09.09.2010 Drucken Empfehlen
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Massenweise Kinderpornos

Mammutprozess gegen neun Männer

Neun mutmaßliche Drahtzieher der Kinderporno-Szene im Internet stehen seit gestern in Darmstadt vor Gericht - und einer von ihnen will auspacken. Es geht um mehr als 100 000 Dateien mit Kinderpornos.

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Darmstadt Die neun Angeklagten würdigen einander vor dem Landgericht Darmstadt kaum eines Blic-kes. Zu Beginn eines der bundesweit größten Prozesse um Kinderpornografie im Internet mit mehr als 100 000 sichergestellten Sex-Dateien versteckt ein Hauptangeklagter sein Gesicht hinter einer Zeitung. Ein anderer Mann erscheint mit einer in die Stirn gezogenen Pudelmütze. Bis Mitte Dezember sind fast zwei Dutzend Verhandlungstage geplant. Für kommenden Dienstag werden Aussagen der Männer erwartet - einer von ihnen will angeblich auspacken.

Die Anklage ist mehr als 160 Seiten lang. Die Männer im Alter zwischen 30 und 58 Jahren sollen sich "nach und nach zusammengefunden" und als Drahtzieher streng geheime Treffpunkte im Internet organisiert haben, wie Oberstaatsanwalt Rainer Franosch zu Beginn des Mammutprozesses sagte. In diesen "chats" und "boards" genannten Netzwerken sollen Dateien massenweise ausgetauscht worden sein - sogar Vergewaltigungs-, Fessel- und Folterszenen.

"Das waren keine harmlosen Nacktbildchen", sagte Oberstaatsanwalt Franosch. Die Opfer: Kinder, Jugendliche, sogar Säuglinge. Franosch beschrieb die sichergestellten Dateien als "unvorstellbar hart". Die Aufnahmen hätten für ihn als Ermittler schon "eine erhebliche Belastung" bedeutet. Ein Teil des Materials stamme aus Deutschland. Rund 500 Nutzer sollen beteiligt gewesen sein, etwa 140 von ihnen wurden ermittelt. Gegen sie laufen gesonderte Verfahren.

Die Angeklagten kommen aus mehreren Bundesländern. Sechs von ihnen sitzen in Untersuchungshaft. Das Verlesen der Anklage dauerte knapp drei Stunden. Dies und Verfahrensfragen nahmen den größten Teil des ersten Prozesstages in Anspruch. Ein Hauptangeklagter muss sich zudem wegen des mehr als 20-fachen, mitunter schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern verantworten - vor den Augen eines seiner Opfer, das im Gerichtssaal saß. Die heute junge, erwachsene Frau ist eine Nebenklägerin.

Im Internet habe sich die Bande "abgeschottet vom polizeilichen Zugriff" zu bewegen versucht, sagte Franosch weiter. Die Männer seien "teilweise sehr konspirativ" vorgegangen. "Die Treffpunkte konnten selbst mit Suchmaschinen wie Google nicht gefunden werden." Für die "streng hierarchisch aufgebauten" Treffs seien Bezeichnungen wie "Zauberwald" und "Sonneninsel" gewählt worden. Teilnehmer hätten sich mit Spitznamen wie "Waldmeister" und "Lumpi" getarnt.

Wer dazugehören wollte, habe erst einmal eine Art Aufnahmeprüfung bestehen müssen - "eine Keuschheitsprobe ablegen", nannte dies ein Ermittler. Je mehr pornografisches Material herbeigeschafft wurde, umso höher sei ein Nutzer in der Hierarchie geklettert. "Aber wer gegen Sicherheitsrichtlinien verstieß, wurde bestraft oder gelöscht", schilderte Franosch.

Die Bande war nach einem anonymen Hinweis bei einer Razzia vor einem Jahr aufgeflogen. Die Ermittler waren auf mehr als 100 000 Dateien gestoßen. dpa

09.09.2010 - 08:30 Uhr
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