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Zweite Todeswelle droht

Sechs Millionen Pakistani brauchen dringend Hilfe

Die Situation in Pakistan bleibt angespannt. Zwar schwellen die Flüsse ab, doch immer noch sind viele Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. Ein Tübinger Arzt hilft den Flutopfern im Norden des Landes.

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OLIVER HEIDER
Artikelbild: Sechs Millionen Pakistani brauchen dringend Hilfe Zwei pakistanische Männer versuchen, sich und ihre Kuh aus dem Überschwemmungsgebiet in Sicherheit zu bringen. Foto: AP

Charsadda Seit einer Woche ist Bernd Domres dort, wo das Schicksal mit voller Wucht eingeschlagen hat. In einer Schule in Charsadda, einer 100 000 Seelen-Stadt im Norden Pakistans, hat er den Kampf aufgenommen: gegen Lungenentzündungen, Durchfall- und Hauterkrankungen. "Die akuten Fälle haben wir im Griff, Seuchen sind zum Glück noch keine ausgebrochen", sagt der 71-Jährige der SÜDWEST PRESSE am Telefon.

Domres ist der Vorsitzende des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen, das gemeinsam mit der Hilfsorganisation Humedica sechs Ärzte nach Pakistan geschickt hat. Das südasiatische Land wurde von einer Jahrhundertflut heimgesucht; die Folgen sind schlimmer als jene des Erdbebens in Haiti oder des Tsunami 2004 in Thailand. 288 000 Häuser wurden laut den Vereinten Nationen zerstört. 1500 Menschen seien umgekommen, sechs Millionen bräuchten sofort Hilfe: Trinkwasser, Nahrung, Medizin. Sonst drohe eine "zweite Welle von Toten".

Die Hilfe erreicht indes mehr und mehr Menschen, weil sich das Wetter beruhigt. "Es hat hier zwei Tage nicht geregnet, die Flüsse schwellen etwas ab", sagt Domres. Doch Entwarnung gibt die pakistanische Meteorologiebehörde nicht: Das Schlimmste sei noch nicht vorbei. Eine zweite Flutwelle rolle durch die zentral gelegene Provinz Punjab. Und für die nächsten Tage wird erneut starker Regen erwartet.

Immerhin funktioniere die Zusammenarbeit mit Pakistans Regierung gut, erzählt Humedica-Arzt Toni Großhauser. Die lokalen Behörden hätten den deutschen Ärzten gar einen Wachdienst organisiert, der vor der Schule patrouilliert. "Eine reine Vorsichtsmaßnahme - Unruhen hat es hier keine gegeben", erzählt der 60-jährige Kinderarzt aus Hamburg, der schon sechs Jahre in Peshawar gelebt hat.

Auch Jürgen Clemens vom Malteser Hilfsdienst kennt Pakistan gut. Das Ausmaß der Schäden bedrücke ihn sehr, sagt er am Telefon. Er ist wieder in der Hauptstadt Islamabad, nachdem er im Swat-Tal Güter verteilt hatte. Noch immer seien Orte im Hochgebirge durch Erdrutsche unerreichbar. "Der Wiederaufbau dürfte Jahre dauern."

Ein Eindruck, den Thomas Schwarz von der Hilfsorganisation Care bestätigt. Er spricht von einer "logistischen Herausforderung", die rund 660 000 von der Außenwelt abgeschnittenen Menschen zu versorgen. Auch für alle anderen gebe es zu wenig Zelte. "Ich habe einen Vierjährigen mit Hustenanfällen gesehen, der auf feuchtem Lehmboden lag. Die Mutter hatte kein Geld für die Fahrt ins Krankenhaus."

Die bewilligten Staatshilfen reichten bei weitem nicht, klagt Schwarz. Privatspenden flössen spärlich. Die Zurückhaltung könne er teilweise verstehen. Ein verzerrtes Medienbild sei dafür verantwortlich, dass Pakistan als Land der Gewalt wahrgenommen werde. Doch nicht alle Bewohner sind Terroristen. Es geht um Menschenleben."

Immer wieder verüben radikal-islamische Taliban in Pakistan Anschläge. Diese haben der Bevölkerung nun 20 Millionen Dollar in Aussicht gestellt. Im Gegenzug fordern sie die Opfer zum Verzicht auf internationale Hilfe auf. Begründung: "Ungläubige", also Christen und Juden, wollten so das Volk versklaven.

Der Eindruck der Helfer in Char-sadda ist ein anderer. Zwar lehnten manche wegen des Ramadan Injektionen ab. In dieser Zeit ist jedwede Flüssigkeitsaufnahme verboten. "Die Menschen sind dankbar", sagt Domres am Telefon, als ein Mädchen im Hintergrund spricht. Domres reicht ihr das Handy, ein schüchternes "Hello" ist zu hören, dann Gekicher. "Wir sind Freunde geworden", erzählt Domres. Eine Woche will er noch bleiben, medizinisch helfen oder traumatisierten Kindern einfach einmal zuhören.

13.08.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 13.08.2010 - 08:36 Uhr

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