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Viel Beifall für Forderungen

Gregor Gysi wirbt mit Kohls Steuersatz

Vor 20 Jahren trat die gewendete SED noch als PDS zur Bundestagswahl an. Inzwischen hat sie sich auch im Westen als die Linke etabliert. Und ihr Fraktionschef im Bundestag, Gregor Gysi, findet großen Zuspruch.

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BETTINA WIESELMANN
Artikelbild: Gregor Gysi wirbt mit Kohls Steuersatz

Stuttgart Der Star des Abends lässt auf sich warten. Zeit, um im gesteckt vollen Saal des Stuttgarter Gewerkschaftshauses politisch zu fachsimpeln: "Ich sehs als Automechaniker", sagt der Mittvierziger, "die Abwrackprämie war falsch, den Werkstätten fehlt jetzt das Geschäft." Sein Nebensitzer nickt, ihn treibt anderes um: "Jeder weiß doch, wir haben Überkapazitäten in der Autoindustrie: die Partei muss weg von ihrer Kurzatmigkeit, sonst kriegen Lafontaine und Gysi Probleme."

Artikelbild: Gregor Gysi wirbt mit Kohls Steuersatz

Wenn einer an diesem Mittwochabend keine Probleme kriegt, dann ist es Gregor Gysi. Uli Maurer, Stuttgarter Abgeordneter und überregional als Geschäftsführer der Linken im Bundestag bekannt, spielt mit dem Fraktionschef Doppelpass: "Ich mach dein Vorprogramm." Ehe der schmächtige Gysi beweisen soll, "dass die Linke Charme hat" (Maurer), haut der Hüne auf die Pauke: "Hartz IV, das System organisierter Armut, muss abgewählt werden!" Beifall brandet auf.

Der einstige SPD-Vormann im Land schießt sich sofort auf seinen eigentlichen Gegner ein, indem er genüsslich Finger in die alten Wunden der Genossen legt: Waren es nicht die Sozialdemokraten, die im Bundestag erst "tausende von Millionen" locker gemacht haben, um "der Finanzindustrie aus dem Wasser zu helfen", aber dann "gegen ein bisschen mehr Geld für Hartz-IV-Kinder" gestimmt haben? Und was ist geworden aus Willy Brandts Verdikt des Krieges als "ultima irratio"? "Unerträglich" sei die Bundeswehr in Afghanistan. "Steinmeier hat es verdient, dass er aus der Verantwortung befreit wird", ruft Maurer den fast 600 Zuhörern zu. "Wer uns wählt, lässt sich nicht einlullen und mit Wischiwaschi-Slogans betrügen."

An Klartext lässt es auch Gregor Gysi in seiner gut einstündigen Rede nicht fehlen. Aber er setzt auch immer wieder Pointen, provoziert Lacher: Wenn alle anderen Parteien beklagten, dass zu wenig Kinder geboren würden, "dann doch wahrscheinlich nicht, weil es handwerklich verlernt wurde"? Die Menge johlt vor Vergnügen. Vielmehr fehle es an den angemessenen Rahmenbedingungen - bis hin zu einem einheitlichen Schulsystem in ganz Deutschland. An keiner anderen Stelle erntet Gysi so viel Beifall, wie mit der Forderung, Kinder nicht schon nach vier Schuljahren zu trennen: "Die können doch nichts dafür, wenn die Eltern Professoren oder Hartz-IV-Empfänger sind."

Trotz mancher Abschweifung, den roten Faden verliert der Ober-Rote nie: Da sind auf der einen Seite, bloß keine Differenzierungen, "die vier neoliberalen Fraktionen" Union, SPD, FDP und Grüne, die alle miteinander in einer "Konsens-Sauce" schwimmen. "Die würden uns viel netter behandeln, wenn wir mit drin wären." Die Linke aber, variiert Gysi wieder und wieder, lässt sich nicht vereinnahmen, steht, wie es der Slogan verspricht, für "Widerstehen. Sagen, was ist. Politik verändern." Das ist, wie der gelernte Anwalt mit dem scharfen Verstand immer wieder anmerkt, "ganz einfach": Also: "Raus aus Afghanistan", weil es "keine humanitäre Intervention gibt, jede ist inhuman." Schon Maurers Wahlkreiskollegin hatte zu Beginn des Abends unter Applaus Zeugnis davon abgelegt, dass das historische Gedächtnis der Linken nicht allzu ausgeprägt ist: Die Linke, "die Partei der Freiheit", sei gegen Mauer und Stacheldraht - in Palästina.

Der Schwerpunkt der Gysi-Rede liegt auf der Innenpolitik. Das Rentensystem müsse, "ganz einfach", nur wie in der Schweiz organisiert werden. Dann zahlten auch Millionäre ein und das Rentenniveau aller, die gearbeitet haben, wäre auskömmlich. Hierzulande aber habe sich "die SPD entsozialdemokratisiert" und die Rente mit 67 eingeführt, gegen die Mehrheit der Bevölkerung, die ohnehin immer öfter anders denke, als die Politik dann entscheide. Auch die Grünen kriegen unter Gelächter ihr Fett weg: "Mal waren sie Hausbesetzer, jetzt sind sie Hausbesitzer!"

Der einsame Protest eines schwäbischen Zuhörers geht unter: "Was gibt es denn da zu lachen, wenn man ein Haus besitzt?" Gysi ist schon weiter, schlägt im rot-grünen Sündenregister nach und pickt sich die Absenkung des Spitzensteuersatzes unter Kanzler Schröder heraus, der eine "gigantische Umverteilung von unten nach oben" befördert habe: statt 53 nur noch 42 Prozent. Mit der Linken, die viel Geld braucht, um viel Geld zu verteilen, ginge es gerechter zu deshalb wieder auf die 53 Prozent, die zu Kanzler Kohls Zeiten galten - "Ich kenne ihn, der war und ist kein Linksextremist. "

Die Linke radikal? Gysi macht sich darüber lustig, führt zum x-ten Mal den Gegenbeweis: Wenn Amerikaner ihre Steuerbürger auch dann belangen können, wenn diese zum Zweck der Ersparnis ihren Wohnsitz ins Ausland verlagern, "dann machen wir doch bei uns mal US-Recht"! Den Konsens-Saucen-Parteien seien bloß bürokratische Probleme dazu eingefallen.

"Die regieren schon lange nicht mehr", läutet Gysi die Schlussrunde ein, "die reagieren nur noch." Nämlich "empfindlich" auf die Linke. Würde die Linke schwächer, "werden die unsozialer und brutaler". Der Umkehrschluss stimme auch, was man allen weitersagen müsse: "Wenn Deine Partei sozialer werden soll, musst Du die Linke wählen - nur die FDP kriegen wir nicht hin." Vor allem aber gilt für Gysi und Genossen: Wenn es je was werden solle mit Rot-Rot, "muss die SPD jetzt eins auf die Mütze kriegen".

21.09.2009 - 08:39 Uhr | geändert: 21.09.2009 - 09:05 Uhr

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