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"So ernst war es noch nie"

Wussten Attentäter von Sicherheitslücke in Kopenhagener Zeitungshaus?

Zur Hassikone sind die Mohammed-Karikaturen für Islamisten geworden. Fünf Jahre nach ihrer Veröffentlichung in Dänemark reicht die Symbolkraft aus, um Attentäter zu rekrutieren, die Anschläge vorbereiten.

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HANNES GAMILLSCHEG

Die Wandelhalle im "Politikens Hus" war früher ein beliebter Treffpunkt am Kopenhagener Rathausplatz. Dort konnten Passanten in Zeitungen schmökern, Ausstellungen besuchen und verbilligte Bücher kaufen. Das hat sich geändert, seit vor zwei Jahren die Kopenhagener Redaktion von "Jyllands-Posten" bei den Kollegen der Zeitung "Politiken" einzog. Was die politische Linie betrifft, befehden sich die Blätter, gehören aber zum selben Verlag. Seither verhindern Wächter, Sicherheitsschleusen und Metalldetektoren den freien Zugang ins Zeitungshaus. "Früher war hier Wirtshausstimmung, jetzt gleicht es Fort Knox", klagt eine Politiken-Angestellte.

Dass dies keine leeren Vorsichtsmaßnahmen sind, wurde den Dänen jetzt wieder vor Augen geführt. Die Verhaftung von fünf Männern, die einen Terroranschlag auf die Zeitung geplant haben sollen, hat gezeigt, dass das Blatt zur Hassikone radikaler Islamisten geworden ist. "Dies hört nie mehr auf", seufzt Kurt Westergaard. Er war es, der vor mehr als fünf Jahren die umstrittenste der elf veröffentlichten Mohammed-Karikaturen zeichnete: die mit der Bombe im Turban des Propheten. "Für gewisse islamistische Kräfte ist sie zum Symbol für alles geworden, was den Islam verletzt und unterdrückt", hat Westergaard eingesehen.

Damals schlugen die Wellen des Protests hoch in der islamischen Welt. Die Ausschreitungen forderten mehr als 150 Todesopfer. Dänische Botschaften gingen in Flammen auf, dänische Waren wurden boykottiert. Noch haben die Karikaturen die Symbolkraft, die Fanatiker zum Sterben und zum Töten verlocken. Al-Kaida-Chef Osama bin Laden hat gesagt, dass gegen die "blasphemischen Zeichnungen" selbst die Ermordung von Frauen und Kindern durch US-Soldaten verblasse.

So befinden sich unter den neun Personen auf der Al-Kaida Todesliste gleich drei Dänen: Westergaard, Flemming Rose, der als Kulturredakteur die Karikaturen bestellte und veröffentlichte, und Carsten Juste, damals Chefredakteur von Jyllands-Posten. Die Geheimdienste haben in den vergangenen zwei Jahren sieben Anschläge verhindert, die gegen Westergaard und die Zeitung gerichtet waren.

Am Dienstag setzten sich wieder drei in Schweden ansässige Männer mit libanesischen und tunesischen Wurzeln in ein Auto und fuhren mit einer Maschinenpistole und reichlich Munition im Kofferraum Richtung Kopenhagen, wo ein in Dänemark lebender Iraker ihnen eine Wohnung beschafft hatte.

Was sie nicht wussten, war, dass in dem Mietwagen ein Sender angebracht war. Er zeigte der schwedischen Sicherheitspolizei Säpo die Route an. Als die Männer die Öresundbrücke passierten, übernahm der dänische Geheimdienst PET die Überwachung. "Seit Monaten" habe man die mutmaßlichen Terroristen "rund um die Uhr" observiert, sagt Säpo-Chef Anders Danielsson. Man habe gewusst, dass sie einen Anschlag planten und dass dieser in Dänemark stattfinden sollte. Dass man sie nicht früher festnahm, hatte mit der Beweissicherung zu tun. Pläne sind ebenso wenig strafbar wie radikale Ansichten, die einige der Festgenommenen im Internet bloßlegten.

Doch als die drei am Mittwoch die Kopenhagener Vorstadtwohnung verließen, konnte die Polizei nicht mehr zögern. Der Anschlag habe "unmittelbar bevorgestanden", sagt PET-Chef Jakob Scharf.

Gestern wurden die drei Männer wegen Vorbereitung terroristischer Handlungen einem Haftrichter vorgeführt, der sie für zunächst vier Wochen hinter Gitter brachte. Sie bestreiten jede Schuld. Auch in Stockholm sitzt ein Verdächtiger in U-Haft. Der 26-jährige, von Krebs gezeichnete Wohnungsbeschaffer ist hingegen frei. Die Ermittlungen dauern an. "Ich weiß, dass er nichts mit Terror zu tun hat", beteuert sein Bruder. "Ein langer Bart macht uns doch nicht zu Terroristen."

Die Polizei glaubt, dass die Gruppe unter den tausend Mitarbeitern im "Politikens Hus"ein Blutbad anrichten wollte. Dass es wegen des Baus einer neuen Kontrollschleuse dort eine Sicherheitslücke gibt, weckt den Verdacht, dass es einen Insider geben könnte, der den Tipp gab zuzuschlagen. Die Männer hätten Verbindungen zu internationalen Terrorgruppen, sagt Scharf. Er schließt nicht aus, dass sie Pläne umsetzen wollten, die der in Chicago inhaftierte David Headley ausgeheckt hat. Headley gestand, an den Terrorüberfällen in Mumbai beteiligt gewesen zu sein, die 166 Menschen das Leben kosteten. Er hat auch Jyllands-Posten ausspioniert, um die Journalisten zu ermorden und ihre Köpfe auf die Straße zu werfen, "um Schrecken zu verbreiten".

Headley, der 2009 vor dem Abflug nach Kopenhagen vom FBI verhaftet wurde, war während seiner Vorbereitungen auch in Stockholm und suchte dort nach Mittätern.

"Oh nein, nicht schon wieder", sei die erste Reaktion seiner Kollegen gewesen, als sie am Mittwoch von den neuen Anschlagplänen hörten, berichtet Bo Jørgensen, Vertrauensmann der Jyllands-Posten-Journalisten. "Beim letzten Mal war es ein amateurhafter Einzelgänger, jetzt waren es offensichtlich fünf Täter mit militärischer Planung. So ernst war es noch nie."

31.12.2010 - 08:30 Uhr

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