Kabinett schafft Voraussetzungen zur Umsetzung ab 2010 im Land
Herointherapie kann starten
Am Montagabend wird das Kabinett die Umsetzung der Herointherapie in Baden-Württemberg absegnen. Damit findet ein jahrelange Streit ein Ende. Die Behandlung kann wohl noch 2010 beginnen.
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ROLAND MUSCHEL
Spritzbesteck für synthetisch hergestelltes Heroin, das Schwerstabhängige unter strenger ärztlicher Kontrolle auf Rezept erhalten werden. 2010 soll die Therapie, die sich im Modellversuch bewährt hat, in Baden-Württemberg beginnen. Archivfoto
Stuttgart Mit einem Kabinettsbeschluss wird sich die CDU-FDP-Landesregierung am Montagabend endgültig auf die Umsetzung des Bundestagsbeschlusses zur Freigabe der Herointherapie festlegen. Die Behandlung der bis zu 300 Schwerstabhängigen in Baden-Württemberg an den geplanten neun Standorten kann aber frühestens Ende 2010 beginnen. Das geht aus einer Kabinettsvorlage von Sozialministerin Monika Stolz (CDU) hervor, die der SÜDWEST PRESSE vorliegt. Wer an der Herointherapie teilnehmen will, muss laut dem Papier seit mindestens fünf Jahren opiatabhängig sein, zwei oder mehr erfolglose Therapieversuche mit Methadon oder Subutex hinter sich haben und 23 Jahre oder älter sein.
Dass das Land der Einführung eines möglichst flächendeckenden Behandlungssystems zustimmt, war lange nicht absehbar gewesen. Immerhin hatte sich die Landes-CDU 2006 per Parteitagsvotum auch mit den Stimmen von Ministerpräsident Günther Oettinger und CDU-Fraktionschef Stefan Mappus gegen die kontrollierte Abgabe von synthetisch hergestelltem Heroin an Schwerstabhängige gewandt. "Kein Heroin auf Rezept" lautete damals die Mehrheitsmeinung der Partei - entgegen der Empfehlung ihrer Sozialministerin, die vergeblich mahnte, es gehe darum, Schwerstkranken zu helfen.
Dabei war in einem Modellprojekt in mehreren deutschen Großstädten wie Karlsruhe der Erfolg der neuen Therapie im Vergleich zur Methadonbehandlung untersucht worden. Das Ergebnis fiel dabei nach Meinung weiter Teile der Fachwelt zugunsten der Herointherapie aus, wobei deren Verfechter das Wort Diamorphin bevorzugen.
Nachdem Bundestag - mit Stimmen von SPD, FDP, Grünen und Teilen der CDU - sowie Bundesrat den Weg für die Diamorphintherapie frei gemacht haben, hat auch die CDU-Landesspitze ihren Widerstand aufgegeben. Das Kabinett wird Stolz daher nun beauftragen, bis Ende Juni 2010 ein konkretes Umsetzungskonzept mit Standorten und Trägern für die Herointherapie vorzulegen. Erst dann soll auch über die Finanzierung entschieden werden. Als Standorte hat eine Expertengruppe bereits im Sommer Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, Heilbronn, Stuttgart, Tübingen/Reutlingen, Singen, Ulm und Ravensburg vorgeschlagen. In der Vorlage wird auf diese Empfehlung verwiesen, zugleich schreibt Stolz aber: "Über die konkreten Standorte wird noch entschieden." Hintergrund ist offenbar, dass sich vereinzelte Abgeordnete hinter den Kulissen vehement gegen ein solches Therapiezentrum in ihrem Wahlkreis wehren.
Dass sich die Umsetzung länger hinzieht als von Befürwortern erhofft, hängt aber auch an noch fehlenden Voraussetzungen für die neue Therapieform von Seiten des Bundes. So fehlt bisher die Anerkennung von Diamorphin als verschreibungsfähiges Betäubungsmittel durch das Bundesinstitut für Arzneimittel. Die wird aber in Kürze erwartet. Außerdem muss der Gemeinsame Bundesausschuss die Therapie noch in die Kostenverantwortung der gesetzlichen Krankenversicherung aufnehmen. Aber auch dafür gibt es positive Signale.