Vom Neckar an den Jordan
Eine Rallye mit Gebrauchtwagen vom Allgäu in den Orient
Die Allgäu-Orient-Rallye gilt als eines der letzten automobilen Abenteuer der Gegenwart. Zwei Teams aus dem Kreis Tübingen mit starker Steinlach-Fraktion bewältigten erfolgreich die knapp 6000 Kilometer bis in den Nahen Osten.
Paul-Janosch Ersing
Kreis Tübingen. Abgerissene Stoßstangen, aufgeschlagene Ölwannen und hängengebliebene Auspuffanlagen: Im feinen Sand von Wadi Rum setzt sich die Erkenntnis durch, dass gewöhnliche Gebrauchtwagen nicht für Wüsten-Rallyes konstruiert sind. Einigen Autos wird der kurze Ausflug ins Gelände zum Verhängnis, an eine Weiterfahrt ist nicht mehr zu denken.
Zwölf Tage zuvor in Oberstaufen war die Welt noch in Ordnung: Die aus einfachen Brettern gezimmerte Startrampe ist mitten im Festzelt aufgebaut. Farbenfroh gekleidete Menschen frühstücken bei Weißwurst, Bretzen und alkoholfreiem Weißbier. Um kurz vor neun ertönt das Startsignal, und 262 bunt verzierte Fahrzeuge fressen eifrig Kilometer Richtung Südosten. Das Ziel ist Amman, die Hauptstadt Jordaniens.
Die „BMW Dreierflotte“ siegessicher im türkischen Kappadokien: Auf der BMW-Haube hocken Gudrun Muschalla, Paul-Janosch Ersing und Johannes Kode (von links). Kurzzeitig auf ein sparsameres Transportmittel mit Absicherung durch einen erfahrenen Piloten ist Rüdiger Etzold umgestiegen. Bilder: Muschalla
Die Allgäu-Orient-Rallye ist eine Veranstaltung irgendwo zwischen durchgeknallter Abenteuerreise und gut gemeinter Entwicklungshilfe: Mit gebrauchten Autos geht es fast 6000 Kilometer auf der Landstraße bis nach Jordanien – komplett ohne GPS-Navigation. Die weiteren Regeln sind simpel: Täglich dürfen höchstens 666 Kilometer gefahren werden, die teilnehmenden Karossen müssen mindestens 20 Jahre alt sein – oder einen Restwert von weniger als 1111,11 Euro aufweisen. Geschwindigkeit wird zu Nebensache. Weitaus wichtiger ist hingegen das Lösen kniffliger Aufgaben unterwegs. Am Ziel werden die Autos gespendet, der Erlös kommt Projekten des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen zugute. Das siegreiche Team gewinnt ein Kamel.
Markenübergreifender Pannenservice im Wüstensand: Die Tübinger und Steinlachtäler packten bei verfahrenen Situationen einfach mit an.
Das erste wichtige Etappenziel ist Istanbul, wo sich alle Rallye-Teilnehmer nach vier Tagen wieder treffen sollen. Die Team-Strategien für die perfekte Route könnten verschiedener kaum sein: Während einige ihr Vorankommen bereits im Vorfeld penibel geplant und die Kilometer akkurat durchgerechnet haben, fahren andere einfach drauf los. Zu letzterer Gattung gehört auch Beppo Käsman vom Team „der 3TEgang“ aus Mössingen: „Wir haben uns zwar schon vor einem knappen Jahr für die Rallye angemeldet, aber wirklich vorbereitet sind wir nicht.“ Im Orient sei ohnehin Improvisationstalent gefragt.
Wer sich gegen den direkten Weg über Sofia und für die etwas längere Panorama-Route entlang der Mittelmeerküste entscheidet, erreicht am ersten Abend die Gegend rund um Ljubljana. Am nächsten Morgen geht es weiter nach Kroatien, an Split und Dubrovnik vorbei, hinüber nach Montenegro. Ab hier verändern sich Landschaften, die Menschen auf den Straßen – und nicht zuletzt die Straßen selbst. Es wird schroffer, wilder, unberührter. Mit dem Grenzübertritt nach Albanien erhöht sich die Anzahl der Schlaglöcher drastisch.
Griechenland dient den Rallye-Piloten nur als Transitland und ist schnell durchquert. In Istanbul angekommen, müssen verschiedene Prüfungen abgelegt werden. Eine besteht darin, zur Hauptverkehrszeit vor die Blaue Moschee zu fahren, um dort ein Beweisfoto zu knipsen. „Als wir die bunt beklebten Gebrauchtwagen aus Deutschland vor dem osmanischen Kuppelbau parkten, haben Touristen und türkische Polizisten ihre Köpfe im selben Takt geschüttelt“, beschreibt Rüdiger Etzold, der für die Tübinger „BMW Dreierflotte“ einen roten BMW 318 i Touring aus dem Jahr 1989 pilotierte, die skurrile Szene.
Am anderen Ende der Türkei, am Grenzübergang Kilis, ist Geduld gefragt: Bis alle syrischen Stempel auf den richtigen Formularen prangen, vergehen zweieinhalb Stunden. Dann rollen die ersten Teams in die arabische Republik. Über Aleppo, Palmyra und Damaskus führt die Route am elften Tag nach Wadi Rum in Jordanien. Auf die Frage, wie sich der Sieg anfühle, antwortete die frisch gekürte Gewinnerin Anja Stechele von „König Ludwigs Kamelfänger“: „Haarig!“ Sie wolle das Kamel einem Beduinen schenken, es aber ab und an besuchen kommen.
Info
Weitere Bilder und Berichte von der Rallye auf
www.dreierflotte.de und
www.allgaeu-orient.de