Eine SPD-Politikerin und ein runder Tisch werden sich im Auftrag der Bundesregierung mit dem Missbrauchsskandal auseinandersetzen. Das Vertrauen in die katholische Kirche sinkt indes drastisch.
Berlin Die Bundesregierung will die bekanntgewordenen Fälle von sexuellem Missbrauch in Schulen und Kirchen mit einem Beratergremium und einer zentralen Anlaufstelle aufarbeiten. Das Kabinett ernannte gestern die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) zur unabhängigen Beauftragten für die Bekämpfung des Missbrauchs. Die 70-Jährige soll Ansprechpartnerin für Opfer sein und Vorschläge zu "materiellen und immateriellen Hilfen" erarbeiten. Außerdem wird ein ressortübergreifender runder Tisch mit Experten und Betroffenen über Prävention, Opferentschädigung und rechtspolitische Konsequenzen beraten. Das Gremium soll aus 40 Teilnehmern bestehen und kommt am 23. April erstmals zusammen.
Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wollte ursprünglich ein eigenes Gremium zu Entschädigungsfragen und juristischen Schlussfolgerungen einrichten. Jetzt wird es ein einziges Gesprächsforum geben. Leutheusser-Schnarrenberger kündigte an, bei dem von mehreren Ministerien geleitetem runden Tisch auch den strafrechtlichen Umgang mit Missbrauchsfällen ansprechen zu wollen. Für sie sei die Durchsetzung des staatlichen Strafanspruchs eine wichtige Aufgabe.
In Bayern konstituierte sich gestern ein eigener runder Tisch gegen sexuellen Missbrauch, der nach Angaben von Landesjustizministerin Beate Merk (CSU) vor allem das Ziel hat, die Schutzstrukturen zu verbessern oder neue zu schaffen.
Eine Forsa-Umfrage offenbart derweil, dass der Missbrauchsskandal das Vertrauen der Bundesbürger in den Papst und die katholische Kirche dramatisch hat einbrechen lassen. Demnach vertrauen nur noch 17 Prozent der katholischen Kirche und 24 Prozent dem Papst. Ende Januar hatten noch 29 Prozent Vertrauen in die Kirche bekundet, 38 Prozent in Papst Benedikt XVI. Inzwischen ist aber selbst bei den Katholiken nur noch eine Minderheit Papst und Kirche gegenüber positiv gestimmt.
Der Theologe Hans Küng warf dem Papst vor, in seiner früheren Funktion als Chef der Glaubenskongregation wichtige Informationen über Missbrauchsfälle geheim gehalten zu haben. "Es gab in der ganzen katholischen Kirche keinen einzigen Mann, der so viel wusste über die Missbrauchsfälle, und zwar ex officio - von seinem Amt her", sagte Küng im Schweizer Fernsehen. Er bezog sich dabei auf einen Brief, den Joseph Ratzinger 2001 geschrieben hatte. In dem 2005 bekanntgewordenen Schreiben, das auch auf der Webseite des Vatikans steht, seien die kirchlichen Würdenträger angewiesen worden, alle Voruntersuchungen und Anschuldigungen zu Missbrauchsfällen an Ratzinger weiterzuleiten. Das Schreiben ging an alle Bischöfe. ddp/apn/dpa