Seit 1. Oktober ist er Mössingens neuer Rathauschef. Seit Samstag ist Oberbürgermeister Michael Bulander genau hundert Tage im Amt. Er hat noch keinen Tag bereut, hat immer noch Spaß am neuen Job.
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Ernst Bauer
Mössingen. „So, hereinspaziert!“, bugsiert er die Presseleute gut gelaunt in sein Büro im ersten Stock des Mössinger Rathauses. Draußen vor dem Sitzungssaal steht die Plastik-Kuh, die man von den Freunden in St. Julien geschenkt bekommen hat. „Die kriegt jetzt ihren Platz in der Tonnenhalle, in der neuen Bücherei“, sagt Bulander. Am 20. Februar darf er den Elf-Millionen-Bau auf dem Pausa-Gelände eröffnen. Eines der größten Investitionsprojekte, das die Stadt je angepackt, der Vorgänger noch auf den Weg gebracht hat.
„Ich bin noch nicht einmal dazu gekommen, mein Büro so einzurichten, wie ich es haben möchte“: Mössingens neuer OB Michael Bulander, 39, kann sich über mangelnde Arbeit bisher nicht beklagen. Bild: Franke
Und ihm fällt jetzt die Rolle zu, kräftig sparen zu müssen, die Investitionslok Mössingen zu stoppen? Nein, so könne man das nicht sagen, bremst der Mann aus Herbertingen, der in den vergangenen Jahren als Regierungsdirektor im Stuttgarter Innenministerium gearbeitet hat, als einer der engsten Vertrauten von Minister Heribert Rech – und erinnert an seine erste Haushaltsrede, die er jüngst hielt: „Sparsam, aber nicht geizig“ wolle man sein, habe er gesagt. „Nicht dass es gleich heißt, da kommt ein Oberschwabe!“ Bulander verweist auf das Acht-Millionen-Projekt, das er jetzt wieder vom Eis geholt und mit einem ersten Ansatz in den neuen Haushalt eingestellt hat: das integrierte Schulgebäude mit Mensa und neuer Flattich-Schule – „das wollen wir weiterplanen“; von den acht Millionen müsse man allerdings schon noch herunterkommen.
Die Zeiten könnten ja auch besser werden
Die ersten hundert Tage vergingen wie im Flug, bestätigt Bulander: „Man glaubt’s eigentlich gar nicht.“ Gestern Abend habe er im Bett noch einmal extra nachgezählt, ob es auch schon hundert Tage sind. „Viel Neues schwirrt einem regelrecht um den Kopf.“ Aber, keine Frage: „Der Job macht Spaß, klar!“ Neben der Verwaltungsarbeit selber gefällt dem Seiteneinsteiger, der kommunalpolitisch wenig Erfahrung hat, in Herbertingen mal Gemeinderat war und keiner Partei angehört, „der Umgang mit den Bürgerinnen und Bürgern“. Ihn reizt „die Möglichkeit, trotz der angespannten Situation noch was zu gestalten“. Das sei auch das, was den Job interessant mache. „Ich gehe das Ganze optimistisch an – die Zeiten können auch wieder besser werden.“ Dass Bulander seine gute Laune bisher nur selten verloren hat, liegt auch daran, dass die Bürger sich offenbar freuen, wenn sie ihm beim Bäcker begegnen und sich mitunter sogar wundern, dass er seine Brötchen selber holt, wie er erzählt. „Die Leute sind offen, sind aufgeschlossen mir gegenüber.“
Das gilt nicht zuletzt auch für die Leute vom Rathaus: „Die Mitarbeiter und Kollegen haben mich freundlich aufgenommen.“ Er sei, so beschreibt der 39-Jährige seinen Führungsstil, nicht der Typ, der „hier im Büro festsitzt“. Bulander: „Ich gehe auch mal raus.“ Und: „Meine Tür ist auf, jeder kann zu mir kommen.“
Haben ihm einige Leute auch schon die Türe eingerannt? Viele Bürger haben sich zuletzt ja auch in Mössingen etwa über die nicht geräumten Nebenstraßen aufgeregt. Es habe wegen einer Eisfläche, die nicht abgestreut war, große Aufregung gegeben, bestätigt Bulander. Aber dann habe sich herausgestellt, dass es gar keine städtische Verkehrsfläche ist. Man habe in allen Kommunen den Winterdienst eingeschränkt, nicht erst seit diesem Jahr: „Klar, können wir den kompletten Schnee, alles wegräumen“, doch „das können wir uns nicht mehr leisten“. Dass er selber, seit er nicht mehr in die Landeshauptstadt pendeln muss, „kurze Wege“ hat, sei sehr angenehm. „Ich genieße es jetzt, in der Stadt zu arbeiten. Ich bin in fünf Minuten im Rathaus und bekomme mehr mit von der Familie, kann auch zum Mittagessen manchmal heim.“
Vermisst er manchmal seinen Job im Innenministerium? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Nein!“ Es war für ihn, wie er sagt, allerdings „schon eine Umstellung“, nun statt eines eher anonym hier lebenden Regierungsdirektors „vor Ort zu sein als Bürgermeister, präsent zu sein, plötzlich in der Öffentlichkeit zu stehen“. Schlaflose Nächte? – „hatte ich die letzten hundert Tage nicht, schlafen kann ich immer gut!“
Innenstadtplanung noch einmal überdenken
Kommunalpolitisch hat Bulander in den ersten hundert Tagen versucht, erste Pflöcke einzuhauen. Es gab eine „Impulsveranstaltung“ zum neuen Stadtentwicklungsplan (StEP) Mössingen 2020 – „einfach, um mal eine gewisse Diskussion anzuregen“, so Bulander, wie der Mössinger Weg in die Zukunft aussehen solle und welche neuen Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung es gebe. Nach Ansicht des neuen OB ist man dabei dank der Anregungen des Bregenzer Zukunftsexperten Manfred Hellrigl auch schon ein Stück weit vorangekommen. „Das Denken in Agendagruppen ist aufgebrochen worden.“ Die Idee mit den Bürgerräten, die zu bestimmten Themen Anstöße geben, hält er für einen „ganz interessanten Ansatz“. Allerdings: In welcher Form der Stadtentwicklungsprozess weiter gehe, sei noch völlig offen; erst müsse man den alten Prozess abschließen, „spätestens Mitte des Jahres“.
Ähnliches gilt für die Stadtentwicklung im engeren Sinn, die Diskussion um die neue Stadtmitte, das brachliegende Merz-Gelände: „Da muss sich was bewegen“, sagt Bulander. Da müsse man die gesamte Planung noch einmal überdenken. „Da bin ich dran.“