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Mössingen

Die Große Kreisstadt rockt sich was - Video und Bilder vom Open-Air mit Ufo, Slade, Saga & Co

Überall herrschte Regen, nur in Mössingen nicht. Der angesagt Wettersturm blieb aus, dafür fegten am Samstagabend fünf immer noch angesagte Bands über die Bühne im Ernwiesenstadion.

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Jürgen Jonas
Mössingen. Für 18 Uhr ist der Beginn angesetzt. Die beiden Moderatoren stellen eine Beschallung bis nach Tübingen in Aussicht. Mit „Rock vom Feinsten“. Als erste kommt „Bad Company“. Die Gruppe hat sich 1973 nach einem Western-Film benannt. Sänger Paul Rogers fragt in die Menge: „Wie geht's?“ Und meint: „Mein Deutsch ist Scheiße“. Liegt es an der Bühnenbeleuchtung im hellichten Sonnenschein? Der Anfang ist ein wenig zäh. Aber Rodgers gelingt mit Simon Kirke, Jaz Lochrie, Dave Colwell das Einstimmungs-Kunststück. Mit „Turn on your light“ und und „Fly away“, mit trauter Zweisamkeit von Gitarre und Bass am Mikro.

Da steht Phil Mogg in seinem Rock

Herrschaften älteren Datums singen bei „Shooting star“ inbrünstig mit. Bürgerbeteiligung ist gefragt, zumindest was die Arme angeht, die über den Köpfen geschwenkt werden sollen. Von „gefühlten 10 000 Zuhörern“ sprechen die Moderatoren, die immer wieder die innere und äußere Besuchergestimmtheit abfragen.

Dann heißt es: „Ufo ist live in Mössingen gelandet“. Die meisten kennen sie einige Jahrzehnte. Ach, das waren Zeiten. Sind es aber immer noch. „Save me from Fallin'“. „Rockbottom“. Neue Titel aus dem neuen Album. Mann, die machen immer noch Neues. Da steht wie eh und je Phil Mogg in seinem Rock, unter den er nur den ersten Reihen „glimpses“ gewähren will.

Die Biergarnituren sind eng belegt. Man sitzt auf Wolldecken oder Schaumstoffunterlagen. Einige halten sich an ihren Walking-Stöcken fest, ein Vater spielt mit seinem Söhnchen Fußball. Die meisten stehen sich einfach die Beine in die Bäuche. Bis nach Mitternacht. Auch eine Leistung der 3500 Besucher.

Oberbürgermeister Werner Fifka geht händeschüttelnd über den Platz. Sebastian Brumm verteilt Flyer fürs U&D-Festival. Die Stimmung ist von Anfang friedlich. „Das ist nicht unbedingt die Altersgruppe, die uns Probleme bereitet“, sagt Jürgen Adam über die Gäste. Der Polizeipostenleiter, begleitet von Jugendsachbearbeiter Dieter Meyer, will mehrmals am Abend vorbeischauen.

Das Rote Kreuz bietet 32 Helfer auf. Einsatzleiter Mike Dornberger schätzt, dass insgesamt 400 Arbeitsstunden geleistet werden, mit allem Drum und Dran. Ein Rasen-Tänzer verstaucht sich den Fuß, ein paar Pflaster müssen aufgelegt werden. „Für uns ist das ein Heimspiel“, sagt Dornberger, das DRK hat sein Haus um die Ecke.

Das kann den Platzwart nicht erschüttern

Die Erde bebt, auch weil die Boxen alles geben. Das kann Platzwart Erwin Müller nicht erschüttern. Seit 20 Jahren ist er „das Mädchen für alles bei unserem TV Belsen“. Saubermachen muss er aber nicht, das übernimmt die Stadt. Er findet die Veranstaltung „absolut Klasse“, für Ela hat er einen Schwäche, sie ist „eine Wahnsinnsrockröhre“.

Ela ist laut. Michaela Eichorn heißt die Sängerin, in Tübingen verwurzelt, umgeben von drei Musikern, die sich mit ihr „den Arsch abspielen“, während sie über die Bühne tigert. Sie hat nicht so weit zu fahren gehabt, „ich bin auch aus der Gegend“. Sie verspricht „no Hip, no Hop, only Rock“, wünscht sich „your hands to touch my body“, lässt „Dynamite“ los und legt mit dem leiseren Lied „Tell me little lies“ eine Zugabe vor. „Seid ihr geil drauf? Hu!“ So oft sind die Mössinger noch nie für „geil“ erklärt worden wie von Ela.

Der Heilbronner Mitveranstalter „Radio Ton“ verteilt zu Werbezwecken Ohrstöpsel. Dann taucht „Slade“ auf. In altgewohnter Manier. „Das ist schon verrückt, wie die immer noch schrammeln“, sagt ein Kenner. „Forty years of noize!“ Das Publikum kennt die alten Titel und nimmt auch die neuen der Glamrockband an. Wie man hört, ist der scheidende SPD-Fraktionschef Dieter Schmidt seit jeher ein großer Slade-Fan. Von der VIP-Tribüne aus beobachtet er das Geschehen. „Far far away“. Der Sänger mit der schnarrenden Stimme bedankt sich beim „phantastic audience“.

Rockfan Walter Klupper, früher Wirt in Dußlingen, ist nicht nur mit Slade zufrieden: „Schönes Wetter, viele Bekannte, gute Mucke.“ Sein Gesamturteil: „Das muss man unbedingt beibehalten und öfter machen. “ Die Moderatoren beschwören das „geile Feeling“ im Ernwiesenstadion, genau wie seinerzeit in. . . genau, „Woodstock“. „Mössingen kann feiern“, das sei nun bewiesen. Da muss man doch was dran drehen! Willi Wrede kommt auf die Bühne, um für seinen Plan zu werben, das Festival jedes Jahr auf die Ernwiesen zu holen. Das Publikum könne nicht immer vier Jahre warten. Er sei gestern mit Fifka übers Gelände gewandelt und habe mit dem Rathauschef darüber gesprochen. Kurzerhand wird um einen Bürgerentscheid gebeten. Alle Stimmen erheben sich für ein jährliches „Mössingen rockt“.

Bier kommt in Mengen aus den Hähnen an den Ständen von Fischers Brauhaus. Zu essen gibt’s allerlei, Kartoffelspalten mit Knoblauchdip, Krautschupfnudeln, Feuer-Dennede und Pizza. Der ausgedehnte Stand mit Süßigkeiten wird ständig frequentiert. Viele gestandene Rockfans holen sich Magenbrot- und Mandel-Seelennahrung, Popcorn, Weingummi und Lakritz in allen Formen. Auch die Slade-Mannschaft versorgt sich. Hauptnahrung bleiben Weizen und Export, auch ziehen süßliche Schwaden durch die laue Luft.

Und „um halb zwölf geht noch einer“, nämlich „Saga“, die mit ihrem „Bombast-Rock“ den Schlusspunkt setzen. Saga hat einen neuen Sänger, das sieht man gleich. Sie spielen in die Nacht hinein. „The Human Condition“ heißt ihre neue CD. Die menschliche Verfasstheit lässt allerdings ab einem bestimmten Alter nicht mehr alles zu. In der Hälfte des Saga-Auftritts sagt ein Mann zu seiner Frau: „Jetzt passiert nix mehr, jetzt können wir heimgehen.“ Man ist müde. Viele Paare kuscheln noch auf ihren Decken. Andere bewegen sich durch die Absperrungen nach Hause. Mal sehen, ob es übers Jahre wieder heißt: „Mössingen rockt.“
06.07.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 10.08.2009 - 17:57 Uhr

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