Papst verurteilt massenhafte Übergriffe - Enttäuschung unter Opfern
Er ist mit Spannung erwartet worden und stößt nun auf geteiltes Echo: Der Hirtenbrief des Papstes zu sexuellem Missbrauch verurteilt die "sündigen und kriminellen Taten". Den Opfern geht er nicht weit genug.
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BETTINA GABBE, ROM
In seinem Hirtenbrief erwähnt der Papst die Missbrauchsfälle in Deutschland mit keinem Wort. Foto: dpa
Als Papst Johannes Paul II. vor zehn Jahren um Vergebung für Vergehen von Christen an Juden, Sinti und Roma sowie anderen gesellschaftlichen Gruppen bat, versuchte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, ihn zu bremsen. Aus der Überzeugung, dass nur einzelne Christen, nicht aber die als heilig betrachtete Kirche schuldig werden könne, drängte der heutige Papst damals auf eine Einschränkung in dem Schuldeingeständnis. Das zog heftige Kritik nach sich.
Zehn Jahre später macht Ratzinger als Papst Benedikt XVI. eine Kehrtwende, indem er erstmals die irische Kirche insgesamt auffordert, ihre Verantwortung einzugestehen, und nicht nur pädophile Geistliche oder Bischöfe, die deren Vergehen vertuschten. In dem am Samstag veröffentlichten Hirtenbrief betont er auf höchster kirchlicher Ebene "Reue, die wir alle fühlen".
In dem Schreiben an die irischen Katholiken verurteilt Benedikt "diese sündigen und kriminellen Taten" in noch schärferer Form als bisher. Aus "fehlgeleiteter Sorge um den Ruf der Kirche und zur Vermeidung von Aufsehen" seien in vielen Fällen nicht die erforderlichen Maßnahmen gegen Kindesmissbrauch ergriffen worden, heißt es in dem Brief, der auch vor dem Hintergrund der Missbrauchsfälle in deutschen und österreichischen Diözesen mit Spannung erwartet wurde.
Allerdings findet sich in dem päpstlichen Brief nicht ein einziges direktes Wort zu den deutschen Fällen, obwohl sich hierzulande immer mehr Menschen melden, die meist in den 50er bis 80er Jahren in katholischen Einrichtungen Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind. Seit Enthüllung der Übergriffe von Geistlichen auf Schüler am Canisius-Kolleg in Berlin Ende Januar wurden bundesweit mehr als 250 Verdachtsfälle in fast allen 27 Bistümern bekannt.
Das Oberhaupt von knapp 1,2 Milliarden Gläubigen müsse und könne sich nicht jeden Tag zu allem äußern, heißt es aus dem Vatikan. Den Iren gilt der Hirtenbrief vor allem deshalb, weil der Skandal dort eine andere Dimension als in Deutschland hat und bereits offizielle Untersuchungsberichte darüber vorliegen.
Die irischen Opfer der sexuellen Übergriffe bittet Benedikt in seinem Schreiben "demütig", ihn anzuhören. Diejenigen unter ihnen, die den Mut gefunden hätten, Missbrauch offenzulegen, seien vielfach auf taube Ohren gestoßen. Benedikt beschreibt, dass Kinder und Jugendliche in kirchlichen Heimen und Internaten das Gefühl haben mussten, dass es keinen Ausweg aus ihren Leiden gab. Er wählt dabei Worte, die für den auf theologische Fragen konzentrierten Papst ungewöhnlich sind. Vorwürfe an die irischen Bischöfe, die über Jahrzehnte Missbrauchsfälle vertuschten, verbindet das Kirchenoberhaupt mit der Aufforderung, weiter mit den Justizbehörden zusammenzuarbeiten. Der Vatikan werde zudem apostolische Visitatoren in besonders stark betroffene irische Diözesen entsenden, um die Lage auf der Ebene der Kirchenführung eingehend zu überprüfen.
"Im truly sorry", schreibt der Papst in seinem Hirtenbrief. Ob Benedikt damit um Entschuldigung bittet, bleibt der Lesart überlassen. Aus Sicht der irischen Opfer reichen die Worte des Kirchenoberhaupts keinesfalls aus. Die Opfer-Vertreterin Maeve Lewis sagt über den Brief: "Papst Benedikt hat eine glorreiche Möglichkeit verstreichen lassen, den Kernpunkt des kirchlichen Missbrauchsskandals anzusprechen: Die absichtliche Politik der katholischen Kirche bis in die höchsten Ebenen, Täter zu beschützen und damit Kinder zu gefährden."
"Die Entschuldigung von heute ist nicht für die Verschleierung, sie ist für den Missbrauch", sagt Andrew Madden, der 1995 eines der ersten Opfer war, die mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit traten und gegen die Kirche rechtlich vorgingen. "Mir muss keiner sagen, dass kirchlicher Missbrauch eine Straftat und eine Sünde ist." Er habe darauf gewartet, dass der Papst sich für die Verdeckung der Straftaten entschuldigt. Dafür, dass überführte Priester nicht zur Polizei, sondern nur in eine andere Gemeinde geschickt wurden."
Der zweitwichtigste Mann in Irlands katholischer Kirche, Dublins Erzbischof Diarmuid Martin, sieht das anders: "Der Papst sieht das Versagen der kirchlichen Autoritäten in der Art und Weise, wie sie mit den schändlichen und kriminellen Taten umgegangen sind."
Wie immer der Papstbrief gedeutet wird: Auffallend ist, dass sein Schuldeingeständnis vor dem Vatikan haltmacht. Es sei, darauf besteht er, die irische Kirche gewesen, die die bestehenden Normen nicht angewandt habe. Die in der vatikanischen Glaubenskongregation zuständigen Kurienmitglieder sind damit vom Vorwurf einer Mitverantwortung freigesprochen.
Auch der Forderung, in allen Ländern eine Pflicht einzuführen, jeden Pädophilie-Verdacht umgehend und ohne vorherige kircheninterne Prüfung den zivilen Strafverfolgungsbehörden zu melden, kam Benedikt nicht nach.
Dennoch offenbart der Brief ein wachsendes Bewusstsein für den Vertrauensverlust, den die Kirche angesichts der Missbrauchsfälle hinnehmen muss. Darauf deuten die Schärfe der Vorwürfe gegen die irische Kirche und die Tatsache hin, dass der Papst seinen Brief nicht wie üblich mehrere Wochen nach seiner Unterzeichnung veröffentlichte, sondern einen Tag danach.
Info
Der Vatikan hat eine eigene Internetseite zum Missbrauchsskandal eingerichtet. Unter http://www.resources.va finden sich relevante Dokumente, Ansprachen und Stellungnahmen zur aktuellen Krise.