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Ratzingers jähe Flucht aus dem "Haifischbecken"

Vor 40 Jahren verließ der spätere Papst Benedikt Tübingen

Tübingen hat beim späteren Papst Benedikt XVI. ein Trauma hinterlassen. Vor 40 Jahren verließ Joseph Ratzinger fluchtartig die Stadt: Er wollte sich nicht länger dem rebellischen Klima der Uni aussetzen.

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RAIMUND WEIBLE

Walter Jens kam ins Schwärmen. 1968 hatte er für die Universitätszeitung "Attempto" zwei berühmte Autoren gewonnen: Hans Küng und Joseph Ratzinger. Die beiden ehemaligen Konzilsberater waren damals schon längst zwei Stars der Theologie - Wissenschaftler, mit denen sich die Universität Tübingen schmückte. "Ein solches Gunstgeschick erleben Redakteure nicht alle zehn Jahre", bejubelte Jens den "Glücksfall".

Artikelbild: Vor 40 Jahren verließ der spätere Papst Benedikt Tübingen Joseph Ratzinger, 1968. Der junge Professor galt als schüchtern. Archivfoto

Ja, es erschien als Glücksfall, Küng und Ratzinger zugleich in Tübingen zu haben. Ratzinger war 1966 von der Universität Münster gekommen, abgeworben von Küng. Ratzinger galt damals als fortschrittlicher Theologe. Während des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) hatte ihn Küng als Mitstreiter im Bestreben um die Reform der Kirche und der römischen Kurie schätzen gelernt. Offenbar hatte Küng den Plan, auch noch Karl Rahner nach Tübingen zu holen, um am Neckar, so der belgische Autor Freddy Derwahl, "eine robuste Bastion deutscher Fortschrittstheologie zu bilden".

Ratzinger ließ sich gerne bitten. In Tübingen war er nach Aufenthalten in Bonn und Münster seiner bayerischen Heimat wieder näher. Er tat auch seiner Schwester Maria einen Gefallen. Ratzinger wohnte mit Maria, die ihm den Haushalt führte, in ruhiger Lage an einem Südhang im Westen der Stadt, im Haus Dannenmannstraße 22, mit Blick aufs Schloss. Bis in die Nacht spielte er auf seinem Flügel. Die Nachbarn beschwerten sich nicht: "Er war so ein freundlicher Herr."

Ratzinger und Küng - das war zwar ein ungleiches Gespann. Der weltmännische Küng röhrte mit dem Alfa Romeo durch die Straßen. Der schüchterne Ratzinger legte die Strecke zur Fakultät, ein Barett auf dem Kopf, mit dem Fahrrad zurück. Doch jeden Donnerstagabend traf er sich mit Küng zum Abendessen, um mit ihm alles Anstehende zu besprechen. Nichts deutete auf ihre spätere Gegnerschaft hin.

Ratzingers Lehrveranstaltungen waren gefragt, seine große Vorlesungsreihe "Einführung in das Christentum" ein Publikumsmagnet. Aus dieser Reihe entstand das gleichnamige Buch, sein erster Bestseller. Ratzinger hatte in Tübingen durchaus Erfolge zu verzeichnen. Doch schon 1969 folgte er dem Ruf an die theologische Fakultät der zur Universität ausgebauten Hochschule Regensburg, wechselte vom lebhaften Tübingen ins bayerische Idyll, zog die Beschaulichkeit der streitlustigen Neckarstadt vor. Am 26. Oktober 1969 war Schluss. Ratzinger verabschiedete sich von seinen Kollegen mit einem, so Küng, "schönen Abendessen" im Hotel Krone.

Die Frage, warum der spätere Papst schon nach drei Jahren die hoch angesehene Tübinger Fakultät verließ, beschäftigt eine Vielzahl von Autoren seit langem. Die meisten stellen einen Zusammenhang mit der Studentenbewegung her. Die zornigen jungen Leute sprengten Vorlesungen, funktionierten Veranstaltungen um, drängten die Professoren, über die Notstandsgesetze zu diskutieren statt über ihre Vorlesungsthemen. Evangelische Theologiestudenten sahen das Kreuz Jesu als "Ausdruck sadomasochistischer Schmerzverherrlichung". Ratzinger war entsetzt. "Ich habe das grausame Antlitz dieser atheistischen Frömmigkeit gesehen, den Psycho-Terror, die Hemmungslosigkeit, mit der man jede moralische Überlegung als bürgerlichen Rest preisgeben konnte, wo es um das ideologische Ziel ging", schrieb er in seinen Erinnerungen.

