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Vom Abriss bedroht

Alte Häuser (6): Polizeiposten war früher Forstamt

Verwaist steht es an der Ecke Bahnhofstraße / Forststraße – die Polizei ist ausgezogen. Ein schmuckes historistisches Häuschen, typisch für die vorletzte Jahrhundertwende. Ein Mössinger Schultheiß hatte es einst bauen lassen. Jetzt soll es abgerissen werden: das Haus Bahnhofstraße 6.

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Ernst Bauer
Steht seit dem Umzug des Mössinger Polizeipostens in einen Neubau an der Karl-Jaggy-Straße leer: ... Steht seit dem Umzug des Mössinger Polizeipostens in einen Neubau an der Karl-Jaggy-Straße leer: der alte Posten in der Bahnhofstraße. Das Gebäude gehört dem Land, die Stadt will es erwerben.Archivbild: Bauer

Mössingen. Noch ist nicht entschieden, was aus dem alten Mössinger Polizeiposten wird. Noch gehört das Haus dem Land. Die Stadt ist gerade dabei, das seit dem Auszug der Polizei im Dezember leerstehende Gebäude zu erwerben – für 350 000 Euro, diese Summe ist im Haushaltsplan 2012 eingestellt. Dann soll es – wie es aussieht – plattgemacht werden.

Schwebegiebel, Balkonbalustrade, Jugendstil- und Zierelemente: Das 1893 errichtete Gebäude ... Schwebegiebel, Balkonbalustrade, Jugendstil- und Zierelemente: Das 1893 errichtete Gebäude besticht vor allem von außen durch seine reizvolle Architektur.

In den zuletzt präsentierten Plänen fürs Merz-Areal taucht das architektonisch reizvolle Häuschen jedenfalls nicht mehr auf. In der Neukonzeption der Fellbacher kab-Architekten für die neue Stadtmitte – die momentan von der Bauverwaltung weiter ausgearbeitet wird – ist der Bebauungsplan „Innenstadt“ über die Bahnhofstraße hinaus in die Forststraße ausgedehnt worden. Und dort sind, in diesem ersten Entwurf, anstelle des alten Polizeipostens nur noch Parkplätze vorgesehen, mit ein paar Bäumen.

1929 kam der Neubau – und der Landjäger

Dabei ist das historisch interessante Gebäude eng mit dem benachbarten ehemaligen Forstamt verbunden – das auf jeden Fall stehen bleibt. Denn dort ist bekanntlich Ceres eingezogen, entsteht ein landesweit ziemlich einmaliges Domizil für Wachkoma-Patienten und ihre Angehörigen. Das frühere Forsthaus und der alte Polizeiposten bildeten einst ein forstamtliches Ensemble – denn der Polizeiposten war der ursprüngliche Forstamtsbau, der nebenan dann durch einen Neubau erweitert wurde, wie der alte Forstdirektor Siegfried Otto noch weiß, der seit 1988 im Ruhestand ist.

Der heute 80-Jährige hatte sich, als er 1968 in Mössingen anfing, mit der Geschichte des Forsthauses und seines Bezirks genauer beschäftigt. „Mössingen hatte ein sehr großes Forstamt“, hatte sogar Waldungen auf der Alb, die von den Fürstenbergern durch einen Erbfall dazugekommen seien, erzählt Otto. Er fände es „schad’“ , wenn das Haus in der Bahnhofstraße abgerissen würde – „man könnte es schön herrichten, müsste natürlich einen Liebhaber finden“. Dieses Haus war nämlich das allererste Forsthaus in Mössingen. Bereits 1902 war es zum Sitz des neugeschaffenen Forstamts geworden.

Damals hatte es nach Ottos Schilderung eine größere Neuorganisation im hiesigen Forstbezirk gegeben. „Bodelshausen und Gomaringen haben ihren Sitz verloren, hier war vorher kein Forstamt. Im Zuge der Neuorganisation wurden Teile der Reviere hier zusammengefasst.“ Und 1929 zog dann das stattliche, munter wachsende Mössinger Forstamt in einen stattlichen Neubau um – der direkt nebenan errichtet wurde: das Haus Bahnhofstraße 8, das jetzt Ceres gehört. Das alte Forstamtsgebäude blieb anfangs noch Sitz der neuen Oberförsterstelle. Karl Rieber war der letzte Oberförster, der darin residierte. Seine Witwe wohnte noch oben im Häuschen bis zu ihrem Tod.

