Hobby mit Suchtfaktor
Blogger Ulrich Eder ist beruflich wie privat viel im Netz unterwegs
Sascha Lobo tut es – den kennen viele aus dem Fernsehen. Ulrich Eder tut es auch – der ist noch wenig bekannt. Der Mössinger ist „Blogger“, führt eine Art Tagebuch im Internet.
Ulrich Eisele
Baute einst am Ludwig-Uhland-Institut die Computer-Infrastruktur mit auf: Der Mössinger Blogger Ulrich Eder als Gast unserer Redaktion in der Falltorstraße. Bild: Franke
Mössingen. Blogs sind was für junge, hippe Menschen mit rot gefärbten Haaren und einer Sicherheitsnadel in der Backe, meinen Ältere, die vor Geburt des Internets zur Schule gingen. Blogs sind gefährlich, meinen Journalisten, weil das, was drin steht, kaum nachzuprüfen ist. Blogs sind eine Form der Selbstentblößung, meinen Konservative, man müsste die Öffentlichkeit davor bewahren – und die Blogger vor sich selbst.
Ulrich Eder trägte weder Piercings noch gefärbte Haare. Mit seinem Karohemd sieht er aus, als käme er vom Holzspalten. Dabei ist er in einem seriösen Beruf tätig – als Vorstandsmitglied der Tübinger K21 media AG, unter deren Dach eine Fachzeitschrift für den elektronischen Auftritt von Gemeinden und eine klassische Werbeagentur vereint sind.
Das karierte Hemd ist vielleicht eine Art Liebeserklärung an seine frühere Heimat. Ulrich Eder kommt nämlich „vo‘ d‘r Alb ‘ra“, aus Mariaberg, Kreis Reutlingen. In Tübingen studierte er Germanistik und Empirische Kulturwissenschaft, schrieb eine Magisterarbeit über Inhalte und Formen von Rockmusik in Reutlingen. Das Ludwig-Uhland-Institut wurde „zweite Heimat“, dort baute er in den 90er-Jahren die Computerinfrastruktur mit auf. Nach dem Studium gründete er seine eigene Computerfirma, arbeitete acht Jahre lang in Verkauf und Beratung, bevor er im Jahr 2000 in die Werbung einstieg.
Das ist die eine Seite. Die andere bekommt zu Gesicht, wer im Internet die Adresse www.dia-blog.de eingibt. Dort findet man witzige Beobachtungen zu Facebook, Twitter und Co., Aufgespießtes, Kommentare zum Tag und zu den Zeitläuften. Den „dia-blog“ bestückt Ulrich Eder mit einem Jugendfreund, dem Ex-TAGBLATT-Journalisten Wolfgang Brenner, der heute in Berlin lebt und tätig ist.
Entwickelt hat sich das Web-Tagebuch aus einem Internet-Briefwechsel. „Am Anfang war der Krimi“, verkünden Eder/Brenner auf ihrer gemeinsamen Homepage. „Den schrieben wir gemeinsam, um reich und berühmt zu werden. Und weil wir etliche hundert Kilometer voneinander entfernt wohnen – der eine in der großen Stadt, der andere in der Provinz –, das Mailen von größeren Texten aber äußerst unpraktisch ist, legten wir eine Webseite an, auf der wir abwechselnd weiterschrieben.“
Reich und berühmt seien sie dadurch nicht geworden, stellten die Beiden nach einer gewissen Zeit fest, doch kamen sie beim Schreiben drauf, „dass dieser Vorgang einen Namen hatte und weltweit millionenfach praktiziert wurde: Weblogs.“ Die Geburt des Dia-Blogs.
Um ihren Blog bekannter zu machen, hätten sie sich an einen „Headliner im Netz“, den schon sehr bekannten „taubenvergrämer“ ‘rangehängt, erzählt Ulrich Eder. Es sei durchaus üblich in der Szene, sich gegenseitig zu kommentieren oder zu verlinken, um sich mehr Leser zuzuführen.
Bloggen ist eine Beschäftigung mit Suchtpotenzial. Hat man erst einen Blog, werden leicht zwei oder drei daraus. Wolfgang Brenner bloggt beispielsweise noch auf „laubenpieper-dasein.de“. Brenner, Eder, Christoph Kratistos und Christian Wöhrl geben zusammen den „Nichtsblog“ heraus, der alles über das Nichts zu enthalten verspricht. Und dann gibt es noch den „wer-ist-dir-lieber-Blog für Entscheidungsfreudige“ (kurz WDL genannt), bei dem man alle paar Tage über ein neues Paar abstimmen kann: Dustin Hoffman oder Tom Cruise? Schiller oder Goethe? Tarzan oder Jane?
Warum schreibt einer Blogs? „Weil man Spaß am Schreiben hat“, antwortet Ulrich Eder, „und am schnellen Feedback.“ Er selbst liebt den spielerischen Umgang mit Sprache und Sprachspiele. Eder schätzt auch den „sehr direkten Kontakt mit den Lesern: Das ist das Schöne, man muss sich mit dem Publikum auseinandersetzen.“
Wie sieht denn die Resonanz beim Dia-Blog aus? „Laut Statistik haben wir derzeit täglich im Schnitt 2 500 Page Impressions (Seiten-Besuche, d. Red.) und etwa 900 Besuche von 600 verschiedenen Seiten“, gibt Eder bereitwillig Auskunft. Darunter sind allerdings auch die Besuche von Suchmaschinen, die automatisch alle Seiten im Netz abgrasen. Doch selbst wenn man diese abziehe, blieben immer noch mehr Leser, „als man den Kommentaren nach vermuten dürfte“, meint Eder. Das Phänomen habe übrigens auch einen Namen: „Lurker nennt man die schweigende, mitlesende Mehrheit im Internet.“
Selbstverständlich, räumt Eder ein, berge das Netz auch „finsteren Seiten“, beherberge Leute, „die sehr einsam sind, eine virtuelle Persönlichkeit aufbauen“. Doch lerne der Leser rasch, vertrauenswürdige Seiten von unseriösen zu unterscheiden. Am Anfang sei er selbst noch „sehr viel im Netz unterwegs“ gewesen, sagt Eder, jetzt nur noch sporadisch: „Man kriegt mit der Zeit einen Blick für Wichtiges und Unwichtiges: Filtern ist das Wichtigste, was man lernen kann.“
Den „Krieg zwischen Journalismus und Bloggerismus“ findet er übrigens seltsam. „Beide befruchten sich gegenseitig“, findet er. Viele Journalisten sähen im Netz heute eine Möglichkeit, mit ihrer Meinung an die Öffentlichkeit zu gehen. Für den Werbefachmann sind Blogs ohnehin ein „Pflichtfeld, mit dem man sich auseinandersetzen muss“.