Gewiss, es herrschte ein rebellischer Geist an der Hochschule, gerade auch an den beiden theologischen Fakultäten. Doch in welcher Intensität Ratzinger damit konfrontiert worden war, darüber gibt es unterschiedliche Darstellungen. "Es ist ordinär zugegangen damals, und er ist übel behandelt worden", erzählte Ratzingers damaliger Kollege Max Seckler (82), mit dem er freundschaftlich verbunden ist. Küng spricht von einem Trauma, das Ratzinger durch die Studentenbewegung erlitt.

"Ich habe das Gefühl, dass er befürchtete, die Bewegung der anarchischen Kräfte dringe in die Kirche ein", meint der Dogmatiker Peter Hünermann (80). Der Theologe glaubt auch, dass die Tübinger Zeit wesentlich dazu beigetragen hat, dass sich Ratzingers Weltbild veränderte, dass er im Tübinger Hexenkessel eine Wende vom Reformer zum Konservativen vollzogen habe. Der frühere Unirektor Johannes Neumann (80) widerspricht solchen Wertungen. "Dass Ratzinger durch die bösen Revoluzzer traumatisiert worden sei, passt gut zur Legendenbildung", sagt er.

Neumann sieht Ratzingers Konflikt mit den progressiven Wissenschaftlern der Fakultät als Hauptmotiv für die Flucht. "Tübingen war damals für Konservative sicher ein reformorientiertes Haifischbecken." Ein anderer Beobachter der Vorgänge, der Kunstgeschichtsprofessor und Theologe Josef Nolte (69), teilt Neumanns Urteil. Ratzinger habe in Tübingen eine Krise durchlebt, weil er weder theologisch noch menschlich habe Fuß fassen können. Er sei der Fakultät ein Fremder geblieben. Der höchst verletzliche und scheue Ratzinger sei stets auf ein besonderes Klima angewiesen, das er in dieser Weise in Tübingen nicht antraf. Deshalb, so Nolte, habe er das Weite gesucht.

Für die direkte, emotionale Auseinandersetzung war Ratzinger nicht geschaffen. Mit seinem leisen Organ drang er in den wilden Debatten nicht durch, versuchte es schon gar nicht. Ratzinger erwies sich auch als konfliktscheu. So ließ er sich gegen die eigene Überzeugung dazu überreden, eine Resolution mit der Forderung zu unterschreiben, die Amtszeit der Bischöfe auf acht Jahren zu begrenzen.

Auch gegenüber Küng scheute Ratzinger den Schlagabtausch. Dafür spricht die Sache mit der Dissertation von Nolte, einem Schüler Küngs, den der Schweizer sehr schätzte. Ratzinger hatte die Doktorarbeit als Korreferent zu bewerten. In einem Brief, der Nolte erst durch Küngs Erinnerungsband "Umstrittene Wahrheit" aus dem Jahr 2007 bekannt wurde, schrieb Ratzinger seinem Kollegen Küng, er könne die Doktorarbeit "einfach nicht guten Gewissens zur Annahme empfehlen". Statt zu sagen, mit mir nicht, gab Ratzinger das Korreferat zurück und bat den Dekan, einen anderen Referenten zu bestimmen. Die Arbeit ging mit "magna cum laude" (mit großem Lob) durch.

Das Verhältnis zu Küng war wohl schon 1968 getrübt. Ratzinger verheimlichte Küng seine Absichten, gab sich bedeckt. So informierte er Küng nicht über den schon 1968 ergangenen Ruf aus Regensburg. Auch sprach Ratzinger anderen gegenüber schlecht über Küng. Mit einem Menschen wie Küng, ließ er seinen Assistenten Martin Trimpe wissen, könnten er und seine Mitarbeiter nur geistig verwildern. Trimpe gegenüber erklärte er die Zusammenarbeit mit Küng für beendet. Das muss im Frühsommer 1969 gewesen sein. Küng erfuhr davon erst 24 Jahre später.

30.12.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 30.12.2009 - 09:04 Uhr

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