Kloster bemüht sich nach Missbrauchsskandal um Neuanfang
Das wegen Missbrauchsvorwürfen in die Schlagzeilen geratene Kloster Ettal plant einen Neuanfang. Personell ist davon wenig zu sehen: Die zurückgetretene Klosterleitung ist rehabilitiert und wieder im Amt.
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IRIS HILBERTH
Wieder da: Abt Barnabas Bögle, hier bei einer Pressekonferenz im Februar - vor seinem zeitweiligen Rücktritt. Foto: dpa
Es ist ein dicker Ordner geworden. Und jedes Blatt, das in ihm in den vergangenen fünf Monaten abgeheftet wurde, ist eine Beschreibung, die Entsetzen auslöst: Prügelstrafen für Klosterschüler, Demütigungen, sexueller Missbrauch, Kinderpornos aus dem Internet. 80 Opfer- und Zeugenberichte haben Sonderermittler und Ombudsleute in ihrem Bemühen um Aufklärung der Geschehnisse im Kloster Ettal zusammengetragen. Als "Sachstandsbericht zur Aufarbeitung der Vorwürfe sexuellen Missbrauchs und körperlicher Misshandlung", liegt er nun auf dem Tisch.
Anfang März, als die Opfer nach und nach den Gang an die Öffentlichkeit wagten, waren Abt Barnabas Bögle und der Leiter der Klosterschule und Prior der Abtei, Pater Maurus Kraß auf Druck des Erzbischofs von München und Freising, Reinhard Marx, von ihren Ämtern zurückgetreten. Denn in München war man der Ansicht, die beiden hätten die Erzdiözese über die ihnen bekannten Missbrauchsvorwürfe informieren sollen. Bögle hatte damals in einem Brief an die Schüler und Eltern der Klosterschule betont, die Schuld, die das Kloster auf sich geladen habe, verlange nach einer grundlegenden Neuorientierung. Inzwischen, kurz bevor das Schuljahr in Bayern zu Ende geht, hat das Kloster wieder eine "reguläre Leitung". Die beiden zurückgetretenen Brüder sind von Rom rehabilitiert und seit dem 11. Juli auch wieder im Amt: Ettal geht mit Bögle als Abt und Kraß als Prior in die Zukunft.
Die wird vor allen durch die Aufarbeitung der Vergangenheit geprägt sein. Ein Großteil der Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs richtet sich gegen den verstorbenen Pater Magnus. In seinem Nachlass hatte das Kloster im Januar ein Bekennerschreiben gefunden. Die im Sachstandsbericht aufgeführten Taten sind bereits verjährt. Hinzu kommen zwei nicht verjährte Vorwürfe, hier seien die Ergebnisse der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen abzuwarten, teilte das Kloster mit. Weiter heißt es: "Die beiden noch lebenden Ordensmitglieder, die wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurden, sind bis zur endgültigen Klärung von allen seelsorgerischen und pädagogischen Aufgaben entbunden." Alle Patres und Erzieher, gegen die Vorwürfe körperlicher Gewaltanwendung gegen Kinder und Jugendliche erhoben wurden, seien nicht mehr im pädagogischen Bereich des Klosters tätig.
Aber sie sind noch da, und sie leben mit denen, die sich nun der Aufklärung verschrieben haben wollen, unter einem Dach. Sie sitzen bei den Mahlzeiten am Tisch, beten gemeinsam. In einem Interview sagte Bögle, es falle manchmal schwer, gemeinsam zu beten.
Bögle und Kraß hatten seit 2005 beziehungsweise 1997 die Positionen des Abts und Schulleiters inne, bis sie Erzbischof Marx zum Rücktritt drängte. Dabei ging es nicht um Fälle aus der Vergangenheit, sondern um einen Vorwurf aus dem Jahr 2005. Ein Pater soll einem weinenden Jungen unter dem T-Shirt den Rücken gestreichelt haben. Münchens Ordinariat kritisierte, das Kloster habe den Fall nicht gemeldet. Rom veranlasste eine "Apostolische Visitation", die beiden Emissäre des Papstes konnten allerdings kein Fehlverhalten der Klosterleitung feststellen. Rom rehabilitierte Bögle und Kraß, sie hätten alles getan, was von der Sache her geboten war. Die 45 stimmberechtigten Mönche des Benediktiner-Ordens in Ettal wählten Bögle darauf zum Leiter des Klosters und dieser bestellte Kraß wieder zum Prior, der Antrag zu dessen Wiedereinsetzung als Schulleiter wurde beim Kultusministerium gestellt.
Erzbischof Marx ließ mitteilen, er akzeptiere die Entscheidung Roms. Der unabhängige Sonderermittler Thomas Pfister hatte ein "hermetisches Schweigen und Wegsehen" von Ordensbrüdern kritisiert, aber keine konkreten Anhaltspunkte für die Vertuschung eines Verdachtsfalls durch Bögle und Kraß gefunden. Ausdrücklich begrüßt wurde die Wiederwahl durch Eltern und Schüler des Benediktinergymnasiums. Die Elternschaft habe von Anfang an Vertrauen in die Klosterleitung gesetzt, so die Elternvertreter.
Bögle selbst hält sich in der Beurteilung seiner Wiederwahl betont zurück. In einem Interview sagte er, es sei kein Amt, das man wollen dürfe. Seine Brüder hätten ihn gewählt, jetzt wolle und müsse er sich dem stellen. In seiner Erklärung zum erneuten Amtsantritt betonte er, dass er sich den Grundsätzen der Deutschen Bischofskonferenz verpflichtet sehe: Entschiedene Aufklärung, Hilfe für die Opfer und Sicherstellung, dass künftig keine jungen Menschen mehr gefährdet werden. Inzwischen hat das Kloster eine Opferhilfestelle eingerichtet, über die Anträge befindet ein Kreis aus vier nicht dem Kloster angehörigen Fachleuten und drei Mönchen. Alle Therapiekosten würden vom Kloster bezahlt, das Geld stamme nicht aus Kirchensteuermitteln.
Bei Neueinstellung von Erzieher- und Lehrpersonal muss jetzt ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt werden, zudem sollen Fortbildung für das Thema "Sexueller und gewalttätiger Missbrauch von Kindern und Jugendlichen" sensibilisieren. Bögle: "Wir brauchen Transparenz. Nichts darf vertuscht werden und es darf kein Wegschauen geben."