wenden.
Bedienen, Kassieren, freundliche Worte für die Kundschaft finden, auch unter Stress.
Schulleiter Carlheinz Nisi über das Geschäftsmodell