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Immer mehr Männer nehmen Elternzeit

Väter in anderen Umständen

Reden über den Nachwuchs und die eigene Rolle als Vater: Damit tun sich Männer oft schwer. Das Väterzentrum in Berlin geht mit gutem Beispiel voran. Gestern war internationaler Männertag.

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PETER HENRICHMANN
Artikelbild: Väter in anderen Umständen Marc Schulte weiß, was Väter wünschen und auch Müttern großen Spaß macht: Zum

Rennautos sausen durch die Steilkurve, die Piloten blicken konzentriert auf die Rennstrecke. Wie bei der Formel 1 geht es im Berliner Väterzentrum zu. Nicht ganz so schnell, aber genauso laut. Und hier reden Männer nicht über Autos, sondern über Kinder und ihre Rolle als Vater. Säugling wickeln und Fußball gucken. Carrerabahn fahren und über gesunde Babyernährung diskutieren. Passt alles nicht zusammen, Frauensache hier, Männersache da? Irrtum, passt zusammen, im Väterzentrum Berlin. In der Hauptstadt nehmen rund 20 Prozent der Väter Elternzeit. Die Berliner Väter kümmern sich also besonders gern um ihren Nachwuchs und sie wollen wissen, wie das geht.

Artikelbild: Väter in anderen Umständen

Marc Schulte kümmert sich um die Väter. Schulte ist "Local Manager" und Mitbegründer des Väterzentrums. Mit einer Handvoll Mitarbeitern und ehrenamtlichen Helfern berät er die Väter in Berlins kinderreichstem Stadtteil Prenzlauer Berg. Von "Kind im Bauch", einem Geburtsvorbereitungskurs für Männer, bis "Kind im Brunnen", einer Beratung für Männer, die vom Kind getrennt leben, gibt es für fast alle väterlichen Lebenslagen etwas.

"Wichtig ist, dass wir mit den Vätern und die untereinander überhaupt ins Gespräch kommen, denn Männer sind da wie scheue Rehe", sagt Schulte, der selbst Vater von drei Kindern ist. Gesprächsforum ist vor allem der "Papaladen", dort wird geredet, gequatscht, Tischkicker gespielt und mit den Kindern auch mal Fußball geguckt.

"Hier kommt man spielerisch ins Gespräch", sagt Wieland Brohm, dreifacher Vater und regelmäßiger Gast im Väterzentrum. Als selbstständiger Verkehrsplaner mit eigenem Büro im Viertel und langjähriger Prenzlauer-Berg-Bewohner ist er das Reden und Diskutieren zwar gewohnt, wenn es aber um bestimmte Vaterprobleme geht, wird auch er zum "scheuen Reh". Der Papaladen sorgt dann für die nötige Atmosphäre, "die man braucht, bis man redet", sagt er. Es gibt Spiele für Papa und Kind, Kaffee nur für Väter und Apfelschorle für den Nachwuchs. Brohm kommt meistens mit seinen drei- bis sechsjährigen Kindern. Wenn die mal nicht dabei sind und die kind- und familiengestressten Väter unter sich sind, "können wir uns auch mal richtig ausheulen".

Zuletzt hieß es im Väterzentrum jedoch: "Nicht quatschen, fahren." Der "2. Große Preis vom Prenzlauer Berg" wurde ausgetragen, auf einer 27 Meter langen Carrerabahn. Die Teams, jeweils ein Vater mit Kind, treten hier gegeneinander an. Allerdings geht es dabei nicht nur um Rundenzeiten, "es gilt das olympische Prinzip: dabei sein ist alles", sagt Schulte. Der "Papaladen" wurde ausgeräumt, die Rennbahn aufgebaut, dann war eine Woche lang jeden Abend freies Training.

Anders als in der Formel 1 und bei den Männerkursen dürfen beim Rennen auch Frauen mitfahren, Babette gibt mit ihrem Sohn Juri Gas. "Wo sind die männlichen Boxenluder", fragt sie, während Juris Rennbolide aus der Kurve fliegt. "Ich bin schon ein bisschen neidisch. Hier ist vieles besser als in anderen Kindercafés. Dort ist alles rosa mit Schleife, viel zu nostalgisch."

Dann doch lieber Carrerabahn, Tischkicker und zwischen Kind, Plüschente und Bauklötzchen herumtollende Väter. Allerdings hätten viele Väter das Angebot des Zentrums auch bitter nötig, sagt Babette. "Die stehen sonntags auf dem Spielplatz neben ihren Kindern, als wären das Außerirdische."

Das Verhältnis zwischen Vätern und ihren Kindern verbessern will auch Marc Schulte. "Wichtig für deren Beziehung ist, dass Väter mit ihren kleinen Kindern auch allein was unternehmen, ohne die Mutter. Sobald die Mutter in der Nähe ist, nimmt die Beziehung des Vaters zum Kind den Umweg über die Mutter, die schon wegen der Schwangerschaft, der Geburt und durch das Stillen eine viel engere Beziehung zum Kind hat", sagt Schulte.

Das Väterzentrum nimmt Väter und Kinder mit ins Indianerdorf zum Papa-Kind-Wochenende. Oder es geht in den Großstadtdschungel, dabei wird demnächst eine Polizeiwache besichtigt, im Dezember geht es dann raus aus dem Dschungel und hinein in den Wald zum Weihnachtsbaumschlagen.

Ein Schwerpunkt bleibt aber die Beratung, damit hat es auch angefangen. "Psychosoziale Beratung" hieß das Angebot für Männer, die wegen der Trennung von der Partnerin ihr Kind nicht mehr regelmäßig sehen konnten, und reichte von Tipps zur Kontaktaufnahme bis zur Rechtsberatung durch einen Anwalt. "Heute nennen wir es Strategiegespräch", sagt Schulte. Das kommt besser an, bis heute wollen die Väter keine "Psychos" sein und geben auch in Berlin Prenzlauer Berg - zwischen Väterzentrum, vegetarischen Restaurants und Bioläden - immer noch gern den "harten Mann und Einzelkämpfer" - obwohl es reichlich Gesprächsbedarf gibt und sie letztlich nur "scheue Rehe" sind.

04.11.2009 - 08:30 Uhr | geändert: 04.11.2009 - 08:49 Uhr

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