Unten zog aber schon 1929 der Landjäger in das „Dienstgebäude“ ein, wie es in einem Lageplan von 1930 genannt wird. 1936 hieß die Landjägerstation dann Gendarmerieposten, ab 1946 Landespolizeiposten Mössingen. Nach den alten Unterlagen im Stadtarchiv, die derzeit auf dem Baurechtsamt liegen, reicht die Geschichte des Hauses allerdings noch viel weiter zurück: Die erste Baugenehmigung wurde 1893 vom Oberamt Rottenburg erteilt, und zwar einem Häuslesbauer namens Johann Bauer, der damals Schultes in Mössingen war. Das attraktive Häuschen in der Bahnhofstraße 6 war ursprünglich also ein „Wohnhaus für den Schultheißen“.

Als es 1902 von der Forstverwaltung erworben wurde, stand es laut Otto bereits leer. Die Forstbehörde habe damals die Chance gehabt, „ein verwaistes Haus“ zu kaufen, von den Bauerschen Nachkommen, und es für ihre Zwecke einzurichten. In einem Artikel des Steinlach-Boten, den Emmi Weber 1969 zur Renovierung des alten Forst- und Polizeigebäudes schrieb, erfährt man Genaueres über den Erbauer: Der Häusles-Bauer, Schultheiß seit 1886, war 1902, erst 45-jährig, gestorben. Die Königliche Staatsfinanzverwaltung hatte das Wohnhaus dann erworben. Dadurch, so Weber, habe ein schon lange gehegter Wunsch der Forstverwaltung verwirklicht werden können: die Zusammenlegung von Teilen der Revierämter Gomaringen und Bodelshausen mit Sitz in Mössingen. Das Einzugsgebiet des neu geschaffenen Forstamts reichte von Öschingen und Talheim bis nach Hemmendorf und Hirrlingen.

In Anbetracht der Renovierung Ende der 1960er Jahre konnte die damalige Steinlach-Botin nur noch staunen: „Man erkennt das Haus kaum wieder. Jahrzehntelang stiefmütterlich behandelt – besser gesagt: stiefväterlich, denn Eigentümer ist Vater Staat – , hat es nun eine Generalüberholung erfahren, die einen staunen macht.“ Statt tristem Grau in Grau nun plötzlich strahlendes Weiß. Dafür sorgte übrigens Malermeister Walter Textor, Sohn des berühmten Generalstreikers, der laut Weber „alles getan“ hat, „dem Forsthaus ein sauberes Gewand überzuziehen“. Daneben wirke das neue Forstamt nun „beinahe schäbig“. Würde auch jenes instand gesetzt, „würden die drei stattlichen Gebäude Postamt, Forstamt und Polizeiposten eine der schönsten Häuserfronten bilden“, beschrieb die Kollegin damals hypothetisch, was heute Realität ist.

Bisher nicht unter

Denkmalschutz

Umso mehr fragt man sich: Warum steht das Haus Bahnhofstraße 6 eigentlich nicht unter Denkmalschutz? Nach Auskunft von Sabine Kraume-Probst vom Denkmalreferat des Tübinger Regierungspräsidiums taucht es „in unserem Verzeichnis nicht auf“. 2004 wurde es geprüft und nicht als Kulturdenkmal eingestuft – obwohl es zweifellos „einige sehr reizvolle Details“ aufweise. Es gebe freilich viele malerische Gebäude in der Gegend. „Trotzdem ist es immer auch in unserem Sinne, wenn solche Gebäude erhalten werden.“ Das Häusle sei auf jeden Fall erhaltenswert, sagt die Tübinger Denkmalschützerin.

27.01.2012 - 08:30 Uhr

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