„Das sind viel zu viele Aufgaben in zu kurzer Zeit!“, beschwerte ich mich einmal während einer Klausur beim Physiklehrer. Der daraufhin antwortete: „Leistung ist Arbeit pro Zeit.“ Stimmt schon, wissenschaftlich gesehen.
Anzeige
Aber worauf kommt es in der Schule an: besser zu sein als die anderen oder Wissen zu verinnerlichen? Anders ausgedrückt: Geht es beim Abitur darum, die Schnelldenker und Multi-Tasker herauszufischen – oder möglichst vielen Jugendlichen eine gute Bildung und eine übers Akademische hinausgehende menschliche Reife mit auf den Lebensweg zu geben?
Das „Abitur im eigenen Takt“, das eine Projektgruppe des Mössinger Firstwald-, des Rottenburger St. Meinrad- und des Dußlinger Karl-von-Frisch-Gymnasiums sowie des Gymnasiums Neckartenzlingen gerade entwickelt, möchte den Schülern flexibles Lernen ermöglichen und gibt ihnen zugleich die Verantwortung dafür, in welchem Tempo und mit wie viel Stress sie die Reifeprüfung bewältigen möchten. Die Oberstufe dauerte dann wahlweise zwei oder drei Jahre, das Unterrichtssystem gliche dem einer Universität. In gewisser Weise ist allein dies schon eine „Schule fürs Leben“. Vorbild ist das finnische Schulsystem – das bei Pisa immerhin am besten abgeschnitten hat. Das Gesamtkonzept wurde auf dem Kultusministerium „mit großem Interesse“ aufgenommen, sagte Firstwald-Rektor Helmut Dreher. Im Herbst wollen die Schulen einen gemeinsamen Antrag stellen.
Aber nicht alle Teile des Konzepts scheinen mit den bestehenden bundesweiten Regelungen kompatibel. Die „Vergleichbarkeit des Abiturs“ über Bundesländer hinweg könnte einer der Stolpersteine für das neue Modell werden. Darauf wies ein Jurist des Kultusministeriums bei einem Vorab-Gespräch hin, berichtete Dreher, der mit Kollegen dort war. Konkret geht es um die Idee, verschiedene Fächer zu verschiedenen Zeiten abzuschließen. Beispielsweise das Deutsch-Abitur nach zwei Jahren Oberstufe, das Mathe-Abitur nach drei Jahren – oder umgekehrt. An der Uni wird das schließlich auch so gehandhabt.
Nun ist dies natürlich nur ein Teil des neuen Modells – aber ein wichtiger. Denn dieses Vorgehen bietet viele Vorteile. Bleiben wir beim Beispiel: Wer in Mathe schwach ist, kann sich auf die Weise viel besser auf dieses Fach konzentrieren und wird den Stoff besser erfassen. Oder er schafft sich Freiräume, um auch während des Abiturs nicht im Lernstress zu versinken: Wer Gitarre spielt, Festivals organisiert, auf Anti-Atom-Demos geht, für die Schülerzeitung schreibt, Praktika macht oder jobben muss, lernt schließlich auch. Mit der binomischen Formel hat diese Art des Wissens zwar wenig zu tun – dafür sehr viel mit Allgemeinbildung und sozialer Reife. Darum sollte es in der Schule auch gehen. Das „Abitur im eigenen Takt“ bietet dafür gute Bedingungen. Zudem ließe es sich wohl problemlos mit der nun geplanten (und längst überfälligen) Gesamtschule kombinieren.
Bildung muss mehr sein als die „gleichwertige Feststellung von Schülerleistung“ in einer leistungs- und kapitalorientierten Gesellschaft. Bildung ist ein Menschenrecht. Das neue Modell würde vielen jungen Leuten den Bildungs-Weg erleichtern. Deswegen die Aufforderung an die Politiker von Bund und Land: Sagt Ja dazu! Gabi Schweizer