Viele Menschen glauben an Tierfänger, doch Beweise sind rar
Gibt es wirklich Profi-Tierfänger, die Haustiere stehlen? Tierhalter glauben felsenfest daran, im Internet warnen zig Seiten vor den Tätern. Dabei sind selbst Tierschützer äußerst skeptisch: Ist alles nur Hysterie?
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ROLAND MÜLLER
Stets umgeben von Gefahren: Freilaufende Katzen. Profi-Tierfänger gehören wohl eher nicht dazu. Archivfoto
Stuttgart Die Haustier-Mafia kommt nachts oder frühmorgens im weißen Lieferwagen. Ihre Beutezüge sind raffiniert ausgeklügelt: Unter dem Deckmantel von Altkleider- oder Schuhsammlungen kundschaften sie Wohngebiete aus. Mit Sexuallockstoffen machen sie Katzen gefügig - und nehmen sie mit, um sie an Versuchslabors und Tierfell-Produzenten zu verkaufen.
So ähnlich klingen die Geschichten über professionelle Tierfänger, die seit vielen Jahren kursieren. Sobald in einem Dorf oder Viertel mehrere Tiere spurlos verschwinden, ist das Gerücht von den Katzenfängern nicht weit. Lokalzeitungen berichten über Verdächtigungen, im Internet warnen dutzende Seiten wie "tierdiebstahl.de" vor den Machenschaften der Tier-Mafia und geben Tipps, wie man sich schützen kann.
Doch selbst Tierschützer winken ab. "Es gibt keinen stichhaltigen Nachweis für diese Geschichten", sagt Herbert Lawo vom Landestierschutzverband Baden-Württemberg. Der Reutlinger wurde selbst schon bei Verdachtsfällen zu Hilfe gerufen. "Die Polizei hat sogar mehrmals Lieferwagen von Kleidersammlern angehalten und durchsucht", sagt Lawo. Ergebnis: keins. Im Bundesgebiet ist noch nie ein Täter dingfest gemacht worden. Dennoch glauben viele Menschen felsenfest an Tierfänger. "Das ist zum Selbstläufer geworden", sagt Lawo.
Auch für die Betreiber des Tierregisters "Tasso", das jährlich 50 000 entlaufene Tiere zurückvermittelt, sind die Vorwürfe Alltag. "Das wird sehr oft an uns herangetragen", sagt Sprecher Lutz Thümmel. "Wenn die Tonnen von Kleidersammlungen aufgestellt werden, bilden sich in manchen Vierteln regelrechte Bürgerwehren." Auch Tasso-Leute hätten sich schon auf die Lauer gelegt. Heraus kam nie etwas.
Doch die Skeptiker stehen vor einem fast philosophischen Problem: Man kann nicht beweisen, dass etwas nicht existiert. "Es ist unmöglich, den Leuten das auszureden", sagt Thümmel. Dabei sind die Zweifel an der wirtschaftlichen "Verwertbarkeit" der Haustiere groß:
Versuchslabors sind gesetzlich verpflichtet, eigens gezüchtete Labortiere zu nutzen. Versuche an Haustieren sind verboten - und wären wissenschaftlich wertlos, da kontrollierte Bedingungen herrschen müssen. "Kein Labor kann sich erlauben, mit wildfremden Tieren zu experimentieren", sagt Lawo.
Für Katzen- und Hundefelle, die zu Rheumadecken und Innenfuttern verarbeitet werden, gab es bis vor kurzem zwar einen Markt. Doch der logistische Aufwand, den "Rohstoff" ausgerechnet in deutschen Wohnsiedlungen zu beschaffen, wäre kaum rentabel: Aus China und Korea konnten Felle für wenige Cent importiert werden (seit 2009 ist der Handel verboten). In Süd- oder Osteuropa gebe es zudem streunende Tiere im Überfluss.
Doch diese Argumente können die Tierdiebstahl-Aktivisten nicht überzeugen. Im Gegenteil: Sie rüsten sich für den Befreiungsschlag, um aus der "Spinner-Ecke" zu kommen. "Wir wollen die Täter aus ihren Löchern scheuchen", sagt die für Süddeutschland zuständige Mitarbeiterin von "tierdiebstahl.de". An der Existenz der Tierfänger gebe es keinen Zweifel. "Wir haben einen Staatsanwalt gefunden, der der Sache nachgeht - aber dem müssen wir Fakten liefern." Also sammelt das Aktivisten-Netzwerk akribisch Vorfälle aus ganz Deutschland, führt Listen mit verdächtigen Kennzeichen, stellt zwielichtige Firmen an den Pranger, tauscht Namen verdächtiger Personen aus. "Wir haben da zum Beispiel einen Halbrussen aus Schwaben im Visier", sagt die Mitarbeiterin, die anonym bleiben will. Warum es sich eben doch lohne, in Deutschland auf Katzen- und Hundefang zu gehen, ist für die Tierfreunde klar: "Die Tiere hier sind wohlgenährt und gepflegt, das finden sie anderswo nicht." Außerdem sei der Tierdiebstahl etwa für osteuropäische Kleidersammler auf ihren Touren nur ein Nebenerwerb.
Die Zahl der Haustiere, die jährlich verschwinden, wird auf mehrere hunderttausend geschätzt. "Die größte Gefahr ist der Straßenverkehr", sagt Petra Zipp vom Tierschutzzentrum Pfullingen. Werde ein Tier überfahren, erfahre der Halter das oft nie. Laut Lawo gibt es auch hin und wieder Fälle, bei denen Tierhasser oder gar Satanisten Tiere töten. Häufiger kommen Katzen jedoch aus Eigensinn nicht mehr zurück. "Wenn es denen woanders besser gefällt, bleiben sie einfach dort", sagt Lutz Thümmel.