700 Kilometer am Tag, manchmal 800. Allein mit dem Motorrad. Einer Harley Davidson, aus Nostalgiegründen. Wolfgang Werz hat es genossen. Jetzt ist der Öschinger in den Alltag zurückgekehrt – doch das, was er gesehen und erlebt hat, soll in einen Roman einfließen.
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Gabi Schweizer
Zwischenstopp in Death Valley: Wolfgang Werz mit seiner geliehenen Harley. Privatbild
Öschingen. „Ich hab’ mir einfach mal die Freiheit genommen“, sagt Wolfgang Werz. Den ganzen Juli über war er weg. 23 Tage davon saß er auf dem Motorrad, brachte 10 000 Kilometer hinter sich und bog immer wieder vom Weg ab, um die Gegend zu erkunden. Death Valley hat er gesehen und Las Vegas, den Highway Number One und den Grand Canyon. Also weit mehr als die 4200 Kilometer lange Route 66, die Chicago mit Santa Monica verbindet.
In den 1930er-Jahren muss die Straße ziemlich belebt gewesen sein. Zahlreiche Siedler suchten während der durch eine Dürre ausgelösten Wirtschaftskrise ihr Glück im Westen: Ab 1926 war die Route 66 die erste durchgehende Verbindungsstraße zwischen Chicago und der Westküste. Doch als Ende der 1950er-Jahre die „Interstates“ entstanden, wurde es dort einsam. Tankstellen- und Motelbesitzer verdienten nichts mehr. Bis eine Initiative für den Erhalt der Straße um deren Anerkennung als historische Strecke kämpfte – und dies 1988 auch schaffte. Heute sind dort vor allem Biker unterwegs, auf der Suche nach dem Lebensgefühl, das der Song „Born to be wild“ vermittelt.
In Motorradkluft
zwischen Bikinis
All das hat Wolfgang Werz auf einer eigenen Homepage zusammengetragen. Es sei die größte und ausführlichste in deutscher Sprache zur Route 66, sagt der 50-Jährige, der in Öschingen eine Medienagentur betreibt. Zunächst hatte er alle Infos für sich selbst übersichtlich zusammentragen wollen. Ein halbes Jahr lang durchforstete er das Netz, sammelte historische Daten, stellte einen Reiseplan auf, machte sich über Motorradverleih-Firmen kundig oder über die billigsten Flüge. So kam eine Homepage zustande, die künftigen Route 66-Nutzern viel Zeit und Arbeit ersparen dürfte. Und auf der Werz viel über sich selbst verrät.
Während der Reise saß er jeden Abend vor dem Laptop, ließ den Tag Revue passieren und schrieb weiter an seinem Online-Tagebuch. Er erzählt, was es zum Frühstück gab und wie die Amerikaner ihren Kaffee trinken (aus Pappbechern auf der Straße); fragt sich, ob der „Bottle Garden“ bei Oro Grande nun Kunst oder Kitsch ist mit den aus bunten Flaschen gebastelten Bäumen; informiert darüber, wo Clark Gable Flitterwochen machte (im Westernstädtchen Oatman). Oder er beschreibt, wie er in voller Motorradkluft in einem Strandcafé in Santa Barbara saß, „zwischen Bikinis und Badeanzügen. Aber in USA juckt das niemanden.“
Werz fotografiert gern, unzählige Aufnahmen sind während der vier Wochen entstanden und teils direkt ins Netz gewandert. Zum Beispiel jene vom Monument Valley mit seinen bizarren Steinsformationen und der intensiv-roten Erde, über der weiße Wolkenfetzen schweben. Kein Mensch, weit und breit. „Es ist, als wäre man in einem Film, und John Wayne würde jeden Moment um die Ecke reiten“, schreibt er im Blog.
Irgendwann wird es einfach zu heiß
Auf dem Schreibtisch seiner Öschinger Agentur liegt ein Poster, rot-bräunliches Gestein, marmorartig ineinander verschwimmende Farben und ein bisschen Sonnenlicht. Auch diese Aufnahme hat Werz im Grand Canyon gemacht. Und doch gestand er an Tag 18, Kilometerstand 387, 30 bis 45 Grad Celsius, nach der Reise von Las Vegas in die Wüstenstadt Lake Havasu City: „Langsam kann ich die Siedler verstehen, die in den 1930er-Jahren das ,Goldene Land’ Kalifornien herbeisehnten, nachdem sie schon Wochen oder Monate nach Westen unterwegs waren. Auch ich habe langsam die Hitze in der Mohave-Wüste satt . . .“
Werz ist 50 Jahre alt, die Schulzeit liegt eine Weile zurück und damit auch der Englischunterricht. „Wundersamerweise bin ich ganz gut durchgekommen“, sagt er rückblickend. Mit der amerikanischen Straßenbeschilderung hingegen geriet er einige Male aneinander. Und: „Ein Erholungsurlaub war das sicherlich nicht.“ Bewusst ist er allein gefahren und hat nur eine kleine Strecke in Gesellschaft eines österreichischen Paars zurückgelegt, das er über das Gästebuch seiner Homepage kennengelernt hatte. Leute aus aller Welt traf er hingegen in den Kaffeepausen: aus Norwegen, Südafrika, Frankreich, England, Deutschland und natürlich aus den Staaten. Nightlife allerdings war eher nicht angesagt. Zu müde am Abend. Und dann war da ja noch das Online-Tagebuch . . .
Jetzt ist Werz wieder zurück, voll im Alltag. Er hat sein Geschäft in Öschingen und die Arbeit als Vorstand des Mössinger Handels- und Gewerbevereins. Doch die Reise ist gewissermaßen noch nicht zu Ende. Werz arbeitet gerade an einem Roman, der entlang des Highway 66 spielt. Eine Beziehungsgeschichte soll es werden, die zugleich vom Motorradfahren handelt. „Die Idee hatte ich schon lange“, erzählt er. „Aber man kann kein Buch darüber schreiben, wenn man noch nie drüben war.“