Russland wird von neuem Unglück heimgesucht - Hilfe kommt nicht an
Russland kommt nicht zur Ruhe. Wieder lodern Waldbrände. Dabei sind die Folgen der August-Katastrophe noch nicht bewältigt. Manche Hilfe wurde an die Betroffenen erst gar nicht weitergeleitet.
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STEFAN SCHOLL
Das ist alles, was vom russischen Ort Lapshinskaya im Distrikt Kotovo (Region Wolgograd) übrig geblieben ist. Dort wüten neue Waldbrände. Foto: dpa
Moskau Die Brandkatastrophe in Russland geht weiter. Hitze mit Temperaturen von über 30 Grad und heftige Windböen haben an der mittleren und unteren Wolga neue verheerende Waldbrände verursacht. Wie die Nachrichtenagentur RIA Nowosti meldet, gerieten im Gebiet Wolgograd 21 Dörfer in Brand, über 800 Gebäude, knapp 500 davon Wohnhäuser, wurden vernichtet. Acht Menschen kamen im Feuer ums Leben, 17 wurden verletzt. In zahlreichen Landkreisen wurden die Bewohner bedrohter Siedlungen evakuiert. Auch in der Nachbarregionen Saratow und Samara kam es zu Großfeuern. Nach Angaben der Zeitung Kommersant gerieten in Engels im Gebiet Saratow die Gebäude einer früheren Kunststofffabrik in Flammen.
Windbedingte Kurzschlüsse und Kabelrisse führten auch am Rande der Industriestadt Togliatti zu Waldbränden, eine Autobahn wurde für mehrere Stunden gesperrt, im Gebiet Wolgograd bedrohten die Flammen zeitweise ein Öllager nahe der Kosakensiedlung Lapshinskaja. In der Siedlung selbst sollen ein Kornsilo sowie 47 Häuser niedergebrannt sein. "Das war ein Wirbelsturm", erklärte ein Kreisrat gegenüber russischen Journalisten. "So etwas haben selbst unsere ältesten Einwohner nicht erlebt."
In der Wolgograder Satellitenstadt Wolsk fiel die Stromversorgung für etwa 400 000 Menschen mehrere Stunden aus. Das Ministerium für Katastrophenschutz schließt nicht aus, dass die Großfeuer auch auf die Region Astrachan, Kalmükien, Tatarstan und Baschkirien übergreifen können. Selbst auf der Halbinsel Tschukotka an der Beringstraßen wurden zahlreiche Waldbrände gemeldet.
Ende August hatte Katastrophenschutzminister Sergej Schojgu öffentlich verkündet, man habe alle Brände in Russland gelöscht oder unter Kontrolle. Tatsächlich zeigten Satellitenfotos der Nasa, dass in zahlreichen russischen Regionen viele Brände weiter loderten. Auch die Torffeuer östlich und südöstlich von Moskau schwelten trotz starker Regenfälle weiter. Ein wesentlicher Grund für das Ausmaß der neu aufgeflammten Brände ist nach Ansicht von Experten der mangelhafte Brandschutz. Nach Angaben von Greenpeace gibt der Staat in Russland für das Vorbeugen und Löschen von Waldbränden jährlich umgerechnet knapp zwei Cent pro Hektar aus, in den USA sind es mehr als drei Euro.
Währenddessen landet in Zentralrussland die humanitäre Hilfe für Opfer der Brände vom August auf Müllkippen. In zahlreichen russischen Regionen waren Hilfsgüter für jene Menschen gesammelt worden, die ihr Hab und Gut in den Flammen verloren haben. Doch die Waren kamen scheinbar nicht an. In den vergangenen Tagen fanden Anwohner auf Müllhalden in Rjasan und Mordowien - Regionen, in denen mehrere tausend Häuser zerstört wurden -, Wagenladungen aus Novosibirsk und Petersburg mit Kleidern, Spielzeug und Haushaltsgerät. Sie waren von Sozialbeamten, die die Hilfsgüter verteilen sollten, weggeworfen worden. Die Leiterin des Sozialamtes im Rjasaner Landkreis Schatzkij wurde deswegen bereits entlassen. Sie hatte den Organisatoren der Hilfsaktion in Nowosibirsk sogar einen Dankesbrief geschickt, ihre Sendung aber entsorgt.
Gegenüber der Komsomolskaja Prawda behauptete die Beamtin, die weggeworfenen Kleider, seien so abgenutzt gewesen, dass die Brandopfer selbst sie abgelehnt hätten. Dagegen sagt der Inhaber der Nowosibirsker Firma, die die Aktion organisierte, man habe nur sehr gut erhaltene oder fabrikneue Waren nach Rjasan geschickt. Die Staatsanwaltschaft untersucht nun, ob Teile der Hilfslieferungen unter der Hand verkauft worden sind.