Am Firstwald ging es um das „Abitur im eigenen Takt“
Acht oder neun Jahre bis zum Abitur? Das ist hier die Frage. Am Firstwald sollen die Jugendlichen diese Entscheidung selbst treffen dürfen – ebenso wie in Rottenburg, Dußlingen und Neckartenzlingen. Von einem „Abitur im eigenen Takt“ zeigten sich nun auch Mütter und Väter begeistert.
Mössingen / Dußlingen. Wenn die jetzigen Oberstufenschüler am Dußlinger Karl-von-Frisch-Gymnasium selbst entscheiden dürften, ob sie ihr Abitur nach zwei oder drei Jahren Oberstufe machen, dann würden sich die meisten für den kürzeren Zug entscheiden. Das sagten sie jedenfalls, als sie kürzlich gefragt wurden, berichtet Rektor Fritz Gugel auf TAGBLATT-Nachfrage. Andererseits meinten die Jugendlichen auch: Ein halbes Jahr ins Ausland zu können, das wäre schon schön – gerade geht das wegen des straffen Stundenplans nicht. Und viele derer, die sich ein neunjähriges Gymnasium wünschen, sind gar nicht erst auf dem KvFG. Immer wieder bekommt Fritz Gugel nämlich Anrufe von Eltern, deren Kinder in der vierten Klasse sind. Wie das denn nun sei mit dem „Abitur im eigenen Takt“? Darüber hatten wir kürzlich im TAGBLATT berichtet. Eltern wünschen sich ausreichend Zeit für ihre Kinder – und schicken sie im Zweifelsfall eher auf die Realschule als aufs Gymnasium. Neun Jahre Abitur gibt es nämlich nach wie vor, aber eben an den beruflichen Gymnasien.
Turbotempo beim Crosslauf: Im Sportunterricht ist das angebracht, nicht jedoch in den übrigen Fächern, sagen Kritiker des achtjährigen Gymnasiums. Vier Gymnasien haben sich zusammengetan und entwickeln nun ein „Abitur im eigenen Takt“ – die Jugendlichen können dann selbst entscheiden, ob sie die Reifeprüfung nach zwei oder drei Jahren ablegen. Archivbild: Rippmann
Wobei: Ganz stimmt das nicht. Das Firstwaldgymnasium bietet einen Aufbauzug für Realschüler an. Daneben gibt es auch das mittlerweile übliche „G 8“ – also das achtjährige Gymnasium. Die Eltern sehen die verkürzte Schulzeit sehr kritisch – das klang deutlich durch am Dienstagabend beim „Forum Schulentwicklung“, einem Runden Tisch für Informationen und Diskussionen. „Wir nehmen unseren Kindern die Kindheit weg“, monierte ein Vater.
Das Firstwald, Träger des Deutschen Schulpreises, hat ein sogenanntes Schullabor bei der Robert-Bosch-Stiftung beantragt und genehmigt bekommen. Wie könnte es gelingen, den Schülern selbst die Wahl zu lassen, ob sie die Reifeprüfung nach zwei oder drei Jahren ablegen wollen? Wie geht ein „Abitur im eigenen Takt?“
An der Frage arbeitet das Firstwald nicht allein. Wollt ihr mitmachen? fragten die Lehrer etwa fünf oder sechs Schulen in der Umgebung. Das Karl-von-Frisch-Gymnasium, das katholische St. Meinrad in Rottenburg und das Gymnasium Neckartenzlingen sagten zu; eine Absage kam unter anderem vom Mössinger Quenstedt. Am Telefon mochte Konrektor Horst Hirning sich dazu nicht öffentlich äußern.
