Beim Seniorentanz können Über-60-Jährige Körper und Geist auf Trab halten
„Tanzen im Alter aktiviert Körper und Geist und fördert das Wohlbefinden“, sagt Irmgard Steinvorth-Schupp. Jeden Donnerstag bietet sie im Mössinger Feuerwehrhaus einen Tanzkurs für Senioren an, den „Begegnungstanz 60 plus“. Auch Menschen ohne Partner sind willkommen.
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Amancay Kappeller
Erst wenn jeder Schritt sitzt, schaltet Tanzkursleiterin Irmgard Steinvorth-Schupp (hinten links) die Musik an. Bild: Franke
Mössingen. „Platzwechsel, Nachstellschritt nach rechts, Partnerwechsel, linke Hand hoch“: Sechs Tanzpaare stellen sich im großen Saal im Obergeschoss des Mössinger Feuerwehrhauses im „Grundkreis“ auf – Irmgard Steinvorth-Schupp gibt Anweisungen, damit auch ja alles geordnet zugeht. Die 70-Jährige führt ein durchaus strenges Regiment – aus der Reihe tanzen kommt bei ihr nicht in Frage.
Noch ist der CD-Player stumm: Bevor in der Theorie nicht praktisch jede Bewegung sitzt, bleibt die Musik aus, da lässt sich Steinvorth-Schupp nicht erweichen. Die Tänzer/innen amüsieren sich trotzdem. Derzeit üben die „Seniorentänzer“ für einen Auftritt in Hechingen im Dezember. „Die Zuschauer gucken da schon ganz genau hin, ob ihr das harmonisch miteinander hinbekommt“, stachelt die 70-Jährige den Ehrgeiz ihrer Tanz-Schützlinge an.
Einmal hin, einmal her, ringsherum, das ist nicht schwer: Rund 15 Senioren – fast nur Frauen, die Älteste 76 Jahre – kommen regelmäßig zum Tanzen zusammen. 2008 hat Irmgard Steinvorth-Schupp eine Ausbildung zur Seniorentanzleiterin absolviert, seitdem gibt es das Angebot in Mössingen. „Das ist eine eigenständige Tanzdisziplin, die den Veränderungen im Alter Rechnung trägt“, erklärt die 70-Jährige. Körper und Geist werden aktiviert, was gesundheitsfördernd wirkt.
Zum Tanzprogramm gehören alte und neue Tänze aus aller Welt; die Tanzformen, zum Beispiel in Kreisen oder Gassen, ermöglichen das Tanzen ohne festen Partner und ohne Führungsrolle. „Dadurch wird die körperliche Leistungsfähigkeit erhalten und verbessert, Koordination, Konzentration, Reaktion, Ausdauer, Beweglichkeit und Gedächtnis werden trainiert, soziale Kontakte gepflegt“, sagt Steinvorth-Schupp: Seniorentanz ist gut fürs Hirn, aber auch für Herz und Hüfte.
Alle tanzen nach Irmgard Steinvorth-Schupps Pfeife, manchmal auch nach der ihres Mannes Dierk Steinvorth. Der Rentner unterstützt seine Frau beim Seniorentanz, hat sogar extra ihr zuliebe mehrere Tanzkurse gemacht: „Er hat’s aber mehr im Kopf und ich in den Füßen“, räumt sie ein. Zu „Viva Espana“ legen die beiden bekennenden „Naturmenschen“ eine heiße Sohle aufs Parkett – so soll es beim Auftritt aussehen. Bei „Last Christmas“ darf Dierk Steinvorth „anweisen“: „englische Kette, rechter Handstern, linker Handstern, Zwei-Paar-Kreis, ungefähr acht Schritte vorwärts“. „Was heißt da ungefähr?“, korrigiert Irmgard Steinvorth-Schupp auch kleinste Ungenauigkeiten beim Instruieren.
