Missbrauch: Kommission untersucht Fälle in der Diözese Rottenburg
Die Missbrauchskommission der Diözese Rottenburg-Stuttgart beschäftigte sich gestern mit einer Vielzahl neuer Verdachtsfälle. Die Vorwürfe richten sich gegen insgesamt 20 Personen, darunter 15 Priester.
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RAIMUND WEIBLE
Weil er sich um die Wurmlinger Kapelle verdient gemacht, erhielt der frühere Pfarrer der Gemeinde die Ehrenbürgerwürde. Sie könnte ihm posthum entzogen werden, wenn sich die Missbrauchs-Vorwürfe gegen ihn erhärten. Foto: Manfred Grohe
Rottenburg Seit den Enthüllungen an Jesuitenkollegien in Berlin und St. Blasien im Schwarzwald hat sich die Arbeit der Kommission sexueller Missbrauch der Diözese Rottenburg-Stuttgart erheblich ausgeweitet. Die acht Mitglieder trafen sich gestern in der Bischofsstadt und berieten über neu eingegangene Hinweise. Sie betreffen 20 Personen, darunter acht Priester der Diözese, sieben Ordenspriester, zwei Lehrer und drei Laienmitarbeiter. Zu diesen Fällen nahm der Kommissionsvorsitzende Robert Antretter zusammen mit dem Diözesanrichter Norbert Reuhs Stellung.
Bischof Gebhard Fürst blieb der Pressekonferenz fern. Er ließ seinen Sprecher Thomas Broch eine "persönliche Erklärung" verlesen. Laut Fürst befindet sich die Kirche in einer Glaubwürdigkeitskrise, "wie sie seit Generationen nicht mehr gesehen wurde". Fürst erklärte: "Das erfüllt mich mit Trauer, mit Scham für die Täter und mit tiefem Mitempfinden für die Opfer." Sexueller Missbrauch gegen wen auch immer bezeichnete er als "verabscheuungswürdigendes Verbrechen".
Die Vorwürfe beziehen sich laut Broch auf Ereignisse, die sich zwischen 1950 und den frühen 1970ern ereignet haben. Einer der Fälle betrifft den früheren Pfarrer von Rottenburg-Wurmlingen. Der 60-jährige Dichter Anton Birlinger aus Eutingen (Kreis Freudenstadt) lastet dem 1991 verstorbenen Geistlichen an, ihn als Kind sexuell missbraucht zu haben. Antretter berichtete, Birlingers Aussagen seien von anderen älteren Bürgern in Wurmlingen bestätigt worden. Der Pfarrer, der von 1948 - 1953 in Kuchen (Kreis Göppingen) tätig war, wurde 1968 wegen seiner Verdienste um die Wurmlinger Wallfahrtskapelle zum Ehrenbürger von Wurmlingen ernannt. Wenn die Stadt Rottenburg dem beschuldigten Pfarrer posthum die Ehrenwürde entziehen sollte, fände dies beim Bischof Verständnis, sagte Antretter.
Im Fall der Pius-Pflege in Oggelsbeuren (Kreis Biberach) dürfte es laut Antretter zu keinen Konsequenzen kommen. Der beschuldigte Priester soll vor mehr als 30 Jahren drei Heimkinder sexuell missbraucht haben. Nach einem ärztlichen Gutachten und nach dem Eindruck des Diözesanrichters ist der betagte Geistliche dement. Strafrechtlich sei der Fall verjährt, ihn kirchenrechtlich aufzuarbeiten, erscheine mehr als fraglich.
Morgen, Samstag, wird das bereits angekündigte Schreiben von Papst Benedikt XVI. zum Thema Kindesmissbrauch durch Geistliche veröffentlicht. Das teilte das Vatikan-Pressebüro gestern mit. Über den Inhalt wurde noch nichts bekannt.