Ähnlich wie an der Universität soll der Unterricht beim „Abitur im eigenen Takt“ aufgebaut sein. Ein Teil des Stoffs wird nach diesem Modell in Vorlesungen präsentiert. Dadurch, so die Überlegung, werden Stunden frei für kleinere Lerngruppen und Tutorien, in denen die Inhalte vertieft und praktisch angewandt werden. Welches Modul sie wann machen, sollen die Schüler selbst wählen – sie stellen sich also ihren eigenen Stundenplan zusammen in dem Tempo, das am besten für sie passt. Auf die Weise bleibt Zeit, um für ein halbes Schuljahr ins Ausland zu gehen, neben dem Unterricht zu jobben, Praktika zu machen, in den als schwierig empfundenen Fächern Förderunterricht zu belegen oder zusätzliche Kurse zu besuchen, die für die Abitursnote zwar nicht relevant sind, aber den persönlichen Interessen entsprechen. Ziel des neuen Modells sei es ja, mehr Schüler für das Abitur zu gewinnen, stellte Lehrer Friedemann Stöffler klar. Dabei, so ergänzte sein Kollege Matthias Förtsch, sollten nicht nur Schwächen ausgeglichen, sondern auch Stärken gefördert werden. Wenn alles gut geht, könnte das Projekt im Herbst 2013 starten. Es beträfe die jetzigen Neuntklässler.
Mathe-Vorlesungen für 50 Schüler – ob das gut geht? Daran hatte eine Zuhörerin Zweifel. Und die Räume dafür? fragte eine Mutter. Das müsse erst noch geklärt werden, erfuhr sie. Noch sei das Konzept ja nicht fertig ausgearbeitet. Das soll es erst im Oktober sein. Dann wollen die vier Schulen einen gemeinsamen Antrag stellen. Die Signale aus dem Kultusministerium waren bisher positiv. Ein Jurist, die Gymnasiums- und der Abitursbeauftragte untersuchen gerade, was machbar ist.
Detail-Fragen hatten die 50 Eltern viele. Als Rektor Dreher jedoch um ein Stimmungsbild bat, lautete das Fazit einstimmig: Ja, das machen wir. Davor wird die Projektgruppe aber noch vieles klären müssen. „Wie begleitet man Schüler innerhalb eines solchen Systems, wo sie plötzlich Freiheiten haben, die sie vorher nicht hatten?“, fragte Förtsch. Auch über Alternativen zur klassischen Klausur hat die Projektgruppe nachgedacht: „In Finnland gibt es nur eine Note pro Halbjahr, und der Schüler entscheidet, für was“ – je nach Neigung kann er die mündliche Mitarbeit, die schriftliche Prüfung oder das Referat bewerten lassen. Das allerdings schien dem Team zu „extrem“.
44 allgemeinbildende Gymnasien dürfen wieder neun Schuljahre anbieten
Der rot-grüne Ministerrat des Landes hat kürzlich ein Konzept für einen G 9-Schulversuch verabschiedet: Demnach sollen in den Jahren 2012 und 2013 jeweils 22 allgemeinbildende Gymnasien mit neun Schuljahren zugelassen werden. Voraussetzung ist allerdings, dass die Schulen vierzügig sind und damit groß genug, um G 8 und G 9 parallel anzubieten. In der Kursstufe werden die Schüler gemeinsam unterrichtet. Das Kultusministerium will auf eine „ausgewogene regionale Verteilung“ achten. Im Kreis Tübingen hat bisher kein Gymnasium Interesse signalisiert. Allerdings denkt die Leitung des Karl-von-Frisch-Gymnasiums gerade über eine Bewerbung nach. Das müsse aber die Gesamtlehrerkonferenz entscheiden, betont Rektor Fritz Gugel – auch eine Elternbeiratssitzung und eine Schulkonferenz soll es Mitte Februar geben. Ein paar Details sind Gugel noch unklar: Die Quote findet er beispielsweise unlogisch – mindestens zwei Klassen müssen sich für den G 8- und den G 9-Zug entscheiden. Auch die Zeit wird außerordentlich knapp. Die Anmeldefrist für Herbst 2012 endet am 1. März. Erst wenn die Gremien der Schule getagt haben, kann der Gemeindeverwaltungsverband, also der Schulträger, entscheiden, ob er einen Antrag stellt. Mit einem „Abitur im eigenen Takt“ wäre ein solches neunjähriges Gymnasium kombinierbar, schätzt Gugel – „aber die Belastbarkeit des Kollegiums ist begrenzt“. Das neue Modell ist im Gegensatz zum neunjährigen Gymnasium flexibler, lässt den Schülern mehr Verantwortung und betrifft nur die Oberstufe. Auch über dieses Modell werden Lehrer und Eltern im Februar diskutieren. Bis dahin, so hofft Gugel, gibt es eine Rückmeldung vom Kultusministerium, inwiefern die Ideen sich umsetzen lassen.