Anfangs wurde in der Altenbegegnungsstätte im Alten Rathaus getanzt, 2009 hatte die Gruppe ihren ersten öffentlichen Auftritt beim „Mössinger Allerlei“, es folgten Tanzeinlagen beim Mössinger Narrentreffen im Februar 2010 sowie beim Senioren-Fasnets-Nachmittag in Rottenburg. „Danach wuchs die Gruppe, deshalb mussten wir uns auch auf die Suche nach größeren Räumlichkeiten machen“, erklärt Steinvorth-Schupp. Etwas Passendes zu finden habe sehr lange gedauert, sagt die 70-Jährige, die bis 1995 im Bäckerhandwerk selbstständig war. Seit April wird nun im Feuerwehr-Saal das Tanzbein geschwungen, Platz ist hier genug. Bei der Eröffnung des renovierten Mössinger Rathausplatzes würde die Gruppe gerne tanzen.
„Getanzt habe ich schon immer gerne, als Schülerin war Ballett meine Leidenschaft“, sagt Steinvorth-Schupp, die sich selbst als „Ur-Schwäbin“ bezeichnet. Seit 2006 wohnt sie mit ihrem Mann, der im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, in Mössingen, wegen der Tochter sind sie hergezogen. „Ich habe gerne mit Menschen zu tun und eine gute Menschenkenntnis“, sagt die 70-Jährige von sich. Einen Kurs zur Altenpflegehelferin hat Steinvorth-Schupp gemacht, knapp zwei Jahre lang arbeitete sie in Altenpflegeheimen. „Da habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Aktivierung und Förderung der Eigenkräfte älterer Menschen sehr wichtig ist.“
Bei der Suche nach geeigneten Aktivitäten für Ältere stieß Steinvorth-Schupp auf den „Bundesverband Seniorentanz e.V.“ mit seinen Ausbildungsmöglichkeiten, 2006 hat sie einen Lehrgang zum „Tanzen im Sitzen“ gemacht – ein Bewegungsangebot, das gezielt auch auf (körperlich) Behinderte und Menschen mit Demenzerkrankungen zugeschnitten ist und entspannen soll. „Das ist wie Gymnastik im Sitzen mit Musik und Geräten wie Ringen, Klötzen, Bällen, Hüten oder auch schon mal Rosen aus Servietten, die dann geschwungen werden können, das haben alte Leute gerne“, erklärt Steinvorth-Schupp. Wer nicht mehr so gut stehen kann, kann trotzdem noch Arme und Beine im Sitzen bewegen.
Auch alte Volkslieder werden gesungen, etwa „Am Brunnen vor dem Tore“ oder „Hoch auf dem gelben Wagen“. Vier Jahre lang hat die Rentnerin das „Tanzen im Sitzen“ in verschiedenen Pflegeheimen ehrenamtlich angeboten, in Mössingen im „Betreuten Wohnen“ musste sie den Kurs wegen zu geringer Teilnehmerzahlen einstellen. Ab September möchte Steinvorth-Schupp das „Tanzen im Sitzen“ in Hechingen im „Betreuten Wohnen“ anbieten.
Der Mössingerin Margrit Weissmann gefällt das Tanzen mit Altersgenossen gut, sie ist seit anderthalb Jahren dabei, „praktisch von Anfang an“. Auch Renate Klukas, 66, und Charlotte Menzel, 74, beide aus Bodelshausen, bereitet das Tanzen Vergnügen: Über Bekannte haben sie von dem Angebot erfahren, „in Bodelshausen gibt es nämlich nichts Vergleichbares“.
Eine neu zugezogene 67-jährige Mössingerin tanzt seit Mai mit: „Die einstudierten Bewegungen, das Denken und Bewegen in musikalischem Einklang, macht einfach Spaß.“ Das Ehepaar Frieda (69) und Johannes (72) Becker aus Mössingen tanzt schon seit Jahrzehnten gerne – und gut – gemeinsam, die beiden gleiten gekonnt übers polierte Parkett: „Wir haben beide schon immer sehr gerne getanzt, und jetzt möchten wir noch etwas fürs Gedächtnis tun und es fordern“, sagen sie. Eine 72-jährige Bodelshäuserin sagt: „Ich tue damit ein bisschen was für den Geist, außerdem vergesse ich durch die Musik Schmerzen.“
Info Der Seniorentanz ist immer donnerstags von 15.30 bis 17 Uhr im Obergeschoss des Mössinger Feuerwehrhauses (Goethestraße 9). Man kann auch ohne Tanzpartner kommen. Kontakt: Irmgard Steinvorth-Schupp, Telefon 0 74 73 / 27 